Samstag, 21. September 2019

Siemens Befreiungsschlag für die IT-Sparte

Im zweiten Anlauf verkauft nach Frankreich: Siemens IT Solutions (hier die Niederlassung in Dubai)

Die Nachricht kam überraschend. Dass Siemens seine Tochtergesellschaft SIS nach Frankreich verkauft, war auch intern nur dem sehr kleinen Kreis bekannt, der seit sechs Monaten daran arbeitete. Börse und Analysten jubeln, sogar die IG Metall verhält sich ruhig. Doch viele bezweifeln, dass Atos und SIS rasch zusammenwachsen.

München - James Stettler ist richtig euphorisch. Siemens-Chef Peter Löscher habe sehr gute Arbeit geleistet und gezeigt, dass er die Probleme lösen und auch mit den Gewerkschaften gut umgehen könne, lobt der Analyst bei Unicredit in London.

Dass Siemens mit dem Verkauf der Tochter IT Solutions der ungeliebten Sparte für Informationstechnologie noch Geld hinterher wirft, findet Stettler nicht so tragisch. Zwar nimmt der Siemens-Konzern einmalig 250 Millionen Euro Restrukturierungskosten plus 50 Millionen Entwicklungsinvestitionen auf seine Kappe. Doch sonst hätte er schließlich weiter die Verluste der Tochter tragen müssen, meint Stettler.

Siemens hat in der Nacht bekanntgegeben, die Tochtergesellschaft Siemens IT Solutions and Services bis Juli 2011 in das französische Unternehmen Atos Origin einbringen zu wollen. Im Gegenzug erhält Siemens eine Beteiligung an Atos, eine Wandelanleihe und Cash. Siemens versucht schon seit Jahren, die Gesellschaft zu verkaufen, auch schon einmal an Atos, was aber scheiterte.

Dass jetzt sowohl der Aktienkurs von Siemens Börsen-Chart zeigen, als auch der von Atos Origin einen Sprung steigen, zeige, dass der Deal beiden Seiten Erfolg bringen könnte. "Siemens ist eben kein IT-Unternehmen und hat in diesem Geschäft viel Geld verloren", sagt Stettler. Gleichzeitig sei die Informationstechnologie für die anderen Siemens-Bereiche von entscheidender Bedeutung. Deshalb sei die enge Partnerschaft mit Atos sehr gut: "Siemens sichert sich Zugang und Kontrolle".

Verkauf mit Verlust - doch ein strategisches Problem weniger

Auch Siemens-intern ist man ziemlich stolz auf die endlich gefundene Lösung. Atos sei in Europa sehr stark und ein attraktiver Partner, sagt ein Manager. Die Kassen bei Siemens sind voll, weshalb der Verkauf mit Verlust verschmerzbar scheint. Dafür sei man ein gewaltiges strategisches Problem los.

"Auf dem Papier ist es kein schlechter Deal", sagt ein Experte, der beide Unternehmen gut kennt. Allerdings bringe der Zusammenschluss nur etwas für den europäischen Markt, nicht für das Geschäft in den USA oder Asien, nicht für den Zugang zu Offshore-Märkten mit ihrem breiten und günstigen Angebot an IT-Fachkräften. "Atos hat betont, dass man 2012 schuldenfrei sei und Kredite im Volumen von 3 Milliarden Euro auftreiben könnte: Ich vermute, da kommt in einiger Zeit noch ein Zukauf - zum Beispiel in Indien."

Drei Jahre Beschäftigungsgarantie für SIS-Mitarbeiter

Keine rosigen Aussichten für die vergleichsweise teuren deutschen SIS-Mitarbeiter, die sich in wesentlich reduzierter Anzahl im Oktober 2010 in einer ausgegliederten GmbH wiederfanden. Sie erhielten damals zwar eine dreijährige Beschäftigungsgarantie. Doch eine Siemens-Sprecherin sagte, diese werde im Rahmen des Zusammenschlusses mit Atos Inhalt neuer Tarifverhandlungen sein. Der Abbau weiterer 1750 Stellen, davon 600 in Deutschland, wurde jetzt schon angekündigt.

Vermutlich handelt es sich dabei vor allem um Mitarbeiter des Managements, die durch die Beschäftigungsgarantie ohnehin nicht geschützt sind. Schließlich soll die Hauptverwaltung des neuen Gebildes in Paris sitzen. Ein Siemens-Vertreter soll in den Aufsichtsrat von Atos Origin einziehen. Dort hat aber auch der bisherige Ankeraktionär, der Finanzinvestor PAI (eine Paribas-Tochter), etwas zu sagen. Seine Beteiligung von 25 Prozent wird allerdings verwässert im Rahmen der Atos-Kapitalerhöhung, die ja komplett Siemens zeichnen soll, um auf die vereinbarten 15 Prozent Kapitalanteil zu kommen. Über eine Wandelanleihe kann Siemens später auf bis zu 25 Prozent erhöhen - wenn es gut läuft.

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