IT-Irrtümer Wie Yahoo Google und Facebook sausen ließ

Die Entwicklung der IT- und Internetbranche ist auch eine Geschichte des Scheiterns. So hätte Yahoo einst Googles Technik und später Facebooks Netzwerk übernehmen können. Doch auch andere Konzerne lagen schon auf tragische Weise daneben. Ein Überblick.
Von Kristian Klooß
Schnelllebige Branche: Nicht nur Yahoo hat in den vergangenen Jahren Gelegenheiten sausen lassen

Schnelllebige Branche: Nicht nur Yahoo hat in den vergangenen Jahren Gelegenheiten sausen lassen

Foto: Paul Sakuma/ AP

Hamburg - Facebook wird am Markt mit rund 50 Milliarden Dollar bewertet, Google stellt so viel Personal ein wie nie zuvor. Das Geschäft im Netz boomt.

Doch in Sunnyvale, dem Sitz des Internetkonzerns Yahoo, liegt die Stimmung am Boden. Niedergestreckt von den aktuellen Zahlen des Konzerns, betäubt von der abermaligen Ankündigung, Mitarbeiter zu entlassen. 100 sind es dieses Mal. 500 waren es im Herbst.

Vier Entlassungswellen hat der Konzern damit in den vergangenen drei Jahren verkündet. Künftig arbeiten noch 13.500 Mitarbeiter für den einstigen Branchenprimus. Der Umsatz sank auf zuletzt 1,5 Milliarden Dollar im vierten Quartal 2010. Das sind 12 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Google verzeichnete im selben Quartal einen Gewinn von 2,5 Milliarden Dollar.

Immerhin schreibt Yahoo noch Gewinne. Doch gerade im Hinblick auf Google wird deutlich, dass der schleichende Niedergang des einst größten Suchmaschinenportals der Welt auch eine Geschichte der verpassten Chancen ist.

Yahoo ließ die Google-Gründer abblitzen ...

Schon 1997 hätte Yahoo die Möglichkeit gehabt, die spätere Google-Suchtechnik zu erwerben. Angeboten wurde sie dem Unternehmen von den beiden Stanford-Doktoranden Sergey Brin und Larry Page. Doch Yahoo lehnte ab. Auch Yahoos damalige Konkurrenten Altavista und Excite waren nicht an den Algorithmen der beiden Wissenschaftler interessiert.

Die Begründung: Der Hype der Suchmaschinen sei bereits vorbei, die Technik nicht mehr grundlegend zu verbessern. Brin und Page, die eigentlich keine Firma hatten gründen wollen, taten dies am 4. September 1998 letztlich doch. Der Rest ist Geschichte.

Excite geriet nach dem Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 in Geldnot und wurde 2004 von der Firma Ask.com übernommen. Ask.com gab im November 2010 das Ende seiner Suchmaschine bekannt. Altavista wurde im Februar 2003 vom Unternehmen Overture übernommen - einer Yahoo-Tochter. Im Dezember 2010 gab Yahoo schließlich bekannt, Altavista zu schließen. Yahoo lässt die eigene Suche inzwischen über die Microsoft-Suchmaschine Bing laufen.

… und verpokerte sich bei Facebook

Bis heute trauert Yahoo auch einer zweiten Chance nach. Sie datiert auf das Jahr 2006. Das soziale Netzwerk Facebook war gerade zwei Jahre alt. Es galt als Tummelplatz für Studenten. Acht Millionen Facebook-Nutzer standen den rund hundert Millionen Nutzern des damaligen Marktführers MySpace gegenüber.

Dennoch legte Facebook schon damals eine Wachstumskurve hin, die den nahen Angriff auf die Marktführerschaft erahnen ließ. Dies sah auch das Management von Yahoo  so. So legten sie dem damals 23-jährigen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seinen Beratern ein Übernahmeangebot auf den Schreibtisch: eine Milliarde Dollar. Eine Summe, die damals fantastisch anmutete. Zumal Rupert Murdoch für die MySpace-Übernahme im Jahr 2005 noch die Hälfte gezahlt hatte, also 500 Millionen Dollar.

