Internetwirtschaft Facebook wird zum Business-Antreiber

Dieser Termin kann zum Symbol werden: Der Antrag des Onlinespieleherstellers Zynga für einen Börsengang markiert den vorläufigen Höhepunkt für eine ganz neue Form des Wirtschaftens - die Facebook-Economy. Und die kommt jetzt auch in Europa groß auf.
Von Astrid Maier
Zyngas Farmville: Das Facebook-Spiel hat mehr als 37 Mio. monatliche Nutzer

Zyngas Farmville: Das Facebook-Spiel hat mehr als 37 Mio. monatliche Nutzer

Hamburg - Wenn Ian Hogarth in die Zukunft des Internetgeschäfts blickt, dann sieht sich der Unternehmensgründer an prominenter Stelle. Wie die Nutzer etwa in den USA heute sofort an Netflix denken, wenn sie einen Film online ausleihen möchten, so sollen die Menschen weltweit direkt auf Songkick klicken, sobald ihnen der Sinn nach einem Live-Konzert ist. Denn mit der Hilfe des 2007 von Hogarth in London gegründeten Konzertticketvermittlers können Fans nachverfolgen, wann ihre Lieblingsmusiker in welcher Stadt auftreten.

"Wir wollen es so einfach machen, zu einem Konzert zu gehen, wie es ein Kinobesuch an einem Freitagabend bereits ist", sinniert in solchen Momenten der Songkick-CEO. Reines Wunschdenken oder realer Businesscase?

Facebook-Chef Mark Zuckerberg würde für letzteres plädieren. Schließlich ist Songkick eines der beliebtesten Angebote, das die 700 Millionen Facebook-Nutzer derzeit nutzen.

Und was es am Ende bedeuten kann, wenn die Gemeinde des weltweit größten sozialen Netzwerks beginnt, sich für einen neuen Dienst wie Songkick zu begeistern, macht derzeit der Online-Spielehersteller Zynga vor. Vielmehr noch, der Zynga-IPO-Antrag bei der US-Börsenaufsicht SEC markiert den vorläufigen Höhepunkt für eine ganz neue Form des Wirtschaftens - die Facebook-Economy. Obwohl der Termin für den Schritt auf das Parkett noch nicht fest steht, wird bereits über einen Erlös des Börsengangs von etwa einer Milliarde Dollar spekuliert.

Doppelter Vorteil

Mittlerweile nutzen Gründer das weltweit größte soziale Netzwerk als Plattform für die Verbreitung ihrer eigenen Geschäftsidee - und bescheren Facebook-Chef Zuckerberg im Idealfall zusätzlichen Verkehr auf dem Portal, mit dem er bei den eigenen Werbekunden wuchern kann. "Facebook buhlt um die Aufmerksamkeit der Entwickler genauso, wie Apple dies mit seinem App-Store tut", sagt etwa Gründer Ouriel Ohayon aus Frankreich.

Aber haben auch Unternehmen aus Europa Zynga-Potenzial? Es sieht inzwischen ganz danach aus.

Bambuser aus Schweden (hilft den Nutzern, Gefilmtes live mit anderen zu teilen), Appsfire aus Frankreich (empfiehlt Handy-Applikationen, die den eigenen Vorlieben entsprechen) oder die Entertainment-Plattform Nokta aus der Türkei gehören derzeit zu den heißesten Angeboten, für die sich die Facebook-Gemeinde begeistert. Die Facebook-Economy hebt in Europa ab. "Vor allem entdecken Wagniskapitalgeber jetzt Europa. Es fließt eine Menge an klugem Geld inzwischen hierher", sagt Christian Hernandez, bei Facebook für die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells zuständig.

So machte Anfang Juni im Silicon Valley ausgerechnet ein Unternehmen aus Berlin in Sachen Spielewirtschaft Schlagzeilen: 24 Millionen Dollar sammelte Wooga-Gründer Jens Begemann bei Investoren wie Highland Capital und Holtzbrinck Ventures für die Expansion ein - und blies damit direkt zum Angriff auf Zynga.

Facebook-Economy hebt in Europa ab

Und inzwischen müssen es nicht immer Spiele sein, um Nutzer wie Investoren bei Laune zu halten. Songkick etwa hat schon so viele Nutzer, dass das Startup inzwischen auch als eigenständige Fan-Gemeinde funktioniert: Songkick kassiert dabei bei der Vermittlung der Konzertkarten. YouTube und Warner Music  sind als Partner dabei, Geld gab es unter anderem von Index Ventures, einem Wagnisfonds, der auch auf Skype gesetzt hat. "Songkick ist vermutlich das Unternehmen, das es am besten geschafft hat, den Interessenfaktor für ihren Dienst auszuhebeln", sagt Hernandez. Denn Songkick durchforstet nicht nur die eigene digitale Musiksammlung der Nutzer, sondern analysiert auch die bei Facebook angegebenen Musikvorlieben der Nutzer.

Vielversprechend ist auch Appsfire, ein werbebasierter Service aus Frankreich, der auf den persönlichen Geschmack zugeschnittene Handy-Applikationen aus den inzwischen Hunderttausenden von Angeboten herausfischt. Seit Gründung im Januar 2010 hat Appsfire inzwischen zwei Millionen regelmäßige Nutzer akquiriert. Als erste Geldgeber hatten die Appsfire-Macher namhafte französische Internet-Unternehmer wie den CEO der Einzelhandelsplattform Vente Privee, Jacques-Antoine Granjon, überzeugt. In einer neuen Finanzierungsrunde kam kürzlich der französische Tech-Fonds ID Invest hinzu. Appsfire-Gründer und Ex-AOL-Manager Ohayon freut sich über stetig wachsende Erlöse, profitabel ist das Geschäft indes noch nicht.

Diese Zielmarke will Bambuser-CEO Jonas Vig 2012 erreichen. Die Schweden, mit deren Hilfe Nutzer live alles auf ihr Facebook-Profil übertragen können, was sie mit Handy oder Kamera gerade aufnehmen, haben es bereits zu ein bisschen Prominenz gebracht: Während der Proteste gegen das Mubarak-Regime luden Nutzer aus Ägypten bis zu 10.000 Videos täglich hoch. "Das hat weltweit unsere Kraft demonstriert", sagt Vig. Um profitabel zu werden, will sich Bambuser nun verstärkt auf Unternehmenskunden konzentrieren, die auch bereit sind, für den Dienst Geld auszugeben.

Schließlich isCool, ein bereits börsennotierter Spiele-Betreiber aus Frankreich, der bis vor kurzem noch unter dem Namen Weka bekannt war. Auch isCool-Manager Pierre Santamaria schwebt angesichts des rasanten Wachstums auf zehn Millionen Nutzer in zwei Jahren inzwischen eine andere Zukunft für sein Unternehmen vor: "Wir werden Charaktere aus unseren Games auch auf Spiele außerhalb von Facebook übertragen", sagt er. Ja, man denke sogar darüber nach, sie ganz in einen Businessplan für die Offline-Welt zu versetzen.

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