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Indien: Fortbildung im IT-Bootcamp

Foto: Koenig Solutions

Zum IT-Training nach Indien Fortbildung vom Discounter

Wer günstig produziert, kann gut exportieren. Ein findiger indischer Unternehmer macht es umgekehrt. Er importiert seine Kunden. IT-Fachleute aus aller Welt erwerben bei ihm Zertifikate, die zu Hause viel teurer sind. Dabei setzt Rohit Aggarwal auf einen deutschen Namen und deutsche Tugenden.

Neu-Delhi - Im Hotel Koenig Inn in Neu-Delhi ist es abends sehr ruhig. Selbst die Trainingsgeräte im Keller sind verwaist. Der Portier kann schon kurz nach zehn Uhr abends seine Schlafmatte in der kleinen Lobby ausrollen. Von ferne dringt das Grundrauschen der Großstadt durch die Ventilatoren der Klimaanlagen. Aber wer auf den Gängen die Ohren spitzt, hört aus fast allen Zimmern das Klicken von Computertastaturen.

Denn das Koenig Inn ist kein normales Hotel, sondern eine Schulungsunterkunft. Hier steigen IT-Fachleute aus aller Welt ab, um sich auf die Prüfungen für eines der hundert verschiedenen Microsoft-, Oracle-, Cisco- oder anderen Zertifikate vorzubereiten, die sie bei der Firma Koenig Solutions ablegen. Eine hoch qualifizierte Fachkraft, die Kursteilnehmer bis zur Prüfungsreife bringen kann, verdient in Indien nur etwa 1000 Dollar im Monat.

So kann Koenig als Standard etwas anbieten, das in Europa und den USA eher unüblich, weil sehr teuer ist - Einzelunterricht. Und es geht schnell zur Sache: Die meisten Kurse gibt es in "regular", "fast" und "super fast".

Fortbildung in "regular", "fast" und "super fast"

Alles begann mit einem Backpacker, der Firmenchef Rohit Aggarwal im Jahre 2002 fragte, ob auch er bei ihm ein Computertraining absolvieren könne. Bis dahin war Koenig Solutions ein lokaler Anbieter für Software und Schulungen, dem das Platzen der Dotcom-Blase schwer zugesetzt hatte. Jetzt erkannte Aggarwal plötzlich die Chance, die sich ihm in dieser Nische bot - und die Probleme, die damit verbunden waren.

Sein Vorteil: Er beherrschte das Metier. IT-Zertifikate sind weltweit genormt, wo man die Prüfung ablegt, ist deshalb egal. Aber wie sollte man Europäer oder Amerikaner dazu bringen, für eine Fortbildung um den halben Globus zu reisen? Noch dazu in ein Entwicklungsland, in dem zweimal am Tag der Strom ausfällt und etliche Autofahrer im Stadtverkehr die Außenspiegel einklappen, um weniger Angriffsfläche zu bieten? "Nach Indien zu reisen, fällt den Leuten nicht so leicht", sagt Aggarwal, "als Tourist erwartet man hier Probleme und findet sie auch nicht weiter schlimm. Aber unsere Kunden wollen, dass alles glatt abläuft."

Power-Pauken in zerstreuungsfreier Umgebung

Also entwickelte er ein zielgruppengerechtes Rundum-Sorglos-Paket. Die ITler werden am Flughafen abgeholt, ins Hotel gebracht, von dort aus jeden Morgen im klimatisierten Firmenshuttle ins Trainingszentrum. Dort sitzen sie acht Stunden lang in fensterlosen Schulungszimmerchen, den sogenannten "Labs", und pauken mit ihren Lehrern, meist im Eins-zu-Eins-Modus, ihren Stoff.

Abends geht es zurück ins Hotel. Nach dem Abendessen wird fleißig weitergelernt, oft noch bis nach Mitternacht. 200 Lernwillige kommen jeden Monat, davon im Schnitt fünf aus Deutschland; ihnen stehen 140 Lehrkräfte gegenüber. Koenig arbeitet für Regierungen, die Weltgesundheitsorganisation WHO, für Firmen wie Siemens, aber auch kleine Unternehmen und Selbstständige. Auf den Fluren vor den Labs trifft man Fachleute aus der Schweiz, Uganda, dem Kongo, aus Hawaii, aus England.

"Das Arbeiten dort ist ungemein effektiv", sagt Martin Jäger, ein IT-Security-Fachmann aus Heilbronn, "und mit allem Drum und Dran hat meine Security-Schulung dort nur die Hälfte gekostet wie eine vergleichbare Schulung hier in Deutschland." Um die 2250 Euro kostet ein MCSE-Zertifikat, der größte Umsatzbringer, bei Koenig. Europäische Anbieter nehmen zum Teil 5000 Euro - ohne Einzelunterricht.

Viel Komfort allerdings darf man beim indischen Bildungsdiscounter nicht erwarten. Das Hotel in Delhi etwa wirbt stolz damit, dass es "running hot and cold water" gibt (Ersteres allerdings nicht zu jeder Tageszeit, Letzteres dafür in manchen Zimmern auch dann, wenn man den Hahn zudreht), dass das Essen von einem, was immer das heißen mag, "trained cook" zubereitet werde, und dass es "distraction free environment" biete. Das zumindest stimmt. Und wer mehr will als Jugendherbergsstandard, kann sich für einen entsprechenden Aufpreis auch edler einquartieren lassen.

