Zukunftsmarkt Internetfernsehen TV-Sender ringen um die Netzvormacht

Die Deutschen finden immer mehr Gefallen daran, Fernsehserien und ganze Filme online abzurufen. Die großen TV-Senderketten versuchen, ihre Marktmacht im Netz zu bündeln - und verzetteln sich dabei in Grabenkämpfen. Das könnten US-Konkurrenten bald für sich nutzen.
Onlinevideoportal RTL Now: Das Kartellamt untersagte der RTL-Mediengruppe eine geplante gemeinsame, werbefinanzierte Videowebsite mit Konkurrent ProSiebenSat.1

Onlinevideoportal RTL Now: Das Kartellamt untersagte der RTL-Mediengruppe eine geplante gemeinsame, werbefinanzierte Videowebsite mit Konkurrent ProSiebenSat.1

Hamburg - Die sächsischen Sonderermittler hatten die Aktion minutiös geplant. Am 8. Juni dieses Jahres schlugen sie in großem Stil zu. Deutschlandweit durchsuchten sie 20 Wohnungen, insgesamt 13 Personen nahmen sie fest, eine davon in Spanien.

Seither ist die Website kino.to, ein Videoportal mit zweifelhafter Legalität, im Internet nicht mehr erreichbar. Die Website erfreute sich großer Beliebtheit, bot sie Nutzern doch eine gut geordnete Sammlung Tausender Links zu Filmen und Fernsehserien. Vier Millionen Nutzer wählten täglich kino.to an, um teils brandaktuelle Kinostreifen oder die neuesten Folgen von Fernsehserien auf ihren Computern zu sehen - kostenlos und ohne das Einverständnis all jener, die Rechte an den Filmtiteln und Serien besitzen.

Die Kino.to-Fans konnten sich dabei sicher fühlen. Denn anders als bei Raubkopien luden sie die Filme nicht vollständig auf ihre eigenen Rechner herunter. Mit den auf Kino.to enthaltenen Links zu weiteren Servern riefen sie die Filme direkt während des Ansehens stückweise im Internet ab, eine Technik, auf die auch das populäre Videoportal YouTube setzt. Nun prangt auf der kino.to-Website der Hinweis der Kriminalpolizei, dass Internetnutzer, die "widerrechtlich Raubkopien von Filmwerken hergestellt oder vertrieben haben", strafrechtlich verfolgt werden.

Das dürfte zwar eine leere Drohung sein. Denn unter Juristen ist umstritten, ob bereits das Ansehen der Filme eine illegale Handlung ist. Fürs Erste können Filmproduzenten, TV-Anbieter und Filmstudios aufatmen - mehr aber auch nicht. Denn legale Angebote für kostenlos empfangbare, abendfüllende Filme sind in Deutschland bislang rar gesät. Anders als in den USA oder Großbritannien fehlt in Deutschland eine zentrale Anlaufstelle im Internet, die professionell produzierte längere Filme und TV-Serien auf einer einzigen Website bündelt - und zumindest einen Teil davon dank Werbeeinblendungen kostenlos anbieten kann.

Onlinenutzer konsumieren immer mehr Videos

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein kino.to-Klon die Fernsehsender erneut in Angst und Schrecken versetzt. Denn das Interesse der Deutschen am Internetvideokonsum steigt merklich. Rund ein Drittel der Onlinenutzer sah 2010 bereits wöchentlich Videos im Internet an, zeigen die Zahlen der ARD/ZDF-Onlinestudie. Das sind 12 Prozentpunkte mehr als noch 2008, ein Großteil dieser Nutzer ist zwischen 14 und 29 Jahre alt.

Durchschnittlich 19,6 Stunden Video konsumierten deutsche Internetnutzer im April dieses Jahres, belegt eine Untersuchung des Marktforschers Comscore. Unter den sechs untersuchten europäischen Ländern nimmt Deutschland damit einen Spitzenplatz ein. Stark gewachsen sind auch die Werbeausgaben. Im Jahr 2010 haben die Werbetreibenden brutto 156,4 Millionen Euro in Onlinevideowerbung gesteckt, fünf Mal mehr als noch im Jahr 2008. Da Agenturen ihre Werbebotschaften in hochwertigen Umgebungen unterbringen, muss also auch das Interesse der Nutzer an professionell produzierten, längeren Videos deutlich gestiegen sein.

