Personenkult Wie Apple-Chef Jobs von Mythen profitiert

Er wird bestaunt und bewundert: Apple-Chef Steve Jobs kann wieder einmal mit einem Rekordquartal glänzen. ESMT-Professor Konstantin Korotov sagt im Gespräch mit dem manager magazin, warum sich Jobs deshalb erlauben kann, seine Leute zu schikanieren - und dennoch jeder für ihn arbeiten möchte.
Apple-Chef Steve Jobs auf der Bühne: "Wir lieben Dich!"-Rufe aus dem Publikum

Apple-Chef Steve Jobs auf der Bühne: "Wir lieben Dich!"-Rufe aus dem Publikum

Foto: REUTERS

mm: Professor Korotov, der Apple-Gründer Steve Jobs wird von Mitarbeitern wie von Kunden geradezu abgöttisch verehrt. Dabei scheint Jobs alles andere als ein besonders liebenswerter Mensch zu sein. Es gibt unzählige Anekdoten darüber, wie er Untergebene schikaniert und Kunden bevormundet. Wie erklären sie sich diesen Widerspruch?

Korotov: Das ist kein Widerspruch. Bei Jobs und Apple handelt es sich um ein Lehrbuchbeispiel dessen, was wir "charismatischen Führungsstil" nennen. Ein charismatischer Anführer muss bewunderungswürdig sein, aber nicht unbedingt liebenswürdig. Charismatische Führerschaft entsteht ja, wenn Gefolgsleute darauf hoffen, durch ihre Nähe zum Anführer etwas zu bekommen, was sie sonst nicht kriegen können. Zum Beispiel, das Gefühl, zu einer gesellschaftlichen und technologischen Avantgarde zu gehören. Ein Kleinwenig vom vermeintlichen Genius eines Steve Jobs färbt ab auf jeden, der ein Apple-Produkt kauft und erst recht auf jeden, der für Apple arbeitet.

mm: Zugegeben, Apple baut recht ansprechende Elektrokleingeräte. Aber wie kann das den derzeitigen Jobs-Kult rechtfertigen? Auf der jüngsten Apple-Entwicklerkonferenz in San Francisco schrien die Zuschauer "Steve, wir lieben Dich!" als Jobs die Bühne betrat.

Korotov: Charismatische Führungsfiguren haben immer typische Eigenschaften, unabhängig davon, aus welcher Branche sie kommen, ob sie ein Unternehmen, eine Religionsgemeinschaft oder eine Partei führen. Sie müssen es erstens schaffen, eine attraktive Vision zu formulieren, der sich Gefolgsleute gerne anschließen. Ganz wichtig sind zweitens vermeintliche Wunder: Über die Vergangenheit charismatischer Führer kursieren immer die unglaublichsten Geschichten.

mm: Etwa Jobs Nahtoderfahrung, als er an vermeintlich tödlichem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, der sich gegen alle Wahrscheinlichkeit als heilbar herausstellte.

Korotov: Vermutlich zählt diese Begebenheit auch dazu, ja. Noch entscheidender erscheint mir bei Apple allerdings das Motiv von Vertreibung und Rückkehr: Wie Jobs 1985 den Chefposten in seiner eigenen Firma verlor, dann 1997 kurz vor der Pleite als Retter erschien und Apple zu nie gesehener Größe führte. Drittens gehört zum charismatischen Führungsstil eine gewisse Gnadenlosigkeit im Umgang mit all jenen, die den Anführer enttäuschen oder sich ihm widersetzen. Nur so lässt sich die typische Mischung zwischen Bewunderung und Furcht hervorrufen, die wir auch gegenüber einer Vaterfigur oder einem strengen Gott empfinden. Und schließlich viertens: Der Verstoß gegen Konventionen. Charismatische Führer machen Dinge anders, leben anders, sehen anders aus als durchschnittliche Angehörige der Führungselite - oder sie erwecken zumindest glaubhaft diesen Eindruck.

mm: Jobs schwarzer Rollkragenpullover als Führungsinstrument?

Korotov: Ganz genau, ebenso wie die Blue Jeans, die Turnschuhe von New Balance - nicht gerade eine Mainstream-Marke - und die Angewohnheit, bei Produkt-Präsentationen die eigentliche Neuheit erst ganz zum Schluss vorzuzeigen, eingeleitet mit dem ikonischen Satz "One more thing".

mm: Was bringt es Unternehmen eigentlich, einen charismatischen Anführer an der Spitze zu haben?

Korotov: Betriebswirtschaftlich betrachtet sieht die Sache ziemlich nüchtern aus: Im Vergleich zu anderen Unternehmern strengen sich die Mitarbeiter für weniger Geld mehr an. Die Gelegenheit, sich im Abglanz des Ruhmes des Anführers zu sonnen, bildet einen Teil der Vergütung. Darüber hinaus sind charismatisch geführte Unternehmen auf der Management-Ebene vergleichsweise stabil. Wer sich dem Anführer nicht unterordnen mag, ist schnell draußen, der Rest der Mannschaft bleibt meist lange an Bord. Man will sein Idol ja nicht enttäuschen. Und Entscheidungen des Anführers werden meist ohne langes Zögern umgesetzt.

Das Apple-Problem mit dem Kultfaktor

mm: Und wenn das Idol mal falsch liegt?

Korotov: Dann verkehrt sich diese Stärke in eine Schwäche, weil auch die falsche Entscheidung umgesetzt wird, ohne sie zu hinterfragen. Wir sollten nicht vergessen: Enron unter dem Jeff Skilling war ein charismatisch geführtes Unternehmen. Skillings Jünger sind ihm gefolgt bis in den Untergang.

mm: Was passiert mit Apple, wenn Jobs endgültig abtritt? Wegen seiner labilen Gesundheit hat er die Unternehmensführung im Tagesgeschäft ja bereits abgegeben.

Korotov: Bei Apple wird ja offensichtlich gerade versucht, Jobs Charisma zu institutionalisieren. Joel Podolny, der ehemalige Dekan der Yale Business School, fasst derzeit Jobs wegweisende Entscheidungen in einer Serie von Fallstudien zusammen. Solch ein Vermächtnis kann helfen, den Geist des charismatischen Führers über seine Amtszeit hinaus zu erhalten. Die katholische Kirche hat die 2000 Jahre seit Jesus Tod ja auch einigermaßen überstanden - nicht zuletzt dank der Kraft der biblischen Überlieferung. Andererseits: Solch ein Vermächtnis macht es Jobs Nachfolger schwer, sich vom Managementstil seines Vorgängers zu lösen.

mm: Zum Abschluss eine eher philosophische Frage: Gelangen charismatische Anführer eigentlich zwangsläufig in Führungspositionen? Oder nehmen wir sie nur als charismatische Anführer wahr, weil sie eine Führungsposition innehaben?

Korotov: Ganz klar Letzteres! Charismatische Führerschaft erfordert erstens einen Menschen mit dem Potenzial zum Anführer, zweitens Gefolgsleute, die sich auch führen lassen wollen, und drittens eine passende Situation: Etwa eine technische Revolution, an deren Spitze sich der Anführer stellt; oder eine Bedrohung von außen, vor der ein Anführer Schutz verspricht.

mm: Und ohne passende Gelegenheit und willige Jünger wäre Jobs heute nur ein verschrobener Hippie?

Korotov: Zumindest wäre er vermutlich nicht Führer des wertvollsten Computerkonzerns der Welt.

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