Schnelle Internetanschlüsse Vodafone führt auf dem Land

Der neue Mobilfunkstandard LTE könnte die Telekommunikationsbranche umkrempeln. Im Visier haben die Netzbetreiber hierzulande bislang zwei Zielgruppen: Smartphone-Fans und Landmenschen ohne DSL-Anschluss. Der Zweikampf zwischen der Telekom und Vodafone bekommt neuen Schwung.
Von André Schmidt-Carré
LTE-Service: Start in Deutschland

LTE-Service: Start in Deutschland

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Hamburg Wenn im April im brandenburgischen Kyritz die Straßen leer gefegt sind, dürfte das weder am traditionellen Osterbasteln noch am Konzert des Eberswalder Konzertorchester liegen. Stattdessen werden die Kyritzer vermutlich vor ihren Computern hocken: Am ersten April startet die Deutsche Telekom in der ostdeutschen Provinz den Regelbetrieb ihrer ersten LTE-Funkanlagen.

Bewohner ländlicher Regionen ohne DSL-Anschluss sollen so endlich übers Breitband im Internet surfen können. In Kyritz wartet man seit Monaten auf diesen Moment: Schließlich hatte Telekom-Chef René Obermann dort im vergangenen Sommer feierlich die erste LTE-Funkstation eingeweiht.

Die neue LTE-Technologie soll nichts weniger als einen Umbruch in der Telekommunikationsbranche einleiten. Schon wieder. Nur wenige Jahre nachdem die Branche Milliarden in den Ausbau der UMTS-Netze gesteckt hat, stößt die letzte Umbruchstechnologie an ihre Grenzen. 2011, da sind sich Branchenkenner sicher, wird der Auftakt der vierten Mobilfunkgeneration: LTE. Denn nicht nur DSL-Abstinenzler warten darauf. Auch der Boom von Smartphones und Tablet-PCs befeuert den Wunsch nach schnelleren, breitbandigen Mobilfunkverbindungen.

"Darin liegt ein großer Unterschied zur Einführung von UMTS vor vielen Jahren", sagt Roman Friedrich, Telekommunikations-Experte bei der Unternehmensberatung Booz & Company. "Damals haben die Netzbetreiber eine technische Innovation vorangetrieben, für die es keine Anwendungen gab." Entsprechend lange hat es seinerzeit gedauert, bis UMTS wirklich im Markt war. "Mit LTE ist das anders: Die Kunden wollen möglichst bald schnellere Verbindungen fürs Internetsurfen per Handy."

In der Internetsteinzeit

Derzeit ist bei Smartphones noch UMTS der gängige Standard für mobiles Surfen. Dieser sogenannte Mobilfunkstandard der dritten Genereration ist zwar schnell genug, um mit dem Handy ins Internet zu gehen. Richtig schnell geht allerdings anders, selbst einfaches DSL ist flotter. Technische Upgrades der UMTS-Stationen wie HSDPA und HSDPA Plus sollen Smartphones endlich auf DSL-Speed bringen.

Wo momentan keine UMTS-Station in der Nähe sind, fallen die Nutzer allerdings in die Internetsteinzeit zurück: Wer mit dem normalen Sprachnetzen GPRS oder auch mit dem etwas schnelleren EDGE surft, muss, was gerade hippe Smartphone-Nutzer hassen: bei jedem Klick warten. Die immer aufwendiger und datenintensiver aufgebauten Internetseiten tröpfeln nur durch die Leitung.

LTE soll Nutzer nun in ein neues Surfzeitalter katapultieren. In der ersten Ausbauphase sollen Downloads mit bis zu 100 Mbit pro Sekunde möglich sein, das wäre doppelt so schnell wie die heutige Festnetzavantgarde VDSL. In der Praxis halten Experten 30 Mbit pro Sekunde für realistisch. Das würde allemal reichen, um eine gewöhnliche Website samt Grafiken in weniger als einer Sekunde herunter zuladen. Und ruckelfrei Videofilme anzuschauen. Sprich: ebenso komfortabel zu surfen wie daheim mit High-Speed-DSL.

Außerdem benötigt die LTE-Technik weniger Basisstationen als der UMTS-Standard, sodass Smartphones auch außerhalb von Ballungszentren öfter auf High-Speed sind. Vorausgesetzt, das Handy macht mit: "Je leistungsfähiger die Datenübertragungen werden, desto häufiger wird das eigene Telefon zur Bremse", sagt Stefan Kruppa von der IT-Unternehmensberatung Seven Principles.

Neue Handys, hohe Preise

Etwa, weil der Rechner nicht in der Lage ist, ein Bild so schnell aufzubauen, wie die Daten durch die Leitung kommen. "Es wird in der praktischen Nutzung also nicht den Internetturbo von Heute auf Morgen geben, sondern eine schrittweise Beschleunigung", prognostiziert Kruppa.