In diesem Jahr dürfte das Werbewachstum weitergehen. Denn in den letzten Monaten kamen zudem immer mehr Fernseher auf den Markt, die via Internetzugang Zugriff auf Onlinevideotheken und Senderangebote ermöglichen. Zudem steigen die Absatzzahlen von Smartphones und Tablet-Computern wie dem iPad steil an. Mit diesen Geräten können ihre Besitzer auch Videos im Internet abrufen - ohne festes Sendeschema, zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Das verschiebt die Gewohnheiten der Zuseher - nicht sofort, sondern schleichend.

Alte Fernsehrituale werden sich zwar noch Jahrzehnte halten, meint ein Experte. Doch die großen TV-Sender sollten sich bereits jetzt auf neue Kundenstrukturen und neue Märkte einstellen. "Die Musikindustrie und Verlage haben gezeigt, was passiert, wenn man nicht rechtzeitig dabei ist", warnt er.

Wie RTL und ProSieben reagieren

Mit ihren gut gefüllten Filmarchiven und Eigenproduktionen, ihrer Markenmacht und ihrem Know-how wären Deutschlands Fernsehsender prädestiniert, bei professionellen Onlinevideos eine gewichtige Rolle zu spielen. Bereits heute stellen Deutschlands große TV-Senderketten Teile ihres Programms auch als Videos im Internet zur Verfügung. Bei besonders beliebten Inhalten versuchen sie, die Internetfernsehfans zum Zahlen zu erziehen. Doch so richtig konnten sie ihre Marktmacht bislang nicht im Internet ausspielen. Das liegt wohl auch daran, dass die Privatsender, ARD und ZDF im Internet jeweils auf eigene Lösungen setzen: Jede Sendergruppe betreibt für ihre einzelnen TV-Sender ein eigenes Onlineportal.

Die Mediengruppe RTL etwa bietet auf ihren Onlineportalen RTL Now, Vox Now und Super RTL Now zahlreiche Inhalte kostenfrei an. Die jeweils aktuelle Folge ausgesuchter TV-Serien - von Eigenproduktionen wie "Alarm für Cobra 11" bis hin zu US-Importware wie "CSI: Miami" - können Besucher bis sieben Tage nach der Ausstrahlung im TV kostenlos sehen. Doch für ältere Folgen, Previews vor der Fernsehausstrahlung, Spielfilme oder Dauerbrenner wie die Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" müssen die Nutzer Beträge zwischen rund einem und fünf Euro je Sendung oder Film zahlen.

Konkurrent ProSiebenSat.1  fährt eine ähnliche Strategie. Über seine Onlinevideothek Maxdome verkauft Sat.1 auch TV-Inhalte, die von unterschiedlichen Sendern, unter anderem dem ZDF, stammen. ARD und ZDF bieten in ihren Onlinemediatheken zwar Nachrichtensendungen und Serien kostenfrei an, das Angebot an Spielfilmen ist aber äußerst mager.

Für die Mediengruppe RTL sind die Internetvideos vorerst ein Zusatzgeschäft. Im vergangenen Jahr gab es mit 223 Minuten im Tagesschnitt einen neuen Höchstwert bei der TV-Sehdauer, sagt Marc Schröder, Geschäftsführer von RTL interactive. Er kann daher kein Abwandern von TV zu Online feststellen. "Im Gegenteil: Die Bewegtbildabrufe im Internet bescheren uns eine zusätzliche Nutzung unserer TV-Inhalte. Das Wachstum kommt somit noch obendrauf", sagt Schröder.

Immer mehr Nutzer sind bereit, sich ganze Sendungen online anzusehen. Die Videoabrufzahlen von RTL Now, wo Deutschlands größter Privatsender komplette Sendungen präsentiert, sind laut Schröder im Jahr 2010 um 32 Prozent auf 180 Millionen gestiegen. Besonders beliebt sind unter Onlinenutzern tägliche Serien und Show-Formate wie etwa "Deutschland sucht den Superstar". Die Videos der letzten Staffel, insbesondere kurze Webclips, wurden quer über alle RTL-Portale 124 Millionen Mal abgerufen.