Die Milliarde im Blick, stimmte Zuckerberg dem Deal mit Yahoo zu. Was dann passierte, ist für Yahoo aus heutiger Sicht tragisch. Der Konzern wurde Opfer seiner Börsennotierung. Denn just nach Abschluss der Verhandlungen meldete das Management um den damaligen CEO Terry Semel schlechte Zahlen. Die Anleger schickten die Yahoo-Papiere binnen weniger Handelstage um 22 Prozent in den Keller.

Wie reagierten Semel und sein Team? Sie nahmen sich die Ausgabenposten vor. Und sie kamen zu dem Schluss, dass die Offerte für Facebook am leichtesten zu kürzen war. Zuckerberg und sein Team reagierten verschnupft. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Zwei Monate später erhöhte Yahoo das Kaufangebot zwar wieder auf eine Milliarde Dollar. Da war es aber schon zu spät.

Das Konkurrenzangebot Geocitys, dass Yahoo sich im Jahre 1999 einverleibt hatte, machte der Konzern 2009 dicht.

Spott fällt jedoch leicht, wenn man sie aus der bequemen Perspektive des Rückblicks äußert. Aus der jeweiligen Zeit heraus sind die Entscheidungen Yahoos durchaus nachzuvollziehen. Wie schwierig es ist, in einem von Techniksprüngen und sozialem Wandel geprägten Markt das richtige Gespür zu haben, zeigt ein Blick auf einige weitere Managemententscheidungen, die sich für die betreffenden Unternehmen später oft als tragische Fehler erwiesen haben.

Sony und Toshiba streiten über eine flache Scheibe

Im Falle Sony  und Toshiba  hätte es eigentlich genügend Anschauungsmaterial gegeben, um zu sehen, wie man es macht. Vor dem Hintergrund eines unerbittlichen Wettbewerbs konkurrierender Videokassettenformate Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre - an deren Folgen vor allem der deutsche Konzern Grundig Schaden nahm - einigten sich Sony und Toshiba 1995 beim DVD-Format friedlich auf eine gemeinsame Technologie.

Diesen Burgfrieden vollzogen die Konzerne allerdings nur, um sich seit 2002 beim DVD-Nachfolger wieder bis aufs Äußerste zu bekämpfen. So standen sich Sony mit der Blu-ray Disc und Toshiba mit der HD DVD gegenüber.

Das Durcheinander sorgte für verunsicherte Konsumenten und verprellte Hersteller. Schlecht für Toshiba: Sony setzte sich 2008 durch, als es den Konzern Warner Brothers für sich gewann. Schlecht für Sony: Die Japaner zahlten 400 Millionen Dollar, um den Amerikanern die Entscheidung für Blu-ray zu versüßen.

Schlecht für Toshiba und Sony: Die Zukunft der Videovermarktung spielt inzwischen nicht mehr auf kleinen Scheiben, sondern im Netz.

Musik als Download: Die Plattenindustrie klagt, gewinnt - und verliert

Dies haben auch die großen Plattenlabels von Universal, Sony, EMI, Warner und Bertelsmann zu spüren bekommen. Ihr Schmerz begann, als 1999 der Programmierer Shawn Fanning die Software Napster ins Netz stellte. Mit diesem Programm war es für technisch versierte Musikliebhaber möglich, Songs auf den Festplatten von Millionen anderen Nutzern im Netz zu finden und auf die eigene Festplatte herunterzuladen.

Den Musikkonzernen fiel daraufhin nicht mehr ein, als Napster wegen Urheberrechtsverletzungen zu verklagen. Ein Angebot des damaligen Napster-CEOs Hank Berry, den Musikaustausch auf Basis von Lizenzgebühren fortzuführen, schlugen die Konzerne aus. 2001 zwangen sie Napster mit Klagen in die Knie.

Doch da standen schon zahlreiche Alternativen bereit: von LimeWire, über KaZaA bis eMule. Seit Januar 2011, zehn Jahre nach dem Ende Napsters, hat auch Sony ein Onlinemusikangebot namens "Q" in Deutschland freigeschaltet.

Dabei hatte schon 2003 ein Unternehmen namens Apple  mit der Download-Plattform iTunes vorgemacht, wie digitaler Musikvertrieb heute funktionieren kann.

Philips und Real Networks verzichten auf iPod und iTunes

Nicht jedem ist bekannt, dass der iPod und die iTunes-Plattform keine Ideen von Steve Jobs sind. Das Konzept der Kombination aus intuitivem Abspielgerät und kompatiblem Download-Portal geht auf den IT-Berater Tony Fadell zurück. Der hatte sein Konzept eines MP3-Spielers mit vorgeschaltetem Download-Shop im Jahr 2000 seinem ehemaligen Arbeitgeber Philips und dem Streaming-Anbieter Real Networks angeboten. Beide Unternehmen winkten ab.

Apple hingegen griff zu und veredelte das Konzept. Mit der Einführung des iPod begann der zehnjährige Aufstieg des in Cupertino ansässigen Konzerns zum wertvollsten Technologieunternehmen der Welt. Das Gerät war der Grundstein, auf dem der Konzern 2003 sein Download-Portal iTunes errichtete. Seit Mitte 2004 betreibt im Übrigen auch Real Networks einen Onlinemusikdienst - den RealMusic Store.

Xerox verschenkt seine Ideen an Apple, Microsoft...

Dass Apple-Mitgründer Steve Jobs stets ein gutes Händchen für Innovationen hatte, beweist auch ein Blick in die Geschichte - der für das einstige Xerox-Management wenig schmeichelhaft ausfällt.

Als in den 80er Jahren Rechner wie der Apple Macintosh und der Windows-PC den Markt eroberten, war die grafische Benutzeroberfläche schon ein Jahrzehnt alt. Xerox, damals auf Fotokopierer spezialisiert, hatte schon 1973 in seinem Forschungslabor im kalifornischen Palo Alto eine entsprechende Nutzeroberfläche erfunden.

Das Problem: Die Konzernspitze wusste nichts mit der Technologie anzufangen. Zwar produzierte der Konzern später einige Tausend mit der grafischen Oberfläche ausgestattete Rechner, die vor allem an Universitäten zum Einsatz kamen. Doch erst 1979 erkannte Steve Jobs bei einem Rundgang durch das Forschungslabors die Massenmarkttauglichkeit der Technik. Und er setzte sie für seine Computer Lisa (1983) and Mac (1984) ein.

... und an andere IT-Unternehmen wie Adobe

Zu Apple - und später Microsoft -, die die Ideen von Xerox zu Gold machten, gesellten sich bald weitere Firmen. Sie wurden vor allem von ehemaligen Xerox-Mitarbeitern gegründet. Sie vermarkteten ihre in den Xerox-Laboren ausgetüftelten Erfindungen, nachdem der Konzern dies zuvor nicht vermocht hatte.

So gründete John Warnock das Unternehmen Adobe , um seine Erfindung zu vermarkten: ein Format, mit dem Grafiken und Druckseiten auf unterschiedlichsten Ausgabegeräten in beliebiger Größe und Auflösung verlustfrei ausgegeben werden können. Aus der Idee und einigen erfolgreichen Formaten entwickelte sich schließlich das heutige PDF.

Robert Metcalfe hingegen machte sich als Erfinder der Ethernet-Technologie selbstständig. Sie ermöglicht den Datenaustausch zwischen Rechnern, Druckern und anderen Geräten in einem lokalen Netz (LAN). Er gründete das Unternehmen 3Com, das 2010 von Hewlett-Packard für knapp zwei Milliarden Euro übernommen wurde.

Digital Research überlässt Microsoft das Feld

Dass manchmal auch ein wenig Glück dazugehört, zeigt der Aufstieg von Microsoft . Im Jahre 1980 war der damals größte Computerkonzern der Welt, IBM, auf der Suche nach einem Betriebssystem für den damals kurz vor der Einführung stehenden IBM-PC. Der Konzern hatte angeblich Pläne, mit dem Unternehmen Digital Research des in Seattle lebenden Entwicklers Gary Kildall zusammenzuarbeiten. Dieser hatte bereits 1975 versucht, sein Betriebssystem namens CP/M an IBM zu verkaufen. Später entwickelte er es zum bis dahin meistgenutzten Betriebssystem der Welt weiter.

