Internettelefonie Was Microsoft mit Skype vorhat

Microsoft zahlt rund drei Milliarden Dollar mehr für Skype als der Internettelefonieanbieter für seinen Börsengang eingeplant hatte. Vieles spricht jedoch dafür, dass sich der Deal für Microsoft trotzdem rechnen wird.
Von Kristian Klooß
Skype: Microsoft zahlt eine satte Prämie, um den Anschluss nicht zu verlieren

Skype: Microsoft zahlt eine satte Prämie, um den Anschluss nicht zu verlieren

Foto: DPA

Hamburg - Am Ende ging es sehr schnell. Nachdem erst letzte Woche bekannt wurde, das Facebook und Google  an einer Übernahme von Skype interessiert sind, hat Microsoft  an diesem Dienstag offiziell den Kauf des Internettelefonieanbieters verkündet. Microsoft greift dabei tief in die Tasche. 8,5 Milliarden Dollar (5,9 Milliarden Euro) ist dem Konzern die Neuerwerbung wert. Für die Redmonder ist dies allerdings bei einer geschätzten Kriegskasse von bis zu 50 Milliarden Dollar (35 Milliarden Euro) gut verkraftbar.

Dass sich der Kauf rechnen wird, dafür spricht vieles. Denn das Geschäft mit der Internettelefonie boomt. In diesem Jahr werden in Deutschland 11,2 Millionen Nutzer regelmäßig über das Web telefonieren. Das entspricht einem Anstieg um 13,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie der Branchenverband Bitkom unter Berufung auf aktuelle Daten des European Information Technology Observatory (EITO) berichtet.

Gleiches gilt für die Videotelefonie. Bereits sieben Millionen Deutsche greifen laut Bitkom auf entsprechende Angebote im Internet zurück. Mit dem Boom bei Smartphones und Tablet-PCs bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von Breitband dürfte die Nachfrage weiter zunehmen. "Videotelefonie auf mobilen Endgeräten wird ein Megatrend", sagte Bitkom-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. Viele Anbieter bringen bereits entsprechende Smartphone-Anwendungen auf den Markt - darunter auch Skype. Auch manche internetfähigen Fernseher oder Spielekonsolen wie Microsofts X-Box ermöglichen inzwischen Videotelefonie.

Skype gilt mit gut 600 Millionen Kunden und 145 Millionen regelmäßigen Nutzern als Marktführer in diesem Geschäft, bei dem lediglich die üblichen Kosten für die Internetverbindung anfallen.

Letzteres war bislang allerdings auch das Problem des Unternehmens. Denn die bisherige Erlösquelle des Konzerns, günstige Anrufe zum herkömmlichen Telefonnetz, brachte den bisherigen Investoren stets zu wenig ein. 8,8 Millionen Nutzer zahlten Ende 2010 für kostenpflichtige Skype-Angebote. Der durchschnittliche Jahresumsatz für jeden dieser zahlenden Kunden lag 2010 bei 97 Dollar (67 Euro). Während über Skype inzwischen knapp ein Viertel er weltweiten internationalen Ferngespräche abwickelt, kommt das Unternehmen im Geschäft mit Smartphonenutzern und im Firmenkundengeschäft bislang nicht recht voran.

145 Millionen aktive Nutzer - und viel Gegenwind in der Branche

So wechselte das 2003 vom Schweden Niklas Zennström und vom Dänen Janus Friis gegründete Unternehmen schon vor dem Microsoft-Deal zweimal den Eigentümer. 2005 bezahlte Ebay  den Gründern 2,6 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro).

Seit Jahren tut sich Skype aus verschiedenen Gründen schwer damit, über das Internet hinaus Fuß zu fassen. So schlossen sich 2006 beispielsweise 15 große Mobilfunkanbieter aus Europa und Asien zusammen, um gemeinsam gegen Skype und andere Instant-Messaging-Services in Mobilfunknetzen vorzugehen und eigene Instant-Messaging-Service zu etablieren. Auch in den den USA begannen US-Mobilfunknetzbetreiber damit, die Nutzung von Skype auf dem Handy zu blockieren.

