Kabelnetz Systematisch klein gehalten

Der zersplitterte deutsche Kabelmarkt könnte sich in kürzester Zeit konsolidieren. Zum Beispiel steht Kabel Baden-Württemberg zum Verkauf. Von größeren Betreibern hätte sogar die Kundschaft etwas - doch so schnell wird daraus nichts. Das Bundeskartellamt bremst viele Zukäufe aus.
Netzebene 3 oder 4? Der Kablemarkt in Deutschland ist im Umbruch

Netzebene 3 oder 4? Der Kablemarkt in Deutschland ist im Umbruch

Foto: Kabel BW

Hamburg - Kabel Baden-Württemberg (Kabel BW) ist ein heißer Kandidat: Alle wissen, dass der Kabelbetreiber bald verkauft wird. Auch wenn keiner etwas sagt. Das Unternehmen äußert sich auf Anfrage "nur zum operativen Geschäft", aber nicht zu Nachrichten über einen Besitzerwechsel. Und der derzeitige Eigner, der schwedische Finanzinvestor EQT, kommentiert die Gerüchte ebenfalls nicht.

Doch Branchenbeobachter sind sich einig: Ein Verkauf ist nur eine Frage der Zeit, EQT sondiert den Markt. Zu verführerisch sind die Perspektiven. Es gibt genug Interessenten - zum Beispiel hat Marktführer Kabel Deutschland (KDG)  in Unterföhring lautstark Interesse bekundet. In Frage käme aber auch ein anderer Finanzinvestor. "Dieser Markt ist ordentlich unter Druck", sagt Heike Pauls, Branchenanalystin bei der Commerzbank.

Dabei wäre "KDG der natürliche Aufkäufer für Kabel BW", so Pauls. In dreizehn Bundesländern bietet KDG Kabelanschlüsse an - Baden-Württemberg gehört aber neben Hessen und Nordrhein-Westfalen nicht dazu. Doch so einfach ist die Sache nicht. Aufmerksam beäugt das Kartellamt diesen druckvollen Markt und könnte gerade einen solchen Zusammenschluss verhindern.

Die Wettbewerbshüter in Bonn haben schon so manchen Deal verhindert. So versuchte KDG im Jahr 2007, die Mehrheit bei Primacom  zu übernehmen. Primacom war davon wenig begeistert und rief das Kartellamt zu Hilfe. Schließlich gaben die Unterföhringer nach und boten bereits erworbene Anteile einem anderen Großaktionär an. Zu einem formellen Kartellverfahren kam es dabei gar nicht.

Zauberformel Triple Play?

Woher die Vorbehalte? Aus Sicht des Kartellamts ist Kabel Deutschland als Einspeiser von TV-Signalen ins Kabelnetz tätig. Der Markt wurde in regionale Teilgesellschaften aufgespalten, als die Deutsche Telekom  ab dem Jahr 2000 ihr Netz verkaufen musste. Die Aufsplitterung war so gewollt, dem Telekom-Verkauf ein Kartellverfahren der EU vorausgegangen. Daher wollen die Kartellwächter nun auch nicht den Ex-Monopolisten Telekom durch einen möglichen Neu-Monopolisten KDG ersetzen.

"Es gibt aber eine Möglichkeit, wie sich die Perspektive der Kartellbehörden möglicherweise ändern könnte", sagt Jeff Montgomery. Er ist Mitgründer des Private-Equity-Fonds GMT mit Sitz in London, der in Deutschland bei dem lokalen Netzbetreiber Pepcom investiert ist. Das Zauberwort heißt Triple Play, wenn Kabelanbieter also Haushalte über ein Kabel mit drei verschiedenen Datenströmen versorgen: Fernsehen, Telefon und Internet. "Wenn Triple Play erstmal einen größeren Anteil des Geschäfts der Kabelanbieter ausmacht, dann treten sie in Konkurrenz zur Deutschen Telekom". Und das wiederum sollte den Kartellbehörden gefallen, denn dann gibt es mehr Wettbewerb bei Telefon und Internetanschlüssen.

Tatsächlich, daran arbeitet KDG. Dabei dürfte allerdings nicht diese strategische Volte im Vordergrund stehen. Seit Jahren bemühen sich Kabelanbieter darum, die so genannte letzte Meile zu kaufen. Während ihnen das Kabel meist bis in die Straße der Abnehmer gehört, sind die Hausanlagen oft im Besitz anderer Gesellschaften, die als Zwischenhändler das TV-Signal an die Zuschauer verkaufen. Im Fachjargon spricht man von der Netzebene 4. Es liegt auf der Hand, dass die Einspeiser gerne so viele Zwischenhändler wie möglich ausschalten und die Kontrolle über den ganzen Signalweg bekommen wollen.

Solche Deals haben gute Chancen bei den Wächtern in Bonn. " Wir haben die Integration der reinen Netzebene 4 in die Netze der großen Kabelnetzbetreiber immer positiv gesehen und durchgängig freigegeben", sagt ein Kartellamtssprecher dem manager magazin. So segneten die Bonner etwa im Jahr 2008 ein Geschäft ab, bei dem KDG von Tele Columbus und EWT insgesamt sieben solcher Netzebene-4-Gesellschaften in Norddeutschland kaufte.

"Langfristiger Schaden für die Verbraucher"

Solche Geschäfte haben auch Vorteile für die Nutzer. Erst wenn einem Betreiber wie KDG die letzte Meile gehört, kann er diese rückkanalfähig machen. Einfach gesagt: Die Kabel werden so aufgerüstet, dass der Kunde nicht nur Signale empfangen, sondern auch senden kann - die Grundvoraussetzung für die Ergänzung von Telefon und Internet.

"Diese Investitionen sowie die weitere technische Aufrüstung der Netze für das höhere Datenaufkommen der nächsten Jahre können kleine Regionalanbieter aber immer schlechter stemmen", glaubt Commerzbank-Analystin Heike Pauls. Große Gesellschaften profitierten hier von Skaleneffekten: Je größer die Zahl der Anschlüsse pro Anbieter, desto geringer die Kosten pro Anschluss. "Langfristig richtet das Kartellamt mit dieser Politik Schaden an", sagt Pauls.

Das sehen die Kartellwächter freilich anders. Es sei nicht erkennbar, dass die Größe eines Netzes die Investitionen wesentlich erleichtere: "Im Gegenteil haben die kleineren regional tätigen Netze gegenüber den großen Regionalgesellschaften durchgängig sehr viel früher ihre Netze ausgebaut und Internet angeboten." Entscheidend für die Verbreitung von Triple Play sei, dass eine bestimmte kritische Masse bei den Anschlüssen erreicht werde. Deswegen wäge man stets ab: Dient ein Zusammenschluss dazu, diese kritische Masse zu erreichen, gebe das Kartellamt grünes Licht. Gehe es einzig darum, Marktmacht auszudehnen, müssten die Bonner eventuell eingreifen.

Das macht Kartellentscheidungen für die Unternehmen schwer vorhersehbar. Im Ernstfall kann eine Übernahme klappen, wenn bestimmte Teilnetze dabei an Konkurrenten abgegeben werden - nach technischen und regionalen Gesichtspunkten. Deshalb, so ein Insider einer Kabelgesellschaft, hielten sich die meisten Unternehmen mit frühen Aussagen zu Kaufabsichten zurück. Konkurrent KDG habe inzwischen seine Kommunikationspolitik geändert: "Die wollen erstmal Ruhe einkehren lassen."

Seine derzeitige Strategie formuliert KDG-Chef Adrian von Hammerstein gegenüber manager magazin so: "Wir sind nicht auf Zukäufe angewiesen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir haben sehr viel organisches Wachstumspotenzial." Das ist plausibel, beim Börsengang im Frühjahr wurden sämtliche Ziele unter der Annahme formuliert, dass gar keine Zukäufe erfolgen. "So gut wie kein Aktienanalyst kalkuliert bei KDG mit Wachstum durch Zukäufen", bestätigt Pauls.

Wer wird dann aber Kabel BW kaufen? Vielleicht kommt ja ein Finanzinvestor zum Zuge, ein kartellrechtlich unbeschriebenes Blatt. Dann würde das Beispiel Schule machen, das Providence gegeben hat. Die Beteiligungsgesellschaft hielt die Mehrheit an KDG vor dem Börsengang. Der Erlös von 1,2 Milliarden Euro war zwar bescheiden, aber das Aktienpaket, das Providence kurz nach der Haltefrist auf den Markt warf, hat daraus ein lohnendes Geschäft gemacht.

Derzeit wird die insolvente Primacom, Kabelgesellschaft mit Anschlüssen vor allem im Osten der Republik, bei einer Luxemburger Finanzholding geparkt. Primacom hält GMT-Investor Jeff Montgomery für ein lohnendes Kaufobjekt - aber lässt dabei offen, ob es auch für seinen Fonds in Frage käme. Über Kabel BW spricht er nicht.