Doch trotz dieser Voraussetzungen verlor Digital Research mit seinem CP/M schließlich gegen Microsofts Konkurrenzprodukt MS-DOS. Was IBM bewog, nicht auf Digital Research zu setzen, darüber gibt es viele Gerüchte.

Eines besagt, dass die IBM-Vertreter Gary Kildall nicht antrafen, als sie ihm das Angebot zur Lieferung des Betriebssystems unterbreiten wollten. Dieser soll es demnach vorgezogen haben, zum Segelfliegen zu gehen. Ein anderes Gerücht besagt, dass Kildalls Frau Dorothy, zuständig für die geschäftlichen Angelegenheiten ihres Mannes, keine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben wollte.

So hätten sich die IBM-Vertreter schließlich Bill Gates zugewandt, der IBM ein alternatives Betriebssystem lieferte. 1991 wurde Digital Research übrigens von der Firma Novell aufgekauft.

Microsoft beißt in einen sauren Apfel

Der MS-DOS-Deal brachte letztlich auch die langjährige Gegnerschaft Apples und Microsofts hervor. Als Mitte der 90er Jahre die Verkaufszahlen des einstigen Apple-Vorzeigeprodukts, des Macs, immer weiter fielen, geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Der Zweikampf zwischen Microsoft  und Apple  schien entschieden.

Ausgerechnet Steve Jobs war es, der schließlich auf der Computermesse Macworld Expo unter Buhrufen einen Deal verkündete, der, je nach Standpunkt, als eine der klügsten oder als eine der dümmsten Entscheidungen der IT-Geschichte betrachtet werden kann. Denn es war Microsoft, das Apple mit 150 Millionen Dollar aushalf.

Im Falle Microsoft von einer Fehlentscheidung zu sprechen, ist im Nachhinein allerdings schwierig, da der Konzern zum Zeitpunkt des Deals wegen seiner Marktmacht in den USA vor einer politisch erzwungenen Aufspaltung stand. Auf der Habenseite darf der Konzern aus Seattle darüber hinaus ein Paket von geschätzt sechs bis zwölf Millionen stimmrechtslosen Apple-Aktien  verbuchen.

Time Warner versenkt 99 Milliarden Dollar mit AOL

Mit ihren Aktien machten im Jahr 2000 auch zwei andere Unternehmen Furore. Der Unterhaltungskonzern Time Warner  und der Internetzugangsanbieter AOL schlossen sich damals zum Konzern Time Warner AOL zusammen. Damals wurde der Internetdienstleister an der Börse mit rund 163 Milliarden US-Dollar bewertet. Time Warner brachte hingegen nur einen Börsenwert von 83 Milliarden US-Dollar in die Firmenehe ein.

Doch die Ehe war nicht glücklich. AOL, einst mit rund 30 Millionen Nutzern der weltgrößte Internetanbieter, verlor immer mehr Kunden. Im September 2003 wurde der Konzern schließlich wieder in Time Warner umbenannt. Im Dezember trennte sich Time Warner dann ganz von AOL. Der Konzern ist inzwischen an der New Yorker Börse gelistet.

Zuvor musste Time Warner allerdings einige Anteile zurückkaufen, die der Konzern Ende 2005 an den Suchmaschinenbetreiber Google  verkauft hatte. Google hatte damals eine Milliarde Dollar (833 Millionen Euro) für die Anteile gezahlt. Als sich der Suchmaschinenkonzern von seinem Engagement trennte, gab es von Time Warner 283 Millionen Dollar zurück. Für Google bleibt diese Episode eine Fußnote. Time-Warner-Chef Jeffrey Bewkes nannte die Fusion mit AOL rückblickend "den größten Fehler in der Geschichte seines Unternehmens".

AOL selbst ging im Übrigen auch selbst mit einer der größten Fehlinvestitionen in die IT-Geschichte ein. 850 Millionen Dollar zahlte der Anbieter von Internetzugängen im März 2008 für das britische Sozialnetzwerk Bebo. Im Juni 2010 verkaufte AOL die Tochter Bebo weiter - für fünf Millionen Dollar.

Bebo-Gründerin Joanna Shields ist heute im Übrigen Europa-Chefin von Facebook.

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