Montag, 18. November 2019

Die vernetzte Welt Denkende Autos und fühlende Äcker

Sprechende Maschinen, denkende Autos, fühlende Äcker: Das "Internet der Dinge" verspricht grandiose Möglichkeiten
Osterwalders Art Office
Sprechende Maschinen, denkende Autos, fühlende Äcker: Das "Internet der Dinge" verspricht grandiose Möglichkeiten

Händeringend sucht die deutsche Wirtschaft nach Innovationen, damit der aktuelle Aufschwung zu dauerhaftem Wachstum führt. Glücklicherweise tun sich große technologische Chancen auf: Das "Internet der Dinge" soll Geräte und Gegenstände vernetzen - und unser Leben grundlegend verändern.

Hamburg - Die 18-jährige Stute "Elisa" nähert sich dem Trog. Als sie so dicht vor dem Haferauslass steht, dass kein anderes Tier aus der Herde ihr das Futter streitig machen kann, öffnet sich die Klappe und eine genau abgewogene Menge von Kraftnahrung für ältere Pferde fällt ihr vor das Maul. Ausgelöst hat die individuelle Fütterung ein in die Mähne eingeflochtener Chip, der die persönlichen Daten von "Elisa" an den Futterautomaten sendet. Computergesteuert mischt das Gerät Hafer und Pellets, ein Knecht ist für die Arbeit nicht mehr nötig.

Der moderne Reiterhof im bayerischen Oberland, auf dem "Elisa" lebt, zieht mit seiner Hightech-Betreuung viele wohlhabende Pferdebesitzer an. Schon kurze Zeit nach Einführung der neuen Chip-Technologie waren alle Plätze in dem Offenstall vergeben. Der Inhaber kann höhere Preise verlangen und spart gleichzeitig an Personal.

Elisas Chip mag auf den ersten Blick reichlich profan erscheinen, doch er symbolisiert eine technologisch-ökonomische Revolution: Unter dem Stichwort "Internet der Dinge" arbeiten derzeit Forscher daran, Maschinen aller Art miteinander kommunizieren zu lassen. Automatische Steuerungen und Regelkreise sollen die Effizienz vieler Prozesse dramatisch verbessern. Experten sehen darin eine Basisinnovation, die Geschäftsmodelle und -abläufe grundlegend verändern wird.

Wenn Maschinen miteinander kommunizieren

Möglich wird die totale Vernetzung, weil Prozessoren, Sender, Sensoren und Aktuatoren heute klein, preiswert und energieeffizient genug sind, um sie in Gegenstände jeder Art einbauen zu können. Welche Chancen und Risiken diese neue Entwicklung für Wirtschaft und Gesellschaft bergen, damit befassen wir uns eingehend in einem umfassenden Report im aktuellen Heft.

Ob Landwirtschaft, Gesundheitswesen oder Verkehr, Energieversorgung oder Handel - modernste Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK) führt bereits in vielen Bereichen analoge Prozesse mit der digitalen Datenverarbeitung zusammen. Sie führt in eine intelligente Umwelt, in der Autos mit Ampeln, Kühllaster mit Supermärkten und Fotovoltaik-Dächer mit Elektrizitätswerken kommunizieren. Cyber-Physical Systems (CPS) nennen die Wissenschaftler solche Netzwerke, in denen reale Welt und Cyberspace zusammenwachsen.

Unternehmen unter Innovationsdruck

Das Internet der Dinge, so sehen es viele Forscher und Manager, kann eine jener Basisinnovationen werden, die nur selten auftauchen, dann aber massive Umwälzungen mit sich bringen. "Wir stehen heute am Beginn des nächsten Kondratjew-Zyklus", prophezeit Rüdiger Spies vom Marktforschungsunternehmen IDC. Wie einst Dampfmaschine, Stromversorgung oder Personal Computer, so könnte die Vernetzung der physischen Welt einen ganzen Schwarm von Erfindungen und Entwicklungen nach sich ziehen.

Dadurch, so die Hoffnung, könnte eine neue ökonomische Dynamik entstehen, die die meisten etablierten Volkswirtschaften derzeit schmerzlich vermissen. Weil die Wirtschaft seit Ausbruch der Finanzkrise in vielen Ländern lahmt, kommen sie aus der Abwärtsdynamik der Finanzkrise nicht heraus. Gesucht sind echte Innovationen, die ganze Nationen zu neuem Wachstum führen, damit sie elegant aus den hohen Schuldenständen herauswachsen können.

Auch Unternehmen stehen derzeit unter enormem Innovationsdruck. Viele Branchen sind inzwischen soweit gereift, dass die Märkte kaum noch wachsen und die Margen schrumpfen. Es dürstet sie geradezu nach neuen Produkten und Prozessen, weshalb sie viel Geld in Forschung und Entwicklung stecken.

Gerade in Deutschlands Unternehmen greift man deshalb beherzt nach den Möglichkeiten des Internets der Dinge. Anders als in den bisherigen Phasen der Digitalisierung scheinen sie gut gerüstet für die Überwölbung der physischen Welt durch einen allgegenwärtigen Cyberspace; im Report im Heft outen sich diverse Top-Adressen der deutschen Wirtschaft als Anhänger der neuen Technologie.

Die Stute Elisa mit ihrem direkten Draht zum Futterautomaten mag für sich genommen die Welt nicht verändern - als Vorbotin einer technologischen Wende hat sie höchste Relevanz.

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