Montag, 18. November 2019

Großaktionär DWS "Die Telekom hat keine Wachstumsstory"

Die Telekom investiert Milliarden in moderne Netze. Daraus muss der Konzern mehr Profit schlagen, fordert DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen

Probleme im Ausland, Konkurrenzkampf mit Google, fehlende Perspektiven: Bei der Deutschen Telekom liegt laut Großaktionär DWS einiges im Argen. Vor der morgigen Hauptversammlung fordert DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen das Telekom-Management auf, mutigere Schritte zu ergreifen - und die Netzneutralität aufzugeben.

mm: Herr Kaldemorgen, die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen musste wegen anhaltender Probleme in Osteuropa und den USA einen Gewinneinbruch verkünden. Sehen Sie noch Hoffnung für die T-Aktie?

Kaldemorgen: Der Fall ist zumindest nicht hoffnungslos. Das bislang größte Problem der Telekom, die anhaltende Schwäche der USA-Tochter, soll ja in naher Zukunft durch den Verkauf an AT&T gelöst werden. Ich war schon lange skeptisch gegenüber T-Mobile USA, weil ein immenses Investitionsrisiko bestand. Die Telekom musste Milliarden auf den Tisch legen, um den Wert des Investments überhaupt stabil zu halten. Der hohe Verkaufspreis von 39 Milliarden Dollar verschafft dem Unternehmen nun die Möglichkeit, seine Kapitalstruktur zu verbessern. Das ist auch dringend notwendig: Die Telekom kämpft an vielen Fronten und wird auch in Deutschland und Resteuropa kräftig investieren müssen.

mm: Wo soll nach dem Verkauf des langjährigen Erlösbringers T-Mobile USA das Wachstum herkommen?

Kaldemorgen: Das Unternehmen hat jetzt eine Sorge weniger, aber das Telekommunikationsgeschäft bleibt strukturell schwierig. Eine Zeitlang konnte man sich durch Expansion in Schwellenländern behelfen, aber auch dort flaut das Wachstum ab. Die Telekom hat aktuell keine Wachstumsstory zu bieten. Das Unternehmen betreibt zwar ein solides Cashflow-Geschäft, aber an Internet und mobilem Datenverkehr verdienen vor allem andere - etwa Apple, Google oder Facebook. Für deren Geschäft stellt die Telekom nur die Leitungen bereit.

mm: Wie ließe sich Abhilfe schaffen?

Kaldemorgen: Die Telekom muss auf jeden Fall stärker am Datengeschäft partizipieren. Es kann doch nicht sein, dass das Unternehmen Milliarden in moderne Netze investiert, die Gewinne aber von Google & Co. eingefahren werden. Denkbar wäre beispielsweise, dass die Internetkonzerne einen Teil ihrer Gewinne an die Netzbetreiber abgeben. Man muss auch ernsthaft darüber nachdenken, bevorzugte Kunden gegen Gebühr schneller durchs Netz zu leiten - und damit die so genannte Netzneutralität aufzugeben. So könnten sich Anbieter wie die Telekom neue Wachstumsperspektiven erschließen.

mm: Die Telekom verfügt auch über andere Wachstumsbereiche, etwa das Internetfernsehen.

Kaldemorgen: Sicher, dieses Geschäft ist sehr aussichtsreich. Allerdings machen Kabelnetzbetreiber wie Kabel Deutschland mit ihrer moderneren Infrastruktur der Telekom hier erheblich Konkurrenz. Das zeigt schon allein der Aktienkurs von Kabel Deutschland, der seit dem Börsengang im März 2010 um mehr als 90 Prozent zugelegt hat. Die Telekom kann von einer derartigen Entwicklung nur träumen. Sie wird technologisch weiter aufrüsten müssen.

mm: Konzernchef René Obermann hat vor gut einem Jahr seine neuen Wachstumsfelder definiert, von mobilem Internet über intelligente Netze bis hin zu Online-Services. Der Umsatz soll in diesen Bereichen bis 2015 nahezu verdoppelt werden. Ist das realistisch?

Kaldemorgen: Das sind grundsätzlich die richtigen Zukunftsbereiche. Man sieht ja an Anbietern wie Facebook oder Twitter, wie schnell Internetverkehr gesteigert und Geschäftsmodelle explodieren können. Das Wachstumsziel der Telekom erscheint mir jedoch, offen gestanden, sehr ambitioniert. Bislang reduziert sich die Rolle der Telekom zu stark auf die des Infrastruktur-Versorgers. Jetzt gilt es, die reine Bereitstellung von Netzen auch tatsächlich durch intelligente Zusatzdienste zu ergänzen, mit denen sich auch Geld verdienen lässt.

mm: Zum Beispiel?

Kaldemorgen: Ich kenne ein sehr wachstumsstarkes Unternehmen namens Transact, das Kreditkartentransaktionen für große Einzelhändler abwickelt. Ich frage mich, warum die Telekom in diesem Bereich noch nicht tätig ist. Außerdem würde ich es begrüßen, wenn Exklusivverträge mit Automobilanbietern abgeschlossen würden, um Autos endlich adäquat ans Internet anzubinden. Auch im Bereich der intelligenten Stromnetze, der so genannten Smart Grids, spielt die Telekom bislang allenfalls eine Nebenrolle. Um von der digitalen Zukunftswirtschaft profitieren zu können, wird sie mutigere Schritte brauchen.

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