Japans Elektronikindustrie Werkbank ohne Strom und Nachschub

Die Katastrophe in Japan trifft nicht nur die Produktion von den Elektrofirmen Sony oder Canon, sondern auch jene von Zulieferern wie Shin-Etsu oder Seiko. Preise für Chips und andere Bauteile klettern. Das hat Folgen für iPad und Co.
Von Kristian Klooß
Nach dem Beben: Rettungskräfte suchen nach Verletzten in einem Lager des Sony-Konzerns in der zerstörten Stadt Sendai

Nach dem Beben: Rettungskräfte suchen nach Verletzten in einem Lager des Sony-Konzerns in der zerstörten Stadt Sendai

Foto: Alex Hofford/ dpa

Hamburg - Zwei große Industrien haben Japan seit den 80er Jahren geprägt: der Automobilbau und die Elektroindustrie. Bilder von weggeschwemmten Fuhrparks und Meldungen von tausenden zerstörten Neuwagen haben die Blicke bislang vor allem auf Toyota  , Honda, Suzuki und Nissan gelenkt. Das ist verständlich, bringt es die japanische Autoindustrie nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) bei einer Jahresproduktion von zuletzt 8,3 Millionen Fahrzeugen immerhin auf einen Weltmarktanteil von rund 13 Prozent.

Und doch macht ein zweiter Blick, ein Blick auf die andere große Exportindustrie Japans deutlich, dass vor allem von ihr globale Auswirkungen zu erwarten sind. Im vergangenen Jahr brachten es Global Player wie Sony , Toshiba , Fujitsu , Canon  oder Panasonic  nach Angaben der Marktforscher von Trendforce auf einen gemeinsamen Anteil von gut 17 Prozent am weltweiten Konsumelektronikmarkt.

Und wie die Autohersteller leiden auch die Elektronikproduzenten an den Folgen von Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe. So musste Sony  am Tag nach dem Beben per Hubschrauber Hilfsmittel in seine Blu-ray-Fabrik nach Tagajyo im Nordosten Japans einfliegen, weil rund 400 Mitarbeiter im ersten Stock des Fabrikgebäudes festsaßen. Der Tsunami hatte das Erdgeschoss durchflutet.

Acht Fabriken musste Sony insgesamt schließen. Wann die Produktion wieder anläuft, ließ Konzernchef Howard Stringer bislang offen.

Die Gebäudeschäden bereiten die geringsten Sorgen

Dass die Ausfälle durchaus mehr als einen Monat andauern könnten, damit rechnet nach eigenen Angaben der Drucker- und Kamera-Hersteller Canon. Der Konzern hat ebenfalls einige Werke in den besonders von den Erdbeben und der Tsunamiflut betroffenen Provinzen stillgelegt. Das Unternehmen prüft zudem, ob es angesichts der Reaktorkatastrophe auch die Fertigung in Werke im Westen der Hauptinsel einstellen muss.

Der Wettbewerber Panasonic musste vier Werke schließen, die vom Erdbeben direkt betroffen waren. Darunter eine Objektiv- und eine Batterien-Fabrik für Elektroautos in der Stadt Sendai, die dem Erdbeben seinen Namen gab. Darunter auch eine Produktionsanlage für Lumix-Digitalkameras in der Präfektur Fukushima, also, wo das havarierte Atomkraftwerk steht.

Auch Toshiba, nach Sony der zweitgrößte Unterhaltungselektronikhersteller Japans, meldete Schäden in seiner nahe dem Epizentrum des Erdbebens gelegenen Speicherfabrik in Iwata. Die Produktion von Flachbildschirmen ruht derzeit ganz. Wann der Konzern, dessen Portfolio vom Computerchip bis zum Atomkraftwerk reicht, die Fabriken wieder öffnet, ließ das Management um Konzernchef Norio Sasaki bislang offen.

Sorgen bereiten den Unternehmen weniger die unmittelbaren Schäden an Gebäuden und Fabrikhallen. Zumal sie meist erdbebensicher konstruiert sind. Sorgen bereitet den Unternehmen inzwischen vielmehr die unsichere Stromversorgung. Auf rund 6 Prozent seiner Stromerzeugung wird Japan nach ersten Schätzungen von Analysten der Bank Sarasin verzichten müssen, bedingt durch die Kraftwerksabschaltungen und Reaktorunfälle. Die Konsequenz: Schon am Montag ordnete die japanische Regierung eine Rationierung des Stroms an - zunächst bis Ende April.