Auf die ersten 4G-tauglichen Handy werden die Nutzer hierzulande ohnehin noch eine ganze Weile warten müssen. "Die Hersteller arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung, vielleicht schaffen es die ersten bis zum Weihnachtsgeschäft", sagt Kruppa. Auch dann könnte das Smartphone-Surfen im LTE-Netz noch immer Probleme bereiten.

Der 4G-Standard ist allein für Datenübertragung ausgelegt, nicht zum Telefonieren. Wenn also ein Anruf reinkommt, muss das Handy sich erst einmal in ein langsameres Netz einwählen - und das kann mehrere Sekunden dauern. "Das wird bei den ersten Geräten sicherlich noch ein Problem sein", sagt Kruppa. Ob die technikverliebten Nutzer der ersten Stunde davon begeistert sind, bleibt abzuwarten - zumal sie für ihr 4G-Handy und passende Tarife erst einmal einen ordentlichen Preisaufschlag zahlen dürften.

Einen Schritt weiter sind die Anbieter bei der stationären LTE-Nutzung. Neben den Smartphone-Nutzern haben sie eine weitere Zielgruppe im Visier: Landmenschen ohne anständigen Internetanschluss. Die deutsche Breitband-Landkarte verunstalten nämlich noch eine ganze Reihe "weißer Flecken": Dünn besiedelte Regionen ohne DSL-Anschluss, in denen die Menschen beim Internetsurfen per ISDN-Leitung graue Haare bekommen.

Chance auf Neukunden

Die Bundesnetzagentur hatte den Netzbetreibern bei der Versteigerung der LTE-Frequenzen im vergangenen Jahr die Auflage gemacht, erst einmal diese Regionen technisch aufzurüsten und dort LTE als DSL-Ersatz anzubieten. Die Anbieter haben aus der Not eine Tugend gemacht. Und legen sich mächtig ins Zeug: "Wer als erster kommt und einen Marktanteil von 50 Prozent und mehr erreicht, kann mit LTE-Zugängen in ländlichen Regionen auch Geld verdienen", sagt Booz-Berater Friedrich.

Schließlich können die Unternehmen hier ausnahmsweise mal echte Neukunden akquirieren: "Das ist für eine Branche, in der ansonsten nur noch Verdrängungswettbewerb herrscht, eine große Chance", sagt auch Berater Kruppa. Heißt: Sobald eine Basisstation auf LTE umgerüstet ist, ziehen die Vertreter im Einzugsgebiet mit Demo-Laptop samt LTE-Stick von Tür zu Tür, um die Segen der Technik zu preisen.

Derzeit liegt Netzbetreiber Vodafone vorn. Die Düsseldorfer verkaufen seit Anfang Dezember LTE-Sticks für Laptops und PC und haben seitdem die ersten LTE-Regionen im Regelbetrieb. Seit Mitte März bietet das Unternehmen zudem Komplettpakete für Telefonie und Internet über LTE an: Die Doppel-Flatrate - mit einer immer noch bescheidenen Datengeschwindigkeit bis zu 3,6 Mbit pro Sekunde - kostet rund 40 Euro pro Monat. Die echte DSL-Konkurrenz mit bis zu 50 Mbit pro Sekunde ist etwa doppelt so teuer.

Vodafone rüstet Berlin auf

Zum Vergleich: Anbieter wie 1&1 verkaufen ein ähnliches Paket mit DSL derzeit zum Kampfpreis von 20 Euro. LTE-Angebote könnten dennoch zum Erfolg werden - schließlich sind sie in den ländlichen Gebieten erst einmal konkurrenzlos. Und wenn erst einmal mehrere Anbieter ihren Regelbetrieb gestartet haben, dürften auch die Preise fallen.

Neben Vodafone beackern auch die Netzbetreiber Telekom und O2 den Markt. Allein E-Plus legt den Fokus vorerst auf den Ausbau der preisgünstigeren UMTS-Technik. Für die Telekom-Festnetzkonkurrenten bietet die neue Technik einen besonderen Reiz: Die Anbieter zahlen an den ehemaligen Monopolisten bis heute für jeden DSL-Anschluss rund zehn Euro Gebühr pro Monat für die Nutzung der sogenannten letzten Meile zum Kunden. Für die Anbieter könnte es also lohnen, LTE als Konkurrenz zu DSL zu positionieren.

Vodafone zum Beispiel hat bereits begonnen, Berlin mit LTE aufzurüsten. Der Hintergrund: Die gesetzliche Vorgabe, weiße Flecken zu tilgen, ist nach Bundesländern aufgeteilt. Heißt: Wenn in einem Bundesland alle Haushalte DSL-Anschluss haben, dürfen die Netzbetreiber dort den LTE-Ausbau starten, wo es ihnen passt - in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und eben in der Hauptstadt Berlin ist genau das mangels Landbevölkerung bereits der Fall.

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