Am Tag nach Steve Jobs' Tod Angezählte Shopper bedrohen das Apple-Imperium

Ex-Apple-Chef Steve Jobs war eine Art Henry Ford der Technologie. Er hat teure Computer in erschwingliche Massenprodukte zu verwandeln geholfen und Konkurrenten überrannt. Doch er musste abtreten, als sein Lebenswerk Apple in Gefahr geriet - durch die sich anbahnende Wirtschaftskrise.
Von Markus Gärtner
Steve-Jobs-Nachfolger Tim Cook: Mit Apple vor Heruasforderungen

Steve-Jobs-Nachfolger Tim Cook: Mit Apple vor Heruasforderungen

Foto: Kevork Djansezian/ Getty Images

Hamburg - Steve Jobs lässt Apple auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zurück. Der Technologiegigant hat eine Börsenkapitalisierung von 355 Milliarden Dollar erreicht und im September für kurze Zeit Exxon Mobil  als das wertvollste Unternehmen der Welt überholt. Seit dem Januar 2009, als die Börsen in der Finanzkrise ihren Tiefpunkt erreichten, hat der Kurs von Apple sich mehr als vervierfacht.

Es ist fast eine Ironie, dass der Tod des Mitbegründers Steve Jobs kurz nach Bekanntwerden am Mittwochabend nicht nur das weltweit bekannte Apfel-Logo auf die Monitore von Mumbai über Manhattan bis Frankfurt am Main zauberte, sondern fast genauso viele weiße Wale. Das sind die Tierchen, die auftauchen, wenn Twitter von Meldungen überwältigt wird.

10.000 Tweets pro Sekunde sind durch das von Apple so geprägte Kommunikationsuniversum geschossen, nachdem Associated Press den Tod von Steve Jobs meldete. Das waren 20 Prozent mehr als nach der Verkündung der Popikone Beyoncé bei den Video Music Awards im August, dass sie schwanger sei. Mehr als 2,8 Millionen Tweets sausten binnen Minuten durch das Internet, und es gab kaum jemanden, der nicht binnen Kurzem die Nachricht vom Tod des Apple-Genies erfuhr.

Doch was nun? Wie geht es mit Apple weiter? Das Unternehmen hat eine Art Zenith erreicht. Es hat - angetrieben von der kaum vorstellbaren Innovationskraft, dem Drive und dem Perfektionswillen seines Co-Gründers - so ziemlich alle Mitstreiter in den Boden gerammt. Der finnische Handyproduzent Nokia  kämpft ums Überleben, Research in Motion, eine kanadische Hightech-Ikone, hat völlig den Schwung verloren.

Gegenkultur im Hightech-Establishment

Währenddessen verändern die Produkte von Steve Jobs und Apple die Welt. Seit dem Launch des iPad genannten Tablet-PCs im Jahr 2010 lesen Millionen Menschen die Zeitung nicht mehr wie früher. Bücher schmökern sie auf kleinen flachen Bildschirmen im Zug oder im Flieger nach New York. Als die Pariser Modewoche am Mittwoch zu Ende ging, saßen führende Einkäufer in der ersten Reihe und knipsten fleißig jedes vorbeilaufende Model. Am Ende der Show blätterten sie in ihrem Real-Time-Katalog und entschieden, was sie kaufen wollten.

Fluggesellschaften von der Lufthansa  bis zu United in den USA und Singapore Airlines überlegen derzeit, ihre Unterhaltung an Bord zu revolutionieren und iPads für das Inflight-Entertainment einzuführen, weil das deutlich Kosten und Gewicht sparen könnte. Zumindest Steve Jobs' Ideen und Produkte werden uns also lange nach seinem Tod begleiten.

