Bezahlsysteme Afrika umarmt die mobile Technologie

Ob bestellen, bezahlen oder überweisen: Alltagstransaktionen laufen auch im tiefen Busch über Smartphones, der Markt für entsprechende Software boomt. Jetzt mischt auch das deutsche Softwarehaus SAP im Afrika-Geschäft mit. 
Von Andrea Jeska
Neues Geschäftsgebiet: Das mobile Web in Afrika

Neues Geschäftsgebiet: Das mobile Web in Afrika

Foto: REUTERS

Hamburg - Die Vorreiterrolle, die der afrikanische Kontinent in der Benutzung des Internets mittels Mobiltelefon übernommen hat, könnte er demnächst im Bereich elektronische Bezahlung behaupten. Die großen Projekte zur Erprobung von elektronischen Bezahlsystemen und Cyberwallets laufen zwar in den Industriestaaten, doch wie man mit einem kurzen Klick bezahlt, bestellt und überweist machen zurzeit die Afrikaner vor.

In keinem westlichen Land ist der Anteil internetfähiger Handys so hoch, wie in den afrikanischen Schwellenländern. Bereits über 80 Prozent der dortigen Mobiltelefonbesitzer loggen sich mobil ins Internet ein, Tendenz steigend. Laut dem Cisco  Visual Networking Index, einem Index zur Entwicklung von IT-Produkten, werden im Jahr 2015 788 Millionen Nutzer ausschließlich mobil ins Netz gehen. Während der Markt der mobilen Anschlüsse in Europa zurzeit einen Zuwachs von 1,3 Prozent im Jahr hat, liegt er in Afrika bei 15 Prozent.

Das Handy am Ohr eines Afrikaners ist ein gängiges Bild, selbst in abgelegenen ländlichen Regionen. 30 bis 50 Prozent der jeweiligen Landesbevölkerung sind dort Handybesitzer. Damit ist Afrika der am schnellsten wachsende Markt in diesem Bereich. 2008 gab es 280 Millionen Handyverträge auf dem Kontinent, 2010 waren es bereits über 400 Millionen. Computer sind in Afrika rar, Internetverbindungen langsam und teuer sind, Stromversorgungen unzuverlässig. Also gehen die meisten Afrikaner ins mobile Telefonnetz. Die Kosten für Airtime sind niedrig und Empfang gibt es auch im tiefsten Busch.

Spätestens seit die tunesische und die ägyptische Revolutionsbewegung mittels Social Media vorangetrieben wurden, ist ersichtlich, welche wichtige Rolle das Mobiltelefon auf dem Kontinent spielt. Jon von Tetzchner, Mitbegründer des führenden Internetanbieters für Mobiltelefone, Opera, behauptet: "Das mobile Web beginnt, die ökonomische, politische und soziale Situation des Kontinents zu verändern."

Vorreiter Vodafone

Von weltweit 100 Millionen Menschen, die bereits die Möglichkeiten der mobilen Bezahlung nutzen, leben ein Viertel in Afrika. Den Löwenanteil der Cyberwallets findet man in Asien, dort sind es 60 Prozent. In den europäischen Staaten dagegen hat sich das mobile Bezahlsystem noch wenig durchgesetzt, nur 10 Prozent nutzen es dort.

Pionier des mobilen Bezahlsystems für Afrika ist die kenianische Telekommunikationsfirma Safaricom, die das Bezahlsystem M-Pesa erfand und es 2007 in Kooperation mit Vodafone  auf den Markt brachte. In M-Pesa-Büros, deren Verbreitung beträchtlich ist, kann man Geld auf sein Handy einzahlen und abheben, per Mobiltelefon Überweisungen tätigen und Rechnungen bezahlen. Damit erleichtert Safaricom den Afrikanern ihren Alltag und vergrößert auch ihre finanzielle Selbstbestimmung - ein Faktor, der im Zuge eines endlich erwachten afrikanischen Selbstbestimmungsbewusstseins nicht unerheblich ist.

Millionen Afrikaner besitzen kein Bankkonto, und für weitere Millionen ist der Weg zur nächsten Bank zeitintensiv und teuer. Von 41 Millionen Kenianern jedoch besitzen 22 Millionen mobile Telefonanschlüsse. Gehälter werden seither in Kenia direkt auf das Handy überwiesen, Miete, Strom und Wasserkosten von dort abgebucht. Wer auf dem Land lebt und jeden verdienten Cent umdrehen muss, überlegte sich früher, ob er für eine finanzielle Transaktion Geld für den Transport in die nächste Stadt ausgibt.

Früher mussten sich in der Stadt arbeitende Kenianer in einen "Chicken Bus", einen überfüllten öffentlichen Bus quetschen, wenn sie ihrer Verwandtschaft auf dem Lande Geld zukommen lassen wollten, verloren Zeit und Nerven und riskierten dazu noch, ausgeraubt zu werden. Heute genügt die Mobilnummer des Nehmers und das Geld ist auf dessen Handykonto.

Jetzt mischt auch SAP mit

Auch der deutsche Software-Multi SAP  hat neue Apps speziell für Afrikas Alltag entwickelt. In Südafrika bietet SAP ein Bestellprogramm für den klein- und mittelständischen Handel. Per Software laden Besitzer von Einzelhandelsläden in ländlichen Gebieten einen Großhändlerkatalog auf ihr Handy, tippen auf das Bild der Ware, geben Stückzahl ein und schicken ab. Der Großhändler sammelt alle Bestellungen und kann Mengenrabatt vergeben.

Die SAP-Software erstellt eine Lieferroute, und die Ware wird dem Händler direkt vor die Tür gebracht. Der muss seinen Laden nicht schließen, um Waren zu kaufen, hat keine Transportkosten. Noch wird der Lieferant in bar bezahlt, aber auch das soll bald der Vergangenheit angehören.

Für den westafrikanischen Staat Ghana hat SAP ein Programm für Kleinfarmer entwickelt, das ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Waren nicht mehr an den nächstbesten Bieter verschleudern zu müssen, sondern zunächst Preise und Marktentwicklungen kontrollieren und sich dann einen Abnehmer suchen zu können. Käufer wiederum können unter den Farmern den mit dem besten Angebot wählen.

Solche Apps sind mehr als nur segensreiche Technologie, die den Alltag der Afrikaner erleichtern, längst sind sie auch ein Schritt in individuelle Freiheiten. Bezahlsysteme machen unabhängig von Banken und ihren Gebühren, Bestellsysteme ermöglichen einen größeren unternehmerischen Spielraum und Apps für Informationen über einen bestimmten Markt erlauben Farmern, die Preise für ihre Ware zu bestimmen und sich diese nicht diktieren zu lassen. Die Informationstechnologie sorgt für eine größere politische und wirtschaftliche Emanzipation, als es Entwicklungshilfeprojekte und Almosen je konnten. Und nirgends wird sie so stürmisch begrüßt, wie zwischen Kap und Kairo.

Von dieser Entwicklung wollen auch Kreditkarteninstitute profitieren. Wollen sie in Afrika und wohl auch weltweit nicht bald ihre letzte Karte ausgeben, müssen sie die Kreditkarte für das Handy erfinden. Zu den ungesicherten Gerüchten der Branche gehört zurzeit die Behauptung, Apple  werde im Iphone 5 eine Visakarte integrieren.

Jüngst jedenfalls kündigte Visa an, man arbeite an einer Reihe von kundenspezifischen mobilen Zahlungssystemen, die je nach Markt verschieden seien. Zu näheren Auskünften zu dieser Ankündigung war man bei Visa zwar nicht bereit, doch ein Marktinsider sagte dem manager magazin, Visa habe einen Deal mit der ruandischen Regierung geschlossen, dort ein Pilotprojekt für Cyber-Kreditkarten zu starten.

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