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Klagewelle: Apple gegen den Rest der Welt

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Apple ohne Steve Jobs Der verletzliche iKonzern

Die erneute Zwangspause von Apple-Chef Steve Jobs legt die größte Schwachstelle des amerikanischen Technologiekonzerns offen: die Fixierung auf seinen charismatischen Konzernchef. Die einzige Schwäche des Unternehmens ist es allerdings nicht.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Der wertvollste Technologiekonzern der Welt ist verletzlich. Nichts macht dies deutlicher als der Einbruch des Apple-Aktienkurses, nachdem sich Konzernchef Steve Jobs erneut krank gemeldet hat. Dass der Konzern am morgigen Dienstag erneut ein Rekordergebnis melden dürfte, spielte im europäischen Handel am Montag nur eine Nebenrolle. An der Wall Street, die heute geschlossen war, wird am Dienstag ein wilder Ritt der Apple-Aktie erwartet.

In keinem anderen Konzern werden Gedeih und Verderb so sehr mit einem charismatischen Gründer verknüpft wie bei Apple . Denn die Fähigkeiten des 54-Jährigen gelten als Schlüssel für den Erfolg.

Völlig überraschend kommt die Auszeit von Jobs jedoch nicht. Bereits 2009 hatte sich Jobs einer Lebertransplantation unterzogen und für sechs Monate die Führung an Tim Cook übergeben. Auch in dieser Zeit setzte der Konzern seinen Siegeszug fort, doch Steve Jobs gilt im Konzern weiterhin als unersetzbar.

Jobs war es, der in den 80er Jahren auf seinen Macintosh-Rechnern statt Befehlszeilen wie "del c:/ordner/datei.exe" einen virtuellen Schreibtisch samt grafischem Papierkorb einführte. Die heutigen Mac-Computer, der iPod, das iPhone und das iPad sind - dank Jobs - Beispiele für die vorbildliche Integration von Hochtechnologie, intuitiver Benutzerführung, Kundenorientierung und Design.

Foxconn, AT&T und der Streit um "Fremdverschulden"

Dass Jobs die Fäden zusammenhält, gilt einerseits als Apples große Stärke. Die Teams um den Apple-Alleinherrscher sind darauf ausgerichtet, die von ihm abgesegneten Produkte mit Tempo und Perfektion zu entwickeln. Ohne Steve Jobs, so die Sorge der Investoren, könnte dieser Prozess versiegen.

Zwar hat Apples Chef für das operative Geschäft, Tim Cook, Jobs bereits während dessen krankheitbedingten Auszeiten in den Jahren 2004 und 2009 vertreten. Ob Cook auch eine langfristige Lösung ist, bleibt indes offen. Noch vom Krankenbett aus soll Jobs die Geschicke des Konzerns gelenkt haben. Jetzt kündigt er erneut an, wenn nicht im Tagesgeschäft, dann doch strategisch weiter die Fäden zu ziehen.

Und dies scheint nötiger denn je zu sein. Denn die Fallhöhe Apples ist inzwischen hoch - nicht nur nach dem Siegeszug am Aktienmarkt, der Apples Marktkapitalisierung über die Marke von 300 Milliarden Dollar und damit unter die Top Drei der wertvollsten Unternehmen der Welt schraubte. Auch die direkten Wettbewerber sägen an den Geschäftszweigen des iKonzerns. Und es sind auch die eigenen Vertragspartner, die dem Konzern vermehrt Schwierigkeiten machen.

Ein Beispiel dafür ist der taiwanesische Auftragsfertiger Foxconn. In Shenzen betreibt Foxconn eine der weltweit größten Elektronikfabriken. Fast eine halbe Million Menschen waren dort zu Spitzenzeiten beschäftigt. Zahlreiche weltweit agierende Hardwarekonzerne lassen ihre Geräte dort fertigen. Schon 2006 wurde Foxconn allerdings wegen vermeintlich unmenschlichen Arbeitsbedingungen kritisiert. Als sich im vergangenen Jahr innerhalb kurzer Zeit 13 Arbeiter das Leben nahmen, stand vor allem Apple im Rampenlicht. Der US-Konzern, der iPods, iPhones und iPads in Shenzen zusammenbauen lässt, räumte daraufhin ein, dass Foxconn gegen Zulieferer-Verhaltensrichtlinien verstoßen habe.

Duell von Apple und Google spitzt sich zu

Dies sind nicht die einzigen Probleme, die das Markenbild Apples ankratzen. In den Vereinigten Staaten kommt es seit 2009 beispielsweise immer mal wieder zu Störungen beim Download von Apps auf das iPhone. Eine dieser Regionen ist New York. So wie in Deutschland die Telekom und in Großbritannien O2 die exklusiven Vermarktungsrechte am iPhone besitzen, so kam AT&T in den USA zum Zuge. Apple gab daher, wie im Falle Foxconn, AT&T die Schuld an den Pannen.

Für gestörten Antennenempfang beim aktuellen iPhone 4 sah der Konzern hingegen zunächst die Schuld bei den Nutzern. Einige von ihnen klagten. Kurze Zeit später musste Apples Leiter der iPhone-Hardwaresparte, Mark Papermaster, seinen Hut nehmen.

Nach dem Ärger um die Empfangsprobleme stand Apple zuletzt in Japan in der Kritik. Dort untersuchen japanische Behörden mehrere Fälle, in denen der Musikspieler iPod beim Aufladen in Brand geriet fing. Für Kritik sorgte auch hier, dass Apple nur widerwillig kooperierte.

Darüber hinaus litt Apples Ruf zuletzt immer häufiger durch Sicherheitsmängel. Das Unternehmen brauchte zweieinhalb Monate, um auf eine im September 2009 bekannt gewordene Sicherheitslücke zu reagieren, bei der Kreditkartendaten von Internetnutzern nicht geschützt waren. Und als Apple Anfang Januar einen App-Store auch für den Mac eröffnete, dauerte es gerade mal zwei Tage, bis dieser gehackt wurde. So konnten zum Beispiel Eingangsbelege einiger gekaufter Apps mehrfach genutzt werden.

Google gegen Apple: "Offene" gegen "geschlossene" Systeme

Offiziell aus Gründen der Sicherheit und Stabilität schränkt Apple die Arbeit externer Entwickler inzwischen merklich ein. So verbietet der Konzern beispielsweise iPhone-Apps, die anhand der Geo-Ortung lokalisierte Werbung anzeigen. Auch Anwendungen, die durch andere Entwicklungsumgebungen per Baukastenprinzip entwickelt wurden, sind nicht zugelassen, ebenso Radio-Apps.

Durch die Presse ging das Verbot Apples, auf die Flash-Technologie des Softwareherstellers Adobe  zurückzugreifen. Letztere wird von Entwicklern für die Programmierung von Werbebannern oder Videos verwendet. Darüber hinaus hat Apple seit Anfang 2010 damit begonnen, Apps zu entfernen, die inhaltlich anstößig sein könnten. Auf Kundenbeschwerden reagierte Apple-Chef Jobs mit der Aussage: "Wer Pornos will, soll sich ein Android-Handy kaufen."

Google  wird dieser Ausbruch des Apple-Chefs nur recht sein. Denn der Suchmaschinenkonzern verzichtet bei seinem Smartphone-Betriebssystem auf Einschränkungen à la Apple. Und Google-Vizepräsidentin Marissa Mayer wird nicht müde, zu betonen, was Android-Smartphones und Apple-iPhones unterscheide: Android sei "offen", Apple "geschlossen" - eine Unterscheidung, die Google sich im Übrigen auch im Vergleich zu Facebook zurechtgelegt hat. Steve Jobs hingegen spricht lieber von "integriert" im Falle Apple und "fragmentiert" im Falle Android.

Welchem Modell die Kunden folgen, zeigen die Anfang Januar veröffentlichten Nielsen-Zahlen zu den in den USA genutzten Smartphone-Betriebssystemen. Laut Nielsen haben im November 28,6 Prozent der US-amerikanischen Smartphone-Nutzer ein iPhone benutzt, 26,1 Prozent einen Blackberry und 25,8 Prozent ein Android-Smartphone. Wobei der iPhone-Anteil seit einem halben Jahr stagniert und der von Blackberry-Hersteller Research in Motion  von einst 33,9 Prozent stark gesunken ist. Android hingegen hatte vor sechs Monaten gerade einmal 15 Prozent Marktanteil und hat rasant aufgeholt.

Rasante Nachzügler bedrängen Apple

Dass Apple im Smartphone-Markt nicht mehr so stürmisch wächst, hat Gründe. Längst haben die Nachzügler Bedienkonzept und Geschäftsmodell von Apples "i"-Familie kopiert. Smartphones im "Look and Feel" eines iPhones gibt es inzwischen von zahlreichen Anbietern. Tablet-Computer, die dem iPad Konkurrenz machen, werden bis spätestens Ende dieses Jahres von allen wichtigen Apple-Wettbewerbern auf dem Markt sein.

Die Alleinstellung, die sich Apple 2001 mit dem Musikspieler iPod, 2003 mit dem iTunes-Shop, 2007 mit dem iPhone samt App-Store und 2010 mit der Einführung des iPads erarbeitet hat, wird sich für das Unternehmen voraussichtlich nicht lange aufrechterhalten lassen. Die Zeiten, in denen Apple Netzanbietern wie der Deutschen Telekom  das Geschäftsmodell diktieren und hohe Umsatzbeteiligungen verlangen konnte, sind wohl vorbei.

Die Zeiten, in denen Apple den Musikkonzernen Preise und Vertriebsstrategie im Netz vorgeben konnte, ebenfalls. Das Verbot von Radio-Apps mag Apple zwar kurzfristig zum Schutz der iTunes-Plattform dienen, das dem Unternehmen einst den Durchbruch für bezahlte Musikdownloads brachte. Doch langfristig schadet das Verbot dem Absatz der Apple-Geräte.

Und das Verbot von lokalisierter Werbung mag kurzfristig zum Schutz vor Anbietern wie Google dienen. Doch langfristig verstärkt es die Suche von Entwicklern, Software- und Inhalteanbietern nach Alternativen - wie Googles Android.

Klagen über Klagen

Wie hart in der Smartphone-Branche gekämpft wird, zeigt auch ein Blick auf die Liste jener Unternehmen, mit denen Apple sich derzeit gerichtlich auseinandersetzen muss. Sie reicht von Motorola  bis Microsoft  , von Nokia bis NTP.

Ungemach droht Apple auch von ganz anderer Seite. Im Jahr 2007 einigte sich die amerikanische Börsenaufsicht SEC mit dem früheren Apple-Finanzchef Fred Anderson außergerichtlich zu einer Strafzahlung von 3,5 Millionen Dollar. Anderson hatte zuvor Gewinne aus zurückdatierten Optionen auf Apple-Aktien erzielt. Der ehemalige Vorstand beschuldigte anschließend jedoch Konzernchef Jobs, über die Praktiken informiert gewesen zu sein.

Die SEC hat ihre offiziellen Ermittlungen gegen Apple zwar eingestellt. Straf- oder zivilrechtliche Konsequenzen seien aber weiterhin möglich, so die Börsenaufseher. 2008 legte eine Gruppe von Klägern eine entsprechende Klageschrift vor.

Aber diese Klage ist derzeit in Anbetracht der erneuten Krankheitspause von Steve Jobs nicht das größte Problem, dem sich die Geschäftsführung im kalifornischen Cupertino widmen muss. Da hilft auch die Bekanntgabe neuer Rekordzahlen, die für Dienstag erwartet werden, nichts.