US-Website Hulu zeigt, wie Onlinefernsehen funktioniert

Die Angebote der einzelnen Sender haben aber einen großen Bequemlichkeitsnachteil für Fernsehfans: Sie müssen die jeweiligen Seiten der einzelnen Sender nach ihren Lieblingssendungen absuchen. Die deutschen Sender sind mit ihrem Mix aus werbefinanzierten Videos und Bezahlinhalten nicht schlecht aufgestellt, urteilt Berater Mathias Birkel von der auf elektronische Medien spezialisierten Unternehmensberatung Goldmedia. "Doch das sind alles Insellösungen, und das macht das Thema im Moment noch etwas schwierig", sagt er.

TV-Anbieter in den USA sind bereits einige Schritte weiter. Bereits im Jahr 2008 haben der Fernsehsender NBC Universal und Rupert Murdochs News Corporation , zu der die Senderkette Fox zählt, das TV-Portal Hulu aus der Taufe gehoben. Seit Mitte 2009 ist auch der Unterhaltungskonzern Disney bei Hulu an Bord. Nach Informationen der "Los Angeles Times" führen inzwischen auch Internetgrößen wie Google, Yahoo und Microsoft Gespräche über den Kauf von Hulu.

US-Nutzer können auf der Hulu-Website legal TV-Serien und Filme per Videostream abrufen, ein großer Teil des Angebots ist werbefinanziert. Bei Serien wie "Lie to Me" oder "Dr. House" sind meist fünf aktuelle Folgen kostenfrei abrufbar. Spielfilme lassen sich einige Monate lang kostenlos abspielen, danach wandern sie ins Archiv. Für den Abruf älterer Folgen, kompletter Serienstaffeln und die Nutzung des Filmarchivs müssen Hulu-Fans seit rund einem Jahr eine Pauschale von monatlich acht Dollar zahlen. Mit diesem Mix aus kostenlosen und kostenpflichtigen Angeboten hat Hulu laut Eigenangaben im Jahr 2010 260 Millionen Dollar umgesetzt und schrieb schwarze Zahlen.

Google, Yahoo und Microsoft zeigen Interesse an Hulu

"Je einfacher ich den Zugang zu den Inhalten mache, umso bereitwilliger ist der einzelne Nutzer, diesen Weg wiederholt zu gehen", sagt Medienexperte Klaus Böhm von der Unternehmensberatung Deloitte. "Dann sind Konsumenten auch eventuell bereit, für die Videos zu zahlen."

Das haben auch die Chefs der großen Fernsehsender erkannt. Doch mit einem Vorstoß für ein gemeinsames Video-on-Demand-Portal, wie der jederzeit mögliche Onlineabruf von Filmen im Branchenjargon genannt wird, sind die Branchengrößen RTL und ProSiebenSat.1 fürs Erste abgeblitzt. Mitte März hat das Bundeskartellamt den beiden Fernsehsendern untersagt, ein gemeinsames werbefinanziertes Portal nach Vorbild von Hulu aufzubauen. Eine solche Plattform würde "das marktbeherrschende Duopol der beiden Sendergruppen auf dem Markt für Fernsehwerbung weiter verstärken", begründete Kartellamtspräsident Andreas Mundt das Nein.

Beide Sendergruppen haben gegen die Entscheidung vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf geklagt. "Das war auf jeden Fall ein Stoppsignal für die Versuche kommerzieller TV-Anbieter, ihre Marken auch im Internet zu etablieren", urteilt ein Brancheninsider.

Aufregung um geplantes Internetvideoportal "Germany's Gold"

Seit Kurzem sorgt in der TV-Branche ein neues Internetvideoprojekt für Aufsehen - und diesmal kommt der Anstoß von Produktions- und Vertriebsgesellschaften, von denen etliche Beteiligungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind.

Unter dem Arbeitstitel "Germany's Gold" wollen die kommerziellen Tochterfirmen von ZDF, WDR und anderen ARD-Sendern gemeinsam mit namhaften deutschen Produzenten eine eigene Videoseite starten. Sie soll die besten Produktionen des deutschen Fernsehens auch online verfügbar machen, gibt ZDF-Enterprises-Chef Alexander Coridaß die Grundrichtung vor. Das kommerzielle Tochterunternehmen des Mainzer Fernsehsenders ist auf den Programmvertrieb, Koproduktionen und Lizenzverwertung spezialisiert und agiert zudem als Holding für mehrere Produktionsfirmen.

