Zum Tode von Steve Jobs Ein Leben in drei Geschichten

Steve Jobs wohl berühmteste Rede hielt der Unternehmer im Juni 2005 bei einer Entlassungsfeier an der kalifornischen Stanford-Universität. Den Studenten erzählte Jobs damals drei Geschichten. Sie handelten von Mut, Glauben und dem Tod. Ein Rückblick.
Von Kristian Klooß
Steve Jobs: "Ihr müsst die Dinge tun, von denen ihr überzeugt seid, dass sie gut sind."

Steve Jobs: "Ihr müsst die Dinge tun, von denen ihr überzeugt seid, dass sie gut sind."

Foto: REUTERS

Hamburg - "Die Wahrheit ist, ich habe nie einen College-Abschluss gemacht", begann Steve Jobs im Juni 2005 seine vielleicht wichtigste Rede. Eingeladen hatte die nahe San Francisco gelegene Stanford-Universität. In eine schwarze Robe gekleidet, sprach der Apple-Chef damals auf der Entlassungsfeier der Studenten. "So nahe wie heute, bin ich einer Abschlussfeier nie gekommen", sagte Jobs damals.

Die Studenten lachten und klatschten. Jobs indes blieb ernst. Drei Geschichten möchte er heute erzählen. "Drei Geschichten, nicht mehr", sagte Jobs.

Dann begann er. Den Studenten erzählte er von seiner Kindheit. Zur Adoption freigegeben, hatte seine Mutter die Stiefeltern dazu gedrängt, ihm eine Universitätsausbildung zukommen zu lassen. Aus der Arbeiterklasse stammend, hätten diese fast ihr gesamtes Geld gespart, um ihrem Adoptivsohn 17 Jahre später die Ausbildung am Reed College im US-Bundesstaat Oregon zu finanzieren.

Nach sechs Monaten des Studium abgebrochen

Doch es lief nicht, wie es hätte laufen sollen. Nach sechs Monaten brach Jobs das Studium ab. "Ich sah keinen Sinn in dem, was ich am College hätte lernen sollen", erzählte Jobs den Studenten. Stattdessen habe er Vorlesungen über Kalligrafie besucht. Geschlafen habe er bei Freunden. Um sich Essen kaufen zu können, habe er Flaschenpfand gesammelt.

"Es war nicht romantisch", sagte Jobs. Aber es so zu machen, sei im Nachhinein die beste Entscheidung gewesen, die er hätte treffen können. Jobs veranschaulichte dies am Beispiel der von ihm aus reiner Neugierde besuchten Kalligrafie-Vorlesung. Dort, so der Unternehmer, habe er vieles über Schrifttypen und die idealen Größen und Abstände von Buchstaben erfahren. "Nichts von dem, was ich damals gelernt habe, schien auch nur den Funken einer praktischen Anwendung in sich zu tragen", sagte Jobs.

Doch zehn Jahre später sollte sich dies ändern. "Mit dem Macintosh schufen wir den ersten Computer, der wunderschöne Schriftarten verwendete." Und da Windows den Mac einfach nur kopiert habe, sei es nur wahrscheinlich, dass ohne die von Apple eingeführten Schrifttypen bis heute kein Computer über verschiedene Schriftarten verfügen würde.

Erneut erntete Steve Jobs Applaus und Gelächter. Doch während die Studenten im Publikum noch lächelten und flüsterten, sprach Jobs weiter, ohne die Miene zu verziehen.

Die zweite Geschichte: vom Scheitern

Seine zweite Geschichte handelte von seiner Entlassung. Als Zwanzigjähriger habe er Apple mitgegründet - gemeinsam mit Steve Wozniak, den er an diesem Tag wie keinen seiner Mitstreiter, Wettbewerber und Gegner in seiner Rede namentlich nannte. Mit dreißig sei er dann von seinem eigenen Unternehmen gefeuert geworden. Apple, so Jobs, war zu diesem Zeitpunkt von einem Zwei-Mann-Garagenbetrieb zu einem Konzern mit zwei Milliarden Dollar Umsatz gewachsen. "Ein Jahr zuvor hatten wir unser bestes Produkt, den Macintosh, auf den Markt gebracht."

"Wie kann man von seinem eigenen Unternehmen gefeuert werden?", fragte Jobs dann ins Publikum. Die Antwortet liefert er gleich mit. Er habe einen "talentierten Manager" angeheuert, der gemeinsam mit ihm das stark gewachsene Unternehmen führen sollte. "So ungefähr ein Jahr lang ging das gut", sagte Jobs. Dann habe es Uneinigkeit über die Zukunftspläne gegeben. Im Streit der beiden habe sich das Aufsichtsgremium Apples gegen ihn, den Gründer, entschieden. "Ich war raus. Und das ziemlich öffentlichkeitswirksam", sagte Jobs.

Der "talentierte Manager", der Apple danach allein führte, war im Übrigen der einstige Pepsi-Präsident John Sculley. Später sagte Sculley in einem Interview, dass es im Rückblick der größte Fehler gewesen sei, ihn anstelle von Steve Jobs zum Chef des Unternehmens zu machen. "Aber das Apple-Aufsichtsgremium war nicht bereit, Jobs im Alter von 25, 26 den CEO-Posten zu überlassen."