Lieferengpässe verteuern Bauteile

Bis zu diesem Zeitpunkt könnte allerdings schon ein zweites Problem die Stromknappheit überlagern. Denn auch Straßen und Schienen wurden vom Erdbeben zerstört. Und die Schlammwelle, die den Flughafen von Sendai überflutete, gehörte zu den ersten Bildern, die Menschen auf der ganzen Welt von der Katastrophe zu sehen bekamen.

Das Ausmaß der Zerstörung ist noch ungewiss. Unklar ist damit auch, wie lange die Herstellung von Kameras, Lithium-Akkus, Blu-Ray-Discs und Tablet-Computern ohne durchgängige Versorgung mit Bauteilen aufrechterhalten werden kann. Für den Fall, dass die Lieferketten nachhaltig durchschnitten worden sind, gibt es indes schon erste Folgeneinschätzungen.

So berichtet beispielsweise der Brancheninformationsdienst Trendforce, dass die Produktionsanlagen der Elektronikzulieferer Shin-Etsu und Sumco schwer beschädigt worden seien. Das Problem: Beide Unternehmen beliefern einen Großteil der japanischen Chiphersteller mit für die Produktion erforderlichen Wafern, darunter die Branchenriesen Toshiba  und Elpida, einem von NEC  und Hitachi  gegründeten Halbleiterkonzern. Die Folge: Für den Fall, dass sich Toshiba und Elpida am Weltmarkt mit Wafern versorgen müssen, rechnet Trendforce mit Knappheit und Preissprüngen.

Was für Wafer gilt, gilt auch für andere Bauteile, ohne die heutige Unterhaltungselektronik nicht denkbar wäre. So wird laut Trendforce jeder fünfte DRAM- und Flash-Speicherbaustein in Japan zusammengesetzt. Auch die Zulieferer von Energiebauteilen wie Akkus und Solarzellen sind nach Einschätzung der Analysten von den Auswirkungen der Katastrophe betroffen, namentlich die im Erdbebengebiet angesiedelten Werke der Unternehmen Seiko und Mitsubishi im Verwaltungsgebiet Iwate. Beide Unternehmen fertigen dort Bauteile für die Herstellung von Akkus.

Einzig die Hersteller von Displays und deren Zulieferer bleiben weitgehend verschont. Denn ihre Fertigungsstätten liegen vor allem im Südwesten Japans, also jenseits des Erdbebengebiets und der havarierten Atomreaktoren.

Lieferengpässe würden Elektronikbauteile verteuern

Dennoch würden sich mögliche Lieferengpässe rasch auf die Weltmärkte für Elektronik auswirken. Der Branchendienst Objective Analysis rechnet spätestens nach einem Produktionsausfall von vierzehn Tagen mit einer Verknappung an Elektronikbausteinen. Dies würde zu einer weltweiten Preissteigerung der Komponenten führen.

Auch die Analysten des Marktforschungsunternehmen iSuppli rechnen bei dauerhaften Produktionsausfällen mit einem stark sinkenden Weltmarktangebot an elektronischer Bauteilen innerhalb von zwei Wochen. Betroffen seien vor allem Flashspeicher, DRAM-Module, Microcontroller und Flüssigkristallbauteile, deren Preise schon jetzt einen Preissprung hingelegt haben. So verteuerten sich allein die DRAM-Preise am ersten Handelstag nach dem Erdbeben um rund 20 Prozent.

Dennoch betonen die Marktforscher, dass sich die Lagerbestände in der Lieferkette schon vor der Katastrophe auf einem hohen Niveau eingependelt hatten. So genüge der Bestand, um die Lieferengpässe zumindest bis Ende März oder Anfang April hinauszuzögern.

Bei allem Unglück, gibt es in dieser Konstellation indes auch Gewinner. So werden in Japan zwar rund 40 Prozent aller weltweit verwendeten Flash-Speicher hergestellt. Sie werden später vor allem in Smartphones und Tablets wie dem iPad 2 verbaut, das derzeit im Markt eingeführt wird. Der zweitgrößte Flash-Speicher-Hersteller der Welt, der japanische Toshiba-Konzern, muss derzeit nach eigenen Angaben kurzfristige Lieferausfälle von 20 Prozent verkraften.

Von der geringeren Liefermenge dürfte aber wohl die Konkurrenz profitieren - darunter die aus Südkorea stammenden Konzerne Samsung  und Hynix sowie die taiwanesischen Unternehmen Powerchip und Promos.

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