Deutsche Telekom Obermann und die Last der neuen Freiheit

Mit dem Verkauf von T-Mobile USA hat die Deutsche Telekom ihren internationalen Führungsanspruch im Mobilfunk endgültig aufgegeben. Die Bonner überlassen das Feld Vodafone, Telefonica und Co. - und müssen selbst mal wieder auf die riskante Suche nach einem neuen Geschäftsmodell gehen.
Eine Sorge weniger: Telekom-Chef René Obermann hat die US-Mobilfunktochter für 39 Milliarden Dollar verkauft

Eine Sorge weniger: Telekom-Chef René Obermann hat die US-Mobilfunktochter für 39 Milliarden Dollar verkauft

Foto: DPA

Hamburg - Wäre die Deutsche Telekom ein Industriekonzern, würden Analysten ihre Topmanager vermutlich für verrückt erklären. Ausgerechnet von seinem größten Markt zieht sich das Unternehmen zurück. Von einem Markt, auf dem die wichtigsten Innovationen der Branche entstehen, wo die Wirtschaft sich gerade erholt, wo die Bevölkerung wächst.

Doch der Telekom-Rückzug vom US-Mobilfunkmarkt findet die beinahe ungeteilte Zustimmung der Fachwelt. Konzernchef René Obermann entledige sich einer seiner größten Sorgen, lobt die UBS. "Eine kleinere Telekom ist mir lieber, als eine, die den Bach runtergeht", bringt Commerzbank-Analystin Heike Pauls die Sorgen der Investoren um das schwächelnde US-Geschäft der Telekom auf den Punkt.

So weit ist es inzwischen gekommen: Die Expansionsstrategie der Deutschen Telekom  im Mobilfunkgeschäft ist endgültig gescheitert, die Vision von Ex-Unternehmenschef Ron Sommer geplatzt, und die gebeutelten Investoren feiern es wie eine Befreiung. Dabei ist nach dem Deal mit US-Telefonkonzern AT&T mindestens so unklar wie vorher, wohin der Weg der Telekom eigentlich führen wird und ob der von der US-Tochter befreite Obermann ihr neue Perspektiven eröffnen kann.

Zunächst wird der Konzern beim Mobilfunk Regionalanbieter mit Schwerpunkt Deutschland sowie Osteuropa. Er fällt weltweit klar hinter Konkurrenten wie Telefonica  oder Vodafone  zurück, die in zahlreichen Schwellenländermärkten erfolgreich sind. Das mag manchen Visionär früherer Tage schmerzen, die Anleger finden es eher beruhigend. Um bis zu 16 Prozent zog der Kurs am Montag an.

Was die Telekom mit Energieversorgern gemein hat

"Die Telekom ähnelt immer stärker einem Energieversorger", findet Telekommunikationsexperte Torsten Gerpott von der Universität Duisburg. Angestammter Markt, sicherer Cash-Flow und eine gute Dividende - das ist vom einstigen Börsenüberflieger Telekom geblieben. Solange die Kosten im Griff bleiben und die Schulden nicht zu stark wachsen, kann nicht viel Schlimmes passieren. Luft nach oben erkennt eigentlich niemand für die Telekom. "Großes Wachstumspotenzial in Europa sehe ich nicht", sagt Gerpott.

Daran wird auch der Deal mit AT&T vermutlich wenig ändern. Er ist für sich genommen zweifellos ein echter Brustlöser, wenn auch unter Kartellvorbehalt. Satte 39 Milliarden Dollar spielt die Telekom durch das Geschäft mit den Amerikaner ein. Davon fließen 25 Milliarden bar aufs Konto, den Rest gibt es in Form eines 8-prozentigen Aktienpaketes von AT&T. Damit hatten auch Optimisten nicht gerechnet.

"Wir verkaufen ein Viertel des Unternehmens und bekommen 70 Prozent des Unternehmenswertes der Telekom", schien Telekom-Finanzvorstand Timotheus Höttges selbst überrascht, dass das US-Abenteuer mit einem blauen Auge zu Ende geht. Das Unternehmen habe mit fünf potenziellen Käufern geredet, im Schnitt hätten diese fast 40 Prozent weniger als AT&T geboten.

Das Unternehmen weiß besonders gut, was es nicht will

Angesichts der betrüblichen Vorgeschichte ist Jubel verständlich. Die Bonner hatten mal wieder schlicht den Anschluss auf einem Markt verpasst, den sie noch vor wenigen Jahren zum großen Hoffnungsträger stilisiert hatten. Die Netzqualität verschlechterte sich, das stark nachgefragte iPhone hatte T-Mobile nicht im Angebot - als deshalb die Gewinne schmolzen, blieb dieses Mal nur die Reißleine.

Anderthalb Jahre zuvor hatte die Telekom ihr Mobilfunkgeschäft in Großbritannien immerhin noch in Joint-Venture mit France Telecom  gerettet. Mit dem US-Geschäft gehen nun immerhin ein Viertel des Konzernumsatzes flöten.

Investoren fragen sich nun überwiegend vergeblich, was die verschwundenen Geschäftsfelder ersetzen soll. Das Bonner Unternehmen weiß besonders gut, was es nicht will. "Die Telekom muss mehr werden als nur Netzbetreiber", sagte Finanzchef Höttges. Eine Expansion nach Asien und Afrika habe das Unternehmen ebenfalls "nicht auf dem Radar".

Geschäftsmodell bleibt im Ungefähren

"Es ist enttäuschend, dass die Telekom auf ein Engagement auf diese Wachstumsmärkten verzichtet", sagt Analyst Theo Kitz von der Bank Merck Finck. Gerade in Nordafrika könne die Telekom womöglich noch Boden gut machen.

Doch Telekom-Chef Obermann klammert sich lieber an seine vor einem Jahr verkündete Strategie, die eine Umsatzverdoppelung in fünf Wachstumsfeldern vorsieht. Die Schlagworte sind mobiles Internet, eigene Internetangebote, erweiterte Breitbandangebote für Privathaushalte, neue Geschäftskundenlösungen und intelligente Netze für Branchen wie die Energie- oder Automobilwirtschaft.

Das alles stellt zweifellos einen mutigen Blick in die Zukunft der Telekommunikation dar, doch bleibt fraglich, ob die Telekom in diesen Bereichen tatsächlich rasch viel Geld verdienen kann. "Zum Teil ist das glaubwürdig, zum Teil sind das reine Hoffnungswerte", sagt Telekommunikationsprofessor Gerpott.

Beispiel mobiles Internet: Die Telekom profitiert vom rasanten Marktwachstum. Bis 2014 sollen sich die Umsätze aller Anbieter in Europa und den USA von 25 Milliarden auf 62 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Die Telekom will zehn statt vier Milliarden Euro umsetzen. "Andere haben aber die Nase vorn", sagt Gerpott. Vodafone erzielt etwa knapp ein Viertel seiner Einnahmen in Deutschland mit mobilen Daten. "Die Telekom schwimmt mit, ist aber nicht herausragend."

Ähnlich sieht es bei den eigenen Internetdiensten, den intelligenten Netzen und den Geschäftskundenaktivitäten von T-Systems aus. Das, was die Telekom anbietet, haben andere auch. Das Unternehmen bleibt in vielen Bereichen ein Anbieter von vielen und muss weiterhin auf die Macht der Gewohnheit seiner Kunden setzen. Aber die hat dem Unternehmen in der Vergangenheit ja auch die schönsten Gewinne beschert.

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