Punkten mit deutscher Pünktlichkeit

"Für 50 Euro am Tag können wir den Kunden natürlich kein Fünf-Sterne-Hotel bieten", meint Aggarwal denn auch. Aber die meisten wollen es auch nicht anders. Gut die Hälfte der Kunden zahlt die Fortbildung in Indien selbst und guckt sehr auf den Preis - wie Rasly Carpenter und Ninya Ybarra, die für die amerikanische Firma ITT in Afghanistan arbeiten und für die Schulung sogar Urlaub genommen haben. Ihnen gefällt vor allem, dass es hier schnell geht: Maximaler Input in minimaler Zeit.

IT-Fachleute sind gute Kunden, denn sie müssen ihr Wissen ständig auf den neuesten Stand bringen. Fortbildung ist kein nettes Extra, sondern ein fortlaufendes Muss. Wer als Anbieter punkten kann, kann Stammkundschaft gewinnen. "Alles muss laufen wie ein Uhrwerk. Das mussten wir erst lernen", gibt Aggarwal freimütig zu, "wenn Leute etwas aus eigener Tasche bezahlen, denken sie sehr viel darüber nach, was sie dafür bekommen." Er musste seinen Ausbildern auseinandersetzen: "Wenn neun Uhr auf dem Stundenplan steht, bist du nicht pünktlich, wenn du um fünf nach neun anfängst."

Für Indien, wo die Uhren generell eher ungenau ticken, ist das eine sehr ehrgeizige Vorgabe. Nicht von ungefähr hat Aggarwal seinem Unternehmen denn auch einen deutschen Namen gegeben. "Viele Kunden glauben, dass wir eine deutsche Firma sind", sagt er und lächelt. Schon Aggarwals Vater hatte eine Firma namens Koenig Electrical gegründet, um vom Nimbus deutscher Gründlichkeit zu profitieren. Eine andere Firma der Familie trägt den schönen Namen Essen Deinki und produziert Elektronikkomponenten - das "Deinki" soll nach japanischer Hightech klingen, "Essen" nach deutscher Industriezone.

Aber nicht nur der Name weist über den Tellerrand subkontinentalen Denkens hinaus. Seine Firma, erzählt Aggarwal stolz, sei eine "8:30 to 17"-Company, geregelte Arbeitszeiten fester Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Er selbst gehe meist vor halb sechs abends nach Hause. Auch das ist für einen CEO ungewöhnlich. Nicht nur in Indien. Damit könne er, meint Aggarwal, gute Leute gewinnen und halten, für die eine ausgeglichene Work-Life-Balance noch wichtiger sei als ein höheres Gehalt. Frauen zum Beispiel: Deren Quote in seinem Betrieb liege bei 40 Prozent.

Der Markt wächst rapide

Jetzt allerdings steht der betont entspannte Chef vor einem kniffligen Problem. Wie schnell muss seine Firma wachsen, um sich dauerhaft als Marktführer zu etablieren? In diesem Jahr soll zu den vier Trainingszentren in Indien noch eines in Dubai kommen. Die Anflugzeiten aus Europa sind viel kürzer, und man spart sich die umständliche Visumprozedur. Auch in Ruanda plant Koenig Solutions in den kommenden Monaten eine eigene Dependance, und im indischen Dehradun wird derzeit an einem Schulungszentrum gebaut, das Unterkunft und IT-Training unter einem Dach bieten soll.

Und schließlich - warum nicht gleich nach Europa selbst gehen? Aggarwal zeigt eine Weltkarte, auf der verstreut etliche orange Punkte die derzeit größten IT-Fortbildungsschwerpunkte markieren, in Australien, den USA, Afrika, Europa, Asien. Die nächste Karte sieht ganz anders aus: Ein zentraler Schalter in Indien versorgt über zackige Linien die ganze Welt.

Eine ambitionierte Vision, die hart am reinen Wunschdenken entlangschrammt. Aber Aggarwal ist überzeugt: Auf dem Markt geht noch viel, viel mehr. Deshalb nimmt er den Börsengang ins Visier. Sieben Millionen US-Dollar Umsatz hat Koenig Solutions vergangenes Jahr geschafft. In den kommenden zehn Jahren könnte der Markt für "offshore training", ist Aggarwal überzeugt, auf eine Milliarde anschwellen - weil es für die Firmen immer lohnender wird, nicht nur in Sachen Produktion, sondern auch in Sachen Fortbildung globaler zu denken.

Und schon sieht der pfiffige Visionär auch Potenziale für weitere Synergieeffekte. Nicht nur im Bereich IT-Kompetenz habe Indien die Nase vorn. Auch der Medizintourismus sei ein wachsender Sektor der indischen Wirtschaft. Schon jetzt könne seine Firma problemlos gerne Fachärzte vermitteln, falls einer der Schüler nach einer Schulung noch Bedarf für eine Behandlung habe.

Vielleicht sieht die Zukunft der IT-Fortbildung dann so aus: Man fährt für ein paar Wochen nach Goa, erwirbt erst in einem mehrwöchigen Crashkurs ein IT-Zertifikat, lässt sich anschließend bei einem indischen Dermatologen die Zeichen der Anstrengung aus dem Gesicht bügeln, beim indischen Zahnarzt das Lächeln neu kalibrieren und chillt zu guter Letzt noch ein paar wohlverdiente Tage am Strand. Spätestens wenn das zum allgemeinen Standard in der Branche wird, dürfte sich Deutschland keine Sorgen mehr um fehlenden IT-Fachkräftenachwuchs machen müssen.

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