Wie ein Ziegelstein ins Gesicht

Das war 1985. Jobs verließ das Unternehmen. "Ich war am Boden zerstört", sagte er den Stanford-Studenten in seiner Rede. "Ich wollte dem Silicon Valley den Rücken kehren." Doch dann habe er sich anders entschieden. "Denn ich habe immer noch geliebt, was ich damals gemacht habe."

Dass ihn Apple gefeuert habe, sei das Beste, was ihm hätte passieren können. Denn so habe er die Möglichkeit gehabt, das zu tun, was ihm gefiel. Und das tat er. Innerhalb der nächsten zehn Jahre habe er Pixar zum wichtigsten Studio für Animationsfilme wie "Toy Story" aufgebaut.

Ein halbes Jahr nach Jobs Stanford-Rede würde Pixar im Übrigen vom Disney-Konzern gekauft - für rund 7,4 Milliarden Dollar.

Ein weiterer Meilenstein sei die Gründung des Unternehmen Next gewesen. Auch Next wurde schließlich übernommen - und zwar 1997 vom damals strauchelnden Apple-Konzern. Das von Next entwickelte Betriebssystem wiederum wurde zur Grundlage für das spätere Betriebssystem Mac OS X - und Next-Chef Jobs wurde bald zum neuen Apple-Chef.

"Ich bin sicher, dass dies nicht passiert wäre, wenn ich nicht von Apple gefeuert worden wäre", sagte Jobs den Studenten in seiner Rede. "Manchmal trifft dich das Leben wie ein Ziegelstein ins Gesicht."

Dann forderte der Unternehmer seine Zuhörer auf: "Verliert dennoch nie den Glauben. Ihr müsst lieben, was ihr tut. Ihr müsst die Dinge tun, von denen ihr überzeugt seid, dass sie gut sind." Dies sei der einzige Weg, Großes zu leisten. "Und wenn ihr das, was ihr liebt, noch nicht gefunden habt, dann sucht weiter. Gebt euch nicht zufrieden."

Die dritte Geschichte: vom Sterben

Die dritte Geschichte, die Steve Jobs den Studenten im Juni 2005 mit auf den Weg gab, reichte ebenfalls zurück in die Jugendzeit des Unternehmers. Als 17-Jähriger hatte er einst ein Zitat aufgeschnappt. Es lautete: "Wenn du jeden Tag so lebst, als sei es dein letzter, wirst du irgendwann sicher Recht haben."

Erneut lachten die Studenten. Und wieder verzog Jobs hinter dem Rednerpult keine Miene.

Seit er dieses Zitat das erste Mal gelesen habe, stelle er sich an jeden Morgen, wenn er in den Spiegel schaue, die Frage, was er tun würde, wäre dieser Tag der letzte in seinem Leben. "Zu wissen, dass ich einst sterben werde, war immer die wichtigste Hilfe für die bedeutsamen Entscheidungen in meinem Leben." Denn fast alles, seien es die Erwartungen der Mitmenschen, der persönliche Stolz, die Angst, sich zu Blamieren oder zu Scheitern, all dies falle im Angesicht des Todes von einem ab. "Du stehst dann bereits nackt dar und es gibt keinen Grund mehr, nicht dem eigenen Herzen zu folgen."

Anschließend erzählte Jobs den Studenten von seiner Krebserkrankung. Ein Jahr vor seiner Rede in Stanford hatte er die Nachricht erhalten, dass sich ein Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ausgebreitet hatte. "Mein Doktor teilte mir mit, ich solle meine persönlichen Angelegenheiten regeln", sagte Jobs. "Die Ärzte gaben mir noch drei bis sechs Monate." Bei einer weiteren Untersuchung, bei der die Ärzte Zellen aus der Bauchspeicheldrüse näher untersuchten, kam es jedoch zu einer Wende. "Meine Frau sagte mir, dass der Arzt, der die Zellen unter dem Mikroskop angeschaut hatte, begonnen habe zu weinen." Denn der Tumor gehörte zu jener sehr seltenen Form, die heilbar waren.

"Es war der Moment, in dem ich dem Tod am nächsten war", sagte Jobs. "Und ich hoffe, es wird für einige weitere Jahrzehnte bei diesem einen Moment bleiben."

Das war im Juni 2005.

Zur letzten Präsentation nicht mehr anwesend

Im Januar 2007, rund anderthalb Jahre nach seiner Stanford-Rede, präsentierte Steve Jobs der Welt schließlich ein schwarzes, tastenloses Smartphone mit den Worten: "Es kommt immer mal wieder vor, dass ein revolutionäres Produkt daherkommt, das alles verändert." Mehr als 100 Millionen iPhones wurden seither verkauft.

Für die Vorstellung des iPads im Januar Januar 2010 erschien der Apple-Gründer zwar erneut auf der Bühne - wie gewohnt im schwarzen Rollkragenpullover, Bluejeans und weißen Turnschuhen. Doch sein Körper war bereits ausgemergelt, nachdem er sich 2009 einer Lebertransplantation hatte unterziehen müssen. Im August 2011 trat Steve Jobs als Apple-Chef zurück.

Zur Präsentation der neuesten Version des iPhones am 5. Oktober 2011 hatte er nicht mehr die Kraft. Er starb wenige Stunden nach der Veranstaltung. "Friedlich, umgeben von seiner Familie", wie seine Frau und die vier Kinder mitteilten.

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