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Fotostrecke: Wie rasant das Internet die Wirtschaft antreibt

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Yahoo Verblassender Finanzinvestor mit Suchmaschine

Trauer auf der Hauptversammlung: Der Internetoldie Yahoo glänzt nur durch seine Beteiligungen an anderen Firmen. Den Aktionären wurde klar, dass Yahoo bald zu jenen Internetlegionären gehören könnte, denen Shootingstars wie Facebook und Apple mit atemberaubendem Tempo das Wasser abgraben.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Auch in der Geschäftswelt gibt es ein Artensterben. Die Webseite "24/7 Wall St." veröffentlicht jedes Jahr eine Liste von zehn bekannten Marken, die in Kürze untergehen werden. Am Mittwoch kam die neue Liste. Und sie dürfte vor allem bei dem Interneturgestein Yahoo für Erleichterung gesorgt haben. Denn einen Tag vor der Aktionärsversammlung im kalifornischen Santa Clara war Yahoo nicht unter den Totgesagten.

Yahoo  - von Google  und Facebook bei Werbung und Suchdiensten mächtig in die Enge getrieben - machte seit Mai gleich zweimal dicke Schlagzeilen. Jedes Mal auf eine bezeichnende Weise, die nichts Gutes für die Zukunft des Unternehmens verheißt. Am Dienstag meldete das Research-Unternehmen eMarketer, die Freundschaftsplattform Facebook sei in den USA bei Displaywerbung an Yahoo vorbeigezogen. Facebook kann im laufenden Jahr seine Einnahmen aus diesem Werbesegment um satte 80,9 Prozent steigern. Damit wird ein Marktanteil von 17,7 Prozent erreicht. Yahoo dagegen kommt 2011 nach einem Plus von vergleichsweise mageren 13,6 Prozent lediglich auf einen Marktanteil von 13,1 Prozent.

Die Studie von eMarketer belegt den Niedergang des einstigen Internetriesen Yahoo: Dieser wächst im Verkauf bestimmter Reklamearten nur halb so schnell wie der Gesamtmarkt, der im laufenden Jahr 24,5 Prozent zulegen kann. Währenddessen zieht Google auf der Überholspur mit einem Zuwachs von 34,4 Prozent auf und davon. Im Klartext: Facebook und Google spielen die gesamte Konkurrenz an die Wand, während das Trio aus Microsoft , Yahoo und AOL langsamer wächst als der Markt.

Die zweite wichtige Nachricht in den vergangenen vier Wochen war der Einstieg von Hedgefondsmanager David Einhorn von Greenlight Capital bei dem Internetpionier. Einhorn lobte Yahoo öffentlich für "aktionärsfreundliche Politik". Was er damit meinte, fügte er gleich selbst hinzu: "Wir glauben, dass Yahoos wertvollste Beteiligung das 40-Prozent-Paket an Alibaba ist"; Yahoo hatte im August 2005 den Einstieg bei dem chinesischen Suchmaschinenunternehmen angekündigt. Einhorn zufolge könnte dieses Paket so viel wert sein wie der aktuelle Börsenwert von Yahoo, der jetzt bei knapp 20 Milliarden Dollar liegt. Gemessen an 300 Milliarden Dollar Kapitalisierung von Apple  - und 159 Milliarden von Google - zählt Yahoo damit ohnehin zu den Leichtgewichten.

Ein Unternehmen sucht seinen einstigen Glanz

Yahoo als Finanzinvestor mit angeschlossener Suchmaschine? Ein Internetoldie, der nur noch durch seine Beteiligungen glänzt, ansonsten aber wenig auf der Pfanne hat ? Der Quartalsbericht für die ersten drei Monate dieses Jahres konnte zumindest nicht den Eindruck zerstreuen, dass hier ein Unternehmen seinen einstigen Glanz sucht, aber nicht so recht fündig wird. Der Umsatz ging um 6 Prozent auf 1,06 Milliarden Dollar zurück.

Der Nettogewinn brach um 28 Prozent ein, der Gewinn je Aktie sank 23 Prozent. Nach einem Internetsuperstar, der allen anderen die Butter vom Brot nimmt, klingt das nicht. Während im ersten Quartal 2010 der Umsatz aus der Display-Werbung noch um 18 Prozent stieg, legte er im ersten Quartal 2011 mit 10 Prozent fast nur noch halb so schnell zu. Was Börsianer von diesen Zahlen halten, zeigt der aktuelle Aktienkurs: Mit 15,23 Dollar notiert Yahoo jetzt 23 Prozent unter seinem Jahreshoch von Anfang Mai.

Yahoo-Chefin Carol Bartz spricht von einer "soliden Umsetzung der Pläne, Yahoo wieder nachhaltige Umsätze und Gewinnzuwächse zu bescheren". Bartz bemüht vor allem die positiven Zahlen: Die Seitenzugriffe bei Yahoo nahmen im Quartal um 8 Prozent zu, während die Verweildauer in den Seiten sogar 17 Prozent stieg. Das Videoangebot zog 80 Prozent mehr Besucher auf sich. Und die Aktionen zur amerikanischen Super Bowl sowie der Verleihung der Oscars bescherten beachtliche Erfolge.

Neue Beben erschüttern das Tech-Universum

Die Kooperation mit Microsoft im Suchmaschinengeschäft scheint jedoch, wie die Display-Werbung, nicht den erhofften Erfolg zu zeitigen. Beim Umsatz in diesem Segment weist der Quartalsbericht von Januar bis März 2011 ein Minus von 19 Prozent aus. Und der Ausblick ? Für das laufende Quartal wurden zwischen 1,07 und 1,12 Milliarden Dollar Umsatz ins Visier genommen. Das bedeutet gegenüber dem ersten Quartal Stagnation.

Damit reiht sich Yahoo in eine Liga ein, in der auch Research in Motion  und Nokia  zu finden sind: Es ist die wachsende Liste von Internetlegionären, denen Shootingstars wie Google, Facebook und Apple mit atemberaubendem Tempo das Wasser abgraben. Letztlich ist dies ein Zeichen für die rasante Entwicklung des Internets sowie einer Serie von Innovationsschüben, die wie Nachbeben andauernd das Tech-Universum erschüttern. Ein Beispiel dafür sind die aufsehenerregenden Hacker-Attacken der vergangenen Wochen. Die Hintergründe sind noch gar nicht ausgeleuchtet, da hört man schon aus dem Silicon Valley, dass Finanzinvestoren dickes Geld in einige vielversprechende Start-ups investieren, die sich mit dem Schutz von Computernetzwerken beschäftigen.

Mit dem Internet ist schließlich enorm viel Geld zu verdienen. In Europas zweitgrößter Internetwirtschaft, in Russland, werden Wachstumsraten von 30 Prozent gemeldet. Ende Mai wurde der erste elektronische G8-Gipfel in Frankreich abgehalten. In Polen trägt die Internetökonomie mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als die etablierte Minenindustrie. Internetadressen sind - wegen der Endung .co - eines der heißesten Exportprodukte von Kolumbien geworden. Und die Cyber-Kriminalität ist eines der dynamischsten Wachstumssegmente überhaupt.

Wie stark die Netzwirtschaft bereits geworden ist, hat vor wenigen Tagen ein Bericht des McKinsey Global Institute aufgelistet. Demnach ist die gesamte wirtschaftliche Leistung im Internet, vor allem Onlineshopping und -werbung, bereits größer als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des G7-Landes Kanada. McKinsey untersuchte die Internetwirtschaft in 13 Staaten - den G8 sowie Brasilien, Indien, Südkorea, Schweden und China.

Kein besonderer Erfindungsgeist nötig

Das erstaunliche Ergebnis: Im Schnitt dieser Länder macht das wirtschaftliche Gewicht des Internets zwar erst 3,4 Prozent des jeweiligen BIP der untersuchten Staaten aus, aber schon 11 Prozent des BIP-Wachstums. In den Industrieländern beträgt der Internetanteil am gesamtwirtschaftlichen Wachstum seit 2006 bereits 21 Prozent. Selbst im Schwellenland Indien, wo Hunderte Millionen von Bauern noch nie vor einem Computer gesessen haben, steuert das Internet inzwischen 5 Prozent zum Turbowachstum bei. Die gute Nachricht dabei: Wer von diesem rasanten Wachstum profitieren will, muss nicht automatisch etwas Neues erfinden oder ein revolutionäres Geschäftsmodell entwickeln. Drei Viertel des Internetgeschäfts stammen aus traditionellen Industrien.

In Deutschland hat das Internet einen Anteil von 3,2 Prozent am BIP erreicht, steuerte aber von 2004 bis 2009 bereits satte 24 Prozent zum BIP-Zuwachs bei. In Schweden liegt dieser Prozentsatz international mit 33 Prozent am höchsten. Im Jahr 2009 trug das Internet demnach 1670 Milliarden Dollar zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei.

Dabei erweist sich die Onlinewirtschaft keineswegs als Jobkiller, im Gegenteil: Für jeden traditionellen Arbeitsplatz, den Internetfirmen oder -tätigkeiten eliminierten, wurden 2,6 neue geschaffen. Und Firmen, die das Internet stark in ihr operatives Geschäft einbinden, wachsen laut McKinsey zwei Mal so schnell wie Firmen, die auf eine Cyber-Strategie verzichten.

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