Steve Jobs mag ein schwieriger Chef gewesen sein, aber er ist eine Art Henry Ford der Technologie geworden. Er hat teure Computer in erschwingliche Massenprodukte zu verwandeln geholfen, und er hat die ganze Branche mit ständigen Innovationen regelrecht vor sich hergetrieben. Apple war eine Gegenkultur im Hightech-Establishment. Gäbe es einen Nobelpreis für Manager und Designer, Jobs hätte ihn vermutlich bekommen. "Sei hungrig, sei verrückt", hat er Studenten gerne gesagt. Herausforderungen waren immer eine Chance. Man wüsste zu gerne, was er als Kanzler in der europäischen Schuldenkrise getan hätte.

Doch jetzt ist er viel zu früh abgetreten. In einer Zeit, die selbst für Apple  große Herausforderungen bedeutet. Die Konsumenten sind weltweit ausgezehrt, selbst im kreditfinanzierten Dauerkonsumland Amerika stoppt Arbeitslosigkeit die Shopping-Mall-Stürmer. Jahrzehnte haben westliche Gesellschaften über ihre Verhältnisse gelebt. Das bringt Banken ins Wanken, ganze Länder wie Portugal, Irland oder Griechenland an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs, viele Arbeitsmärkte - vor allem in Apples Heimatland USA - an den Rand einer Implosion, und die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Rezession. Davon kann auch Apple nicht unberührt bleiben.

Steve Jobs hinterlässt für Jahrzehnte Inspiration

Die von Apple hochgeschraubte Schlagzahl in der Techbranche wird derweil für das Unternehmen selbst zu einem Problem. Als in dieser Woche die erwartete Vorstellung des iPhone 5 ausblieb, war unter den Fans smarter Mobilität die Enttäuschung weltweit groß. Doch in Fuzhou, im Südosten Chinas, beschlagnahmte die Polizei an diesem Donnerstag 61 iPhones der 5. Generation, die bis auf 90 Prozent dem Original, auf das so viele Fans noch fieberhaft warten, gleichen. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua waren sie als "das jüngste iPhone 5" gekennzeichnet.

Damit haben fernöstliche Plagiatoren im Bereich der Smartphones einen neuen unrühmlichen Meilenstein markiert: Wie bei Kinofilmen aus Hollywood bringen sie die Fakes auf den Markt, bevor die Konsumenten im Westen die Originale in der Hand halten. In diesem Umfeld wird es immer schwieriger, durch neue Produkte einen Mehrwert zu kreieren, selbst wenn geniales Design und Funktionalität dahinterstehen.

"Er hatte doch gerade erst angefangen", sagte heute Disney-Präsident Bob Iger über den verstorbenen Steve Jobs. "Sein Einfluss wird über Generationen zu spüren sein", sagt Bill Gates. Vielleicht ist das auch, was die Börsianer denken. Die Apple-Aktie legte an Jobs' Todestag zum Auftakt des Handels in New York über vier Dollar auf 382 zu, ein Plus von mehr als einem Prozent. Nach Panik sieht das nicht aus, eher nach nach Anlegern, die sich sagen: Das Haus ist gut bestellt und wird noch für einige Zeit vom Drive und der Genialität profitieren, mit der Jobs das Unternehmen stets antrieb.

Sein Erfolgsrezept - die Ehe zwischen Hightech und eleganter, simpler Form - wird von seinen Nachfolgern beherzigt werden. Doch der Tod von Steve Jobs hat auch aufgezeigt, dass selbst Genies Grenzen haben. "Niemand will sterben", hat er in einer berühmten Rede vor sechs Jahren zu US-Studenten gesagt, "selbst Leute, die in den Himmel wollen, möchten das nicht". Auch Jobs konnte die physischen Grenzen des Lebens nicht überwinden. Aber er hinterlässt für Jahrzehnte Inspiration: "Ich bin verliebt in die Welt, die Steve Jobs erschaffen hat, seit ich meinen ersten Apple Mac besaß", gestand der Autor der Satanischen Verse, Salman Rushdie, als er gestern vom Tode des Apple-Mitbegründers hörte.

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