Im Gespräch mit manager magazin Online betont Coridaß, dass "Germany's Gold" eine Plattform von Vertriebsfirmen und sonstigen Rechteinhabern werden solle und kein Projekt der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten selbst sei. Noch sei der Planungsprozess "ergebnisoffen", sagt Coridaß, im Sommer wollen die Beteiligten das Vorhaben dem Bundeskartellamt vorlegen. Derzeit seien acht große Produzenten, unter ihnen die Bavaria Filmstudios, Studio Hamburg, Ziegler-Film und die Kölner Brainpool, sowie vier bis sechs Verwertungsgesellschaften in dem Projekt involviert. Sie alle wollen gemeinsam eine Gesellschaft gründen, die das "am Markt in großer Eigenständigkeit und Eigenverantwortung machen wird".

Bieten soll die Plattform in einem ersten Schritt vor allem Fernsehklassiker wie "Das Traumschiff", "Tatort" oder die Dokumentationsreihe "Terra X". Aktuelle amerikanische Spielfilme sollen für den Anfang noch keine größere Rolle spielen. Auf dem Portal sollen Videos einzeln abgerufen werden können, Abos für ganze Serienstaffeln sollen möglich sein. Auch werbefinanzierte Inhalte sind denkbar, doch diese sollen laut Coridaß eher ein "minoritärer Bestandteil" sein.

Das alles bewege sich im rechtlich einwandfreien Rahmen, sagt der Geschäftsführer von ZDF Enterprises. In der neuesten Fassung des Rundfunkstaatsvertrags sei festgelegt, dass Angebote wie kommerzielle Video-on-Demand-Dienste oder Apps nur strikt nach Marktbedingungen angeboten werden dürfen. "Das tun wir auf das Komma genau", so Coridaß. Die Lizenzierung von Inhalten an das Portal soll zudem nur nicht-exklusiv erfolgen.

Plattform-Hickhack nützt neuen Konkurrenten

Der Startschuss für das Projekt hängt von der Entscheidung des Bundeskartellamts ab. Experten geben dem Projekt aber gute Chancen. Da der Werbekuchen der direkt oder indirekt Beteiligten gering ist, kann das Kartellamt kaum mit einer marktbeherrschenden Stellung wie bei dem Projekt von RTL und ProSiebenSat.1 argumentieren. Branchenkenner schätzen, dass zwischen fünf und zehn Millionen Euro an Investitionen notwendig sein werden, bis "Germany's Gold" den Break-even nach drei bis fünf Jahren erreicht.

Coridaß betont aber, dass er sich auch eine Beteiligung der Privatsender an dem Projekt vorstellen könnte. "Das Projekt ist offen für alle Inhalte, die unter dem Aspekt 'das Beste des Deutschen Fernsehens' reinpassen", betont er. Formal eingeladen hat er die Rechteverwerter der Privatsender nicht. "Wir sind ja hier nicht beim Kindergeburtstag, wo nur der kommen darf, der ein buntes Einladungskärtchen bekommen hat", sagt Coridaß. In der Branche kenne man sich aber gut genug, um Kontakte zu knüpfen, ist er überzeugt.

Die Mediengruppe RTL hingegen hat deutliche Vorbehalte gegen ein werbefinanziertes "Germany's Gold". Die Plattform solle laut Presseartikeln offensichtlich Videos verkaufen, aber auch über Werbung finanziert werden. Bisher hätten ARD und ZDF das Gespräch mit RTL dazu auch nicht gesucht. "Sollte die Videoplattform tatsächlich auch eine Werbefinanzierung beinhalten, würden wir uns das Projekt und Verfahren umso genauer auf ihre Rechtmäßigkeit ansehen", meint RTL-Mann Schröder dazu.

Deutsche Fernsehfans werden wohl noch einige Zeit damit leben müssen, für ihre Lieblingssendungen mehrere Websites ansteuern zu müssen. Es könnte aber auch gut sein, dass einer der großen Player aus den USA das deutsche Hickhack ausnutzt - und mit einem attraktiven Onlineangebot vorprescht.

Google  will seinen Dienst Google TV stärker bewerben - und investiert 100 Millionen Dollar in exklusive Videoinhalte für Youtube. Facebook bastelt an einem Bezahlvideodienst. Der US-Website Hulu werden Expansionsgelüste nach Europa nachgesagt, die amerikanische Onlinevideothek Netflix will eigene TV-Serien produzieren und sucht angeblich deutschsprachige Mitarbeiter. Für die Fernsehsender könnte es im boomenden Onlinevideomarkt also bald ziemlich eng werden.

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