2009 erwarb schließlich eine Investorengruppe um den Internetpionier und Netscape-Gründer Marc Andreessen für 1,9 Milliarden Dollar 65 Prozent der Skype-Anteile. Das Unternehmen dann im August vergangenen Jahres einen Börsengang an, nannte aber nie einen genauen Zeitpunkt. Als möglicher Erlös wurden rund 5,5 Milliarden Dollar (3,8 Milliarden Euro) genannt.

Für Microsoft  ist der demgegenüber gezahlte Aufpreis durchaus zu rechtfertigen. Denn der Konzern bekommt für sein Geld nicht nur eine etablierte Marke und eine Technologieplattform für Text-, Sprach- und Videodienste, sondern auch eine 145 Millionen aktive Nutzer zählende Community.

Wird Skype auf die neuen Windows-Betriebssysteme vorinstalliert?

"Microsoft hat jetzt mehrere Optionen", sagt Rüdiger Spies, Vice President Enterprise Applications der auf Informationstechnologie und Telekommunikation spezialisierten Beratungshauses IDC. So sei es denkbar, dass Microsoft Skype auf Windows 7 und Windows 8 künftig direkt vorinstalliert. Auch die Nutzungsdaten, Verbindungsprofile und anderen Kundeninformationen sind nach Ansicht des IT-Experten wertvoll.

"Darüber hinaus bekäme Microsoft  einen direkten Draht in die Android-Telefone, Blackberrys und iPhones, falls Skype dort installiert ist", sagt Spies. Entsprechende Applikationen existieren schon heute. Dies entspräche auch dem Ansinnen Microsofts, seine Dienste offen und unabhängig gegenüber Software, Browsern und Geräten zu halten.

So bietet Microsoft mit seinem neuen "Office 365", das derzeit als Testversion gratis und ab Juni gegen eine Monatsmiete erhältlich ist, einen cloudbasierten Online-Dienst. Das Produkt mischt Office-Produkte wie Word und Excel, mit Online-Werkzeugen zur Zusammenarbeit wie Exchange für Mail, Kalender und Kontakte oder SharePoint, um Dokumente seinen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. "Lync", ein Telefondienst, der Skype ähnelt, wurde erst Ende vergangenen Jahres vorgestellt.

Die Hälfte aller Firmen fragen Videolösungen nach

Dass es vor allem unter Geschäftskunden eine Nachfrage nach Videolösungen gibt, belegte jüngst der Branchendienst Forrester Research in einer Studie. Aus dem Report wird ersichtlich, dass Anwender zwar Videolösungen nutzen wollen, diese jedoch in nur 40 Prozent der befragten Firmen zur Verfügung steht. Dem Bericht nach nutzen oder planen rund 49 Prozent der Unternehmen den Einsatz entsprechender Videolösungen.

Eine Integration von Skype in die Microsoft-Plattformen wäre auch vor einem anderen Hintergrund interessant. Die Forrester-Studie kommt zu dem Schluss, dass die Akzeptanz des Massenmarktes für Videolösungen abhängig von der Einfachheit der Nutzung ist, was durch eine vollständige Integration von Skype in Microsoft-Anwendungen möglich wäre.

Für Microsoft ist die Übernahme Skypes nach der im Februar verkündeten strategischen Partnerschaft mit Nokia  auch ein weiterer Befreiungsschlag, mit dem sich der Konzern im Markt für Smartphone-Betriebssysteme aus der Umklammerung durch Apple  und die Anbieter von Android-Geräten lösen will. Apples Videotelefoniedienst Facetime und die Anwendung Google Voice würden durch ein von Microsoft auf dem eigenen Betriebssystem implementiertes Skype ein mächtiger Konkurrent erwachsen.

Gegen einen schnellen Erfolg für die um Skype erweiterten Windows-Geräte spricht allerdings kurzfrsitig vor allem noch eines: die Macht der Netzbetreiber. Denn die Gunst von Deutscher Telekom  & Co. könnte künftig getrübt werden: "Die Nutzung von Skype auf Smartphones kommt einem Angriff auf die durchschnittlichen Kundenerlöse gleich", sagt IDC-Experte Spies.

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