Motorola-Übernahme Googles Milliardencoup

Google hat sich mit der Übernahme von Motorolas Mobilfunksparte aus der Patentfalle rund um das Betriebssystem Android befreit. Der Suchmaschinenkonzern könnte jetzt sogar den Weg Apples einschlagen. Doch CEO Larry Page betont, dass genau dies nicht passieren wird.
Von Kristian Klooß
Motorola und Google: Seit 2008 kooperieren beide beim Betriebssystem Android.

Motorola und Google: Seit 2008 kooperieren beide beim Betriebssystem Android.

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Hamburg - Die Ankündigung Googles, die Handysparte des Technologiekonzerns Motorola zu kaufen, schlug an der Börse und in der Branche ein wie eine Bombe. Der Internetriese bezahlt für Motorola Mobility 12,5 Milliarden Dollar (8,8 Milliarden Euro). Den Motorola-Aktionären bietet Google 40 Dollar pro Aktie, was einem Aufschlag von rund 63 Prozent über dem Handelswert des vergangenen Freitag entspricht. Schon Ende des Jahres, spätestens aber Anfang 2012, soll der Kauf abgeschlossen sein. Nur noch die Kartellbehörden müssen zustimmen.

Akquisitionen gehören für Google seit dem Börsengang im Jahr 2004 zum Tagesgeschäft. Mehr als 120 Unternehmen hat der Internet-Konzern seither übernommen, darunter im August 2005 auch das Start-up Android.

Die größten Übernahmen bislang waren allerdings im Oktober 2006 das mit damals 1,65 Milliarden Dollar (1,15 Milliarden Euro) bewertete Internet-Videoportal Youtube und im April 2007 das Online-Werbenetzwerk Doubleclick für 3,1 Milliarden US-Dollar (2,43 Milliarden Euro). Die 8,8 Milliarden Euro, die die Kalifornier jetzt für Motorola Mobility auf den Tisch legen, sind aber noch einmal eine andere Größenordnung.

Wohl auch deshalb plant Google , das akquirierte Unternehmen künftig als eigenständige Einheit zu führen. Das heißt, der bisherige Motorola-Chef Sanjay Jha und sein Team werden weiterhin die Geschicke des Unternehmens leiten.

Google erkauft sich Schutz vor Microsoft, Apple und RIM

"Motorola hat hohes Wachstumspotenzial", betonte Larry Page auf einer aus Anlass der Übernahme kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz am Montagnachmittag. Von der führenden Stellung des Hardwareherstellers in der Verbraucherelektronik erhoffe er sich vor allem weitere Innovationen, von denen auch Google profitieren könne. Namentlich nannte er die Felder Kabelnetze und Telekommunikation als weitere Innovationsfelder.

Um den Hauptgrund der Übernahme machte der Google-Chef indes kein Geheimnis. "Es ist wichtig, dass wir das Entwicklungsumfeld von Android schützen", sagte Page. Dabei verwies er vor allem auf die jüngsten Patentstreitigkeiten mit Microsoft und anderen Unternehmen.

Der Patentstreit zwischen Google um das Betriebssystem Android hatte sich in den vergangenen Monaten immer weiter hochgeschaukelt. Beteiligt waren dabei vor allen die Android-Konkurrenten Research in Motion (RIM) , Apple  und Microsoft . Die drei letzteren Unternehmen hatten sich erst im Juli - im Wettstreit mit Google - rund 6000 Patente aus dem Fundus des kanadischen Telekommunikationsausrüsters Nortel gesichert. Der Wert: rund 4,5 Milliarden Dollar (3,12 Milliarden Euro).

Darüber hinaus hatte sich erst vor einigen Tagen ein Patentstreit zwischen Microsoft und dem Android-Anbieter Motorola  zugespitzt. Dabei ging es um verschiedene Patente, die Motorola mit seinen Android-Smartphones nach Einschätzung von Microsoft verletzt. Motorola hatte in dem Streit unverhofft Unterstützung von Google bekommen: Der Suchmaschinenanbieter hatte die US-Außenhandelsbehörde ITC aufgefordert, einen von Microsofts benannten Zeugen auszuschließen, da dieser den Android-Quellcode kenne.

17.000 Patente sollen Google und Android Luft verschaffen

Google, Microsoft und Apple - das parallel unter anderem den Android-Anbieter Samsung  verklagt - treffen sich derzeit im Streit um Patente ohnehin regelmäßig vor Gericht. Googles Chefjustiziar David Drummond warf ihnen daraufhin in einem Blogeintrag vor, mit "dubiosen" Patentansprüchen die Kosten von Mobiltelefonen mit Googles Smartphone-Betriebssystem in die Höhe treiben zu wollen.

Denn als Späteinsteiger in den Mobilfunkmarkt verfügt Google bislang nur über einige wenige einschlägige Patente. Die Akquisition Motorolas könnte für den Suchmaschinenkonzern daher ein Befreiungsschlag sein. Schließlich hält Motorola - das schon vor dreißig Jahren das weltweit erste kommerziell verwertbare Mobiltelefon präsentierte - rund 17.000 Patente und dazu Rechte an mehr als 1500 Applikationen. Dies entspricht in absoluten Zahlen knapp dem Dreifachen des Nortel-Patentportfolios von Microsoft, Apple und RIM.

Mit der Übernahme des Hardware-Herstellers Motorola Mobility könnte der Software-Anbieter Google theoretisch denselben Weg einschlagen, den auch der ebenfalls im Silicon Valley ansässige Wettbewerber Apple seit Jahren erfolgreich geht: die Integration von Software und Hardware. Auf Analysten-Fragen bezüglich einer sich veränderten Konkurrenzsituation gegenüber den bisherigen Android-Partnern reagierte Google allerdings gelassen und beschwichtigend. "Ich habe gestern mit den wichtigsten fünf Android-Lizenznehmern gesprochen", sagte Andy Rubin, Chefentwickler des Betriebssystems, auf der Pressekonferenz. Keiner von ihnen - darunter Samsung, HTC und LG - hätte Bedenken hinsichtlich einer möglichen direkten Konkurrenz mit Google gehabt.

Nokia und RIM gelten als Übernahmeziele

Auch Larry Page betonte in diesem Zusammenhang noch einmal, dass es "keine Veränderungen dahingehend geben wird, wie wir Android betreiben." Ziel der Akquisition sei es, Android als offenes Betriebssystem zu erhalten. Zwar hat Google in der Vergangenheit immer wieder auch eigene Hardware-Produkte herausgebracht - so zum Beispiel den im Juli vorgestellten E-Book-Reader "iriver". Für die Anbieter von Android-Smartphones und Android-Tablets dürften die Aussagen des Google-Chefs dennoch zunächst einmal beruhigend klingen. Denn gerade die Offenheit macht das Betriebssystem - derzeit laut Gartner mit 43,4 Prozent Anteil Marktführer im Smartphone-Markt - für diese Hersteller so attraktiv.

Vom Gedeih des Betriebssystems haben vor allem jene Anbieter profitiert, die früh auf Android gesetzt haben - darunter auch Motorola. Seit 2008 kooperiert der Konzern aus dem US-Staat Illinois mit den Kaliforniern in Sachen Android. Vor allem deshalb, so Motorola-Chef Sanjay Jha, gehöre Motorola in den Vereinigten Staaten, Südamerika und China zu den Marktführern.

Das der Google-Motorola-Deal Schule machen könnte, daran haben auch die Börsianer keinen Zweifel. Als mögliche Übernahme-Kandidaten gelten Nokia , die seit Februar ohnehin bereits eng mit Microsoft kooperieren und der strauchelnde Blackberry-Hersteller RIM (Kurswerte anzeigen).