Nachhaltigkeit So grün und erfolgreich ist deutsche Technologie

Die deutschen Maschinenbauer stellen sich in Sