Datenklau Oracles bittersüßer Sieg über SAP

Dieser Sieg ist nach dem Geschmack von Oracle-Chef Larry Ellison. Satte 1,3 Milliarden Dollar muss Rivale SAP wegen der Datenklauaffäre an den US-Softwarekonzern zahlen. Doch wie lange hat Ellison Freude an dem mit viel Show erkämpften Geld? Sein rambohaftes Auftreten geht vielen Kunden zunehmend auf die Nerven.
Triumph: Oracle-Chef Larry Ellison gewinnt gelegentlich nicht nur beim Segeln, sondern nun auch vor Gericht gegen den Rivalen SAP

Triumph: Oracle-Chef Larry Ellison gewinnt gelegentlich nicht nur beim Segeln, sondern nun auch vor Gericht gegen den Rivalen SAP

Foto: Manuel Queimadelos Alonso/ Getty Images

Hamburg - Was für eine Genugtuung für Oracle-Chef Larry Ellison: Erst nötigte er den Rivalen SAP zu einer devot anmutenden Entschuldigung in der Affäre um geklaute Daten, nun erstreitet er vor Gericht eine Schadensersatzzahlung in einer Höhe, die die Softwarebranche bisher nicht gekannt hatte. SAP muss 1,3 Milliarden Dollar nach Kalifornien überweisen, weil Mitarbeiter der Tochter TomorrowNow Daten von einer nur für Oracle-Kunden zugänglichen Website heruntergeladen hatten.

Wie viel Ellison mit seinem medienwirksam inszenierten Coup vor Gericht tatsächlich gewonnen hat, ist allerdings weit weniger eindeutig, als es die satte Rechnung an den ärgsten Rivalen ausdrückt. Zwar nützt die zehnstellige Summe dem US-Konzern im gegenwärtigen Gerangel um die Vorherrschaft im Geschäft mit Datenbanken, Soft- und Hardware. Die burschikose Art, mit der Ellison gegen den Wettbewerber vorgegangen ist, weckt jedoch auch Misstrauen bei Geschäftspartnern.

"SAP  kommt definitiv schlecht weg, aber Oracle  ist auch kein richtiger Gewinner", sagt Analyst Tobias Ortwein vom Beratungsunternehmen Pierre Audoin Consultants (PAC). "Die Klagerei und das Auftreten im Prozess haben bei vielen Kunden Stirnrunzeln hervorgerufen."

Dort hatte Oracle die Aktivitäten von TomorrowNow als Teil einer groß angelegten Strategie zur Kundenabwerbung gebrandmarkt. Zudem blies Ellison zur öffentlichen Hetzjagd auf Ex-SAP-Chef Léo Apotheker, der sich erfolgreich um einen Zeugenauftritt vor Gericht drückte. Als SAP-Vorstand solle er nach Überzeugung Ellisons von den Machenschaften der TomorrowNow-Leute gewusst haben. Angeblich setzte Oracle sogar Detektive auf Apotheker an. "Der Fall ist von Oracle sehr stark aufgebauscht worden", ärgert man sich in Walldorf.

Vorteil Oracle bei weiteren Übernahmen

Das alles führte letztlich zum Erfolg - zumindest vordergründig. SAP-Papiere gaben nach der Urteilsverkündung am Mittwoch gegen den Trend nach, Oracle legten zu. "Wir gehen davon aus, dass SAP seine Risikovorsorge deutlich erhöhen muss", sagt Analyst Theo Kitz von der Bank Merck Finck. Der Ruf von SAP könne Schaden genommen haben, was möglicherweise die Umsätze im vierten Quartal belaste, urteilten Michael Briest und Chris Grundberg von der UBS.

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Im Überblick: Larry Ellisons Jagd auf SAP

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Zudem sind die Rivalen aus Kalifornien nun gestärkt, wenn sie ihr Geschäft neu ausrichten und weiter expandieren wollen. "Oracle hat nun mehr Geld in der Kriegskasse, das ist sicher für weitere Übernahmen von Vorteil", sagt Branchenanalyst Rüdiger Spies vom Beratungsunternehmen IDC. Kurzzeitig flackerten am Mittwoch sogar Gerüchte auf, SAP könne selbst zum Übernahmekandidaten werden, weil das Urteil die Kassenlage nachhaltig geschwächt habe. Der Aktienkurs erholte sich kurzfristig.

Trotz dieser Effekte hat der juristische Sieg für Oracle einen bittersüßen Beigeschmack. Verdeutlichte das rüde Auftreten doch eine Kompromisslosigkeit, die in der Branche nicht besonders gut ankommt. Im harten Wettbewerb steht Oracle aber längst nicht nur mit SAP, sondern auch mit HP und IBM .

Schlammschlacht könnte nach hinten losgehen

Die Manager dieser Konzerne verfolgen zurzeit gespannt, wie Oracle seine Neuerwerbung Sun Microsystems integriert. Vor allem die im Übernahmeobjekt enthaltene Beute Java - eine der bedeutendsten Programmiersprachen - muss Oracle gewinnbringend vermarkten. Bisher fand Java auf Basis des Open-Source-Prinzips Verbreitung und war somit öffentlich zugänglich.

Aus Oracles Gebaren gegenüber SAP lesen manche in der Branche nun eine harte Linie heraus, das eigene geistige Eigentum zu schützen. Anwender befürchten, dass Oracle Java um jeden Preis zu Geld machen will und fürchten drastische Lizenzgebühren - zumal es noch keinen ernstzunehmenden Ersatz für Java gibt.

"Oracle will auf Gedeih und Verderb sein geistiges Eigentum schützen, nachdem es jahrelang nur sehr verhalten Patente anzumelden hat", sagt Analyst Spies mit Blick auf die Signalwirkung, die von dem Prozess ausgeht. "Die Glaubwürdigkeit des Unternehmens in der Open-Source-Community hat gelitten." Manche Anwender arbeiten nach Einschätzung von Experten bereits fieberhaft an Alternativen.

Imageschaden für SAP macht sich nicht in Euro und Cent bemerkbar

Die Gegenrechnung, dass SAP durch die Schlammschlacht einen herben Imageverlust erlitten hat, der sich im Verlust von Marktanteilen niederschlägt, geht möglicherweise nicht auf. "Die SAP-Kunden sehen die Angelegenheit recht entspannt. Ihre Bindung zum Unternehmen ist von dem Urteil nicht betroffen", sagt Experte Ortwein. SAP selbst erwartet keine Auswirkungen auf das operative Geschäft.

Die Vorstandschefs Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe müssen sich nun gut überlegen, ob sie tatsächlich gegen das Urteil vorgehen, wie bereits angekündigt. Einerseits verärgert der Verlust von 1,3 Milliarden Dollar die Aktionäre, sie werden von SAP verlangen, alle Möglichkeiten gegen Oracle auszuschöpfen. Nach Ansicht von Experten ist es durchaus denkbar, dass die Schadensersatzsumme reduziert werden kann.

Andererseits sind die Walldorfer die Attacken aus Kalifornien langsam Leid und würden gern einen Schlussstrich ziehen. "Wir haben einen Weg eingeschlagen, den wir nie hätten betreten dürfen", hat sich SAP-Gründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner bereits geärgert. "Larry hat das Potential gesehen und liebt es aufzubauschen." Bleibt für Plattner immerhin die Hoffnung, dass sein Intimfeind irgendwann einfach überdreht.

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