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Apfel und Beere: Topgeräte von RIM und Apple im Vergleich

Aktionärsklagen Blackberry-Hersteller RIM ohne Gespür für Reklame

Sinkende Bedeutung, angeschlagene Manager: Börsen-Darling RIM fällt im globalen Wettkampf um den rasant wachsenden Markt für Smartphones zurück. Auf der Hauptversammlung hat sich das Management in der Nacht zu heute der Kritik gestellt - und den Forderungen, das Unternehmen aufzuspalten. Es kam anders.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Die Revolte ist ausgeblieben. Ganz überwiegend ruhig und gesittet ging es zu beim Aktionärstreffen des kanadischen Blackberry-Herstellers Research in Motion (RIM) gestern Abend in Ontario. Im Vorfeld hatte es heftige Kritik an der Doppelspitze der beiden Co-CEOs Jim Balsillie und Mike Lazaridis gehagelt. Sogar Zweifel an der Zukunft des einstigen Tech-Darlings wurden geäußert.

Analysten bei der Royal Bank of Canada, dem größten Kreditinstitut im Ahornland, verlangten vor der Aktionärsversammlung eine Aufspaltung des Konzerns in eine Netzwerksparte und ein Smartphone-Unternehmen. Das soll, so der Analyst Mike Abramsky, den Innovationsprozess beschleunigen und mehr Werte für die Aktionäre schaffen. Grund für derartige Kritik: Kanadas führende Hi-Tech-Firma fällt seit Monaten im globalen Wettkampf um den rasant wachsenden Markt für Smartphones zurück.

Allein von Februar bis Mai war der Anteil der Kanadier am globalen Smartphonemarkt um 4,2 Prozentpunkte auf 24,7 Prozent gefallen. Gleichzeitig legten die Erzrivalen kräftig zu. Die Android-Geräte bauten mit einem Plus von 5 Prozentpunkten ihre Marktführung aus, auf jetzt 38 Prozent. Das iPhone verbesserte sich in dieser Zeit von 25 auf fast 27 Prozent. Die schlechtesten Nachrichten für RIM kommen vom Heimatmarkt Nordamerika. Dort brach der Marktanteil seit 2009 sogar von 50 Prozent auf 17 Prozent ein. Der Blackberry-Hersteller, so fürchten nicht wenige Analysten, könne ein Schicksal wie Nokia  erleiden. Die Finnen werden im Kampf gegen Apple  und Google  derzeit regelrecht aufgerieben.

Die Schleifspuren in der Quartalsbilanz bei RIM sind nicht zu übersehen. Der Gewinn im ersten Finanzquartal bis Ende Mai fiel um 10 Prozent, die Führungsposition im wichtigen US-Markt ging verloren, der Markt wächst schneller als der frühere Börsen-Darling. Die RIM-Aktie  wurde gnadenlos abgestraft: Sie notiert jetzt 60 Prozent unter ihrem 52-Wochenhoch und hat seit ihrem Höchststand 2009 bei 140 Dollar satte 80 Prozent eingebüßt. Die Marktkapitalisierung, vor drei Jahren noch bei 80 Milliarden Dollar, liegt jetzt bei 15 Milliarden. Das ist Schwindsucht in einem boomenden Markt.

Chief Operating Officer braucht Auszeit

Im Juni musste das Unternehmen auch noch den Ausblick für das laufende Finanzjahr drosseln. Es war die zweite Korrektur bei der Gewinnprognose in diesem Jahr. Für das Finanzjahr 2012 wurde die Gewinnschätzung von 7,50 Dollar je Aktie auf 5,25 bis 6,00 Dollar gestutzt. Der angepeilte Umsatz verringerte sich von 4,8 Milliarden auf 4,2 Milliarden Dollar. Am Management geht dieser Stresstest nicht spurlos vorüber: RIMs COO nahm vor ein paar Wochen wegen gesundheitlicher Gründe eine Auszeit. Der Marketingchef verließ im Februar das Unternehmen, nur kurz vor der Einführung des neuen Tablets.

RIM, so erklären Beobachter die Misere, hat beim Wechsel von reiner Geschäftskundschaft ins Massensegment die Kurve nicht schnell genug bekommen: Von den beliebten Touchscreens bis hin zu den bei Teenagern geschätzten Applikationen für Spiele und Videos droht Apple den Kanadiern den Rang abzulaufen. Seit diesem Frühjahr wird der einst legendäre Blackberry-Bauer sogar als Übernahmekandidat gehandelt. Balsillie und Lazaridis befinden sich im Belagerungszustand: "Die Blackberrys, die wir im Portfolio haben, sind seit knapp einem Jahr auf dem Markt", erläuterte Balsillie vor ein paar Tagen, "die Auslieferung neuer Produkte ist schwieriger als wir gedacht hatten", versucht er Verzögerungen zu erklären. Zuletzt wurde auch deutlich, dass RIM selbst in seinem angestammten Markt - bei Geschäftsleuten - unter Druck gerät.

RIM zählt mehr als 90 Prozent der Fortune 500-Firmen zu seinen Kunden. Manager schätzen vor allem die hohe Übertragsungssicherheit der Blackberries. Doch immer mehr Firmen erlauben ihren Beschäftigten, sich die Smartphones für den Firmengebrauch selbst auszusuchen. Der Einfluss der IT-Manager auf die Geräteauswahl nimmt sichtbar ab. Laut dem Research-Unternehmen Strategy Analytics ging der Marktanteil der von Firmen gekauften Smartphones seit 2009 von 15 Prozent auf 7 Prozent zurück. "RIM wird attackiert von Apple und den Android-Geräten", sagt der Mobilmarkt-Analyst John Jackson beim Analyseunternehmen CCS Insight in Solihull, Großbritannien: "Was sich im Konsumentenmarkt abgespielt hat, wiederholt sich jetzt auch im Firmenmarkt", sagt er. Anstatt auch im Massenmarkt anzugreifen geriet RIM überraschend auf seinem angestammten Markt in die Defensive.

Einige Analysten verloren im Frühjahr regelrecht die Geduld: "Im US-Markt ist der BlackBerry nicht mehr wettbewerbsfähig", urteilt scharf Pierre Ferragu beim Investment-Manager Sanford C. Bernstein in New York, "wir erwarten, dass die Konsumenten die Überlegenheit von Apple und den Android-Smartphones erkennen". Ferragu bezeichnete im April die Blackberry-Serie gar als "angeknackste Marke". Noch deutlicher drückte seinen Unmut Ende Juni nach der Vorlage der jüngsten Quartalszahlen Stephen Jarislowsky, der CEO beim kanadischen Vermögensverwalter Jarislowsky Fraser Ltd., aus: "Ich glaube, das Spiel für RIM ist aus", so Jarislowsky knapp, "ein Soufflé steigt nicht zwei Mal".

Gut aufgestellt in den Schwellenmärkten

Bei genauem Hinsehen erweist sich RIM jedoch als gesund aufgestelltes Unternehmen: Der Umsatz verdoppelte sich in den beiden zurückliegenden Geschäftsjahren. Allein im ersten Quartal bis Mai wurden eine Milliarde Dollar in Cash generiert. Die Bruttomarge fiel mit 44 Prozent besser aus als erwartet. Für die eskalierende Konkurrenz um den rasant wachsenden Smartphonemarkt ist das Unternehmen mit drei Milliarden Dollar Cash finanziell gut gewappnet, und es ist schuldenfrei. Mehr noch: Der Umsatz in Übersee außerhalb des Heimatmarktes Nordamerika wächst mit 67 Prozent vier Mal so schnell wie die Erlöse insgesamt. Auf den rasant wachsenden Märkten der Schwellenländer scheint das Unternehmen also gut aufgestellt zu sein.

So mancher Analyst wundert sich daher, wie RIM an der Börse so schnell so viel Vertrauen verlieren konnte. "Die Märkte behandeln das Unternehmen, als würde es in den kommenden Jahren irrelevant werden, aber das sehe ich nicht so", sagt der Analyst John Zechner beim gleichnamigen Broker in Toronto. Beim Trefis Team in Boston, das sich aus MIT-Ingenieuren und ehemaligen Wall Street-Analysten zusammensetzt, traut man der RIM-Aktie sogar einen Anstieg von aktuell 28 auf 70 Dollar zu. Die jetzige Schwächephase der Aktie, die diesem Anstieg vorausgehen soll, sagte Trefis im Frühjahr korrekt vorher. Der Grund: Auch das neue PlayBook muss sich heftiger Konkurrenz erwehren. Im laufenden Jahr sollen 50 neue Tablets auf dem Markt kommen.

Die Kritik bei der gestrigen Aktionärsversammlung fiel längst nicht so harsch aus wie bei einigen Analysten. Noch im Vorfeld hatte es Forderungen und Anträge für die Tagesordnung gegeben, die Aufgabenteilung an der Spitze des Unternehmens zu ändern und insbesondere die Doppelfunktion von Lazaridis und Balsillie als Topmanager und Aufseher in dem Unternehmen zu beenden. Doch der Antrag wurde am Tag vor der Versammlung zurückgezogen. Damit war der Sprengstoff entschärft.

Stattdessen gab es in Waterloo sachliche Kritik, die verkürzt so lautet: Die Produkte sind gut. Aber sie kommen zu langsam aus der Entwicklungs-Pipeline. Und RIM macht beim Marketing seiner innovativen Geräte einen vergleichsweise schlechten Job. Einer der Aktionäre zeigte Bilder aus einem Elektronik-Supermarkt in den USA, wo das im April eingeführte Tablet, das PlayBook, fast unbemerkt im Verkaufsregal vor sich hindümpelt, ohne werbliche Flankierung wie bei den Produkten der Konkurrenz. Für das wichtigste neue Produkt von RIM seit Ende der 90er Jahre scheint das keine angemessene Begleitung. Hier zeigt sich, wie schwierig der Wechsel vom Geschäfts- in den Massenmarkt ist: RIM hat viel Erfahrung im Marketing mit Netzwerkpartnern, aber noch nicht so viel im Retail-Geschäft.

Wende mit sieben neuen Smartphones

"Wir werden mehr in diese Anstrengungen investieren, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dabei besser werden", musste Mike Lazaridis gestern denn auch einräumen. Co-CEO Balsillie versicherte den 400 Aktionären in dem prall gefüllten Saal in Waterloo, das Fundament des Unternehmens, das 1999 mit den BlackBerrys den Smartphone-Markt ins Rollen brachte und lange Zeit dominierte, sei gesund.

Mehr noch: Jetzt wird zum Gegenangriff geblasen. Und dabei scheint RIM keinen Aufwand zu scheuen: Die Wende nach oben soll mit sieben neuen Smartphones bis zum Spätsommer eingeleitet werden. Hierfür stünden nicht weniger als 491 Zertifizierungen von 191 Netzwerkbetreibern an. Geplant sei die größte Produktoffensive in der Geschichte des Unternehmens. Wie das im Juni angekündigte Programm zur Effizienzsteigerung im Detail ablaufen soll, erfuhren die Aktionäre gestern allerdings nicht. Details sollen erst im September kommen, wenn die Bilanz für das zweite Finanzquartal präsentiert wird. Angekündigt hatte RIM unter anderem den Abbau von Stellen.

Auch beim neuen PlayBook soll gleich nachgelegt werden: Eine High Speed-Version für die vierte Generation von Mobilfunknetzen soll im Herbst präsentiert werden, um mit dem beliebten 3G iPad von Apple zu konkurrieren. Auch die Schwäche des ersten PlayBooks, das nur mit Hilfe eines angeschlossenen Blackberry E-Mails empfangen kann, soll in diesem Sommer ausgemerzt werden. Ein Gerät, das selbständig E-Mails emfangen kann, soll auf den Markt kommen.

In Waterloo wollten Balsillie und Lazaridis gestern die zweifelnden Analysten und Aktionäre davon überzeugen, dass RIM seine Innovationskraft nicht eingebüßt und die Kampffreude in dem unbarmherzigen Markt nicht verloren hat. Zum Beleg wurde eine Zahl präsentiert, die es in sich hat: Allein in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) habe RIM - so Balsillie in einer Präsentation - in den vergangenen drei Wochen eine Million neue Blackberry-Kunden gewonnen.

Und das PlayBook, das am 19. April in 20.000 Geschäften in Nordamerika gelauncht wurde, fand im ersten Quartal 500.000 Kunden. Das ist ein Ergebnis am oberen Ende der Erwartungen. Die Analysten hatten im Schnitt mit 366.000 gerechnet. Auch hier zeichnet sich ein Silberstreif am RIM-Horizont ab, denn der Launch des PlayBook wurde von einer Rückrufaktion überschattet. Schon von der Ankündigung bis zur Markteinführung waren fast sieben Monate vergangen. Das hatte zusätzliche Zweifel geweckt, vor allem weil der wichtigste Konkurrent - das iPad - 73 Prozent des Weltmarktes beherrscht und schon die zweite Generation des Tablet-PCs am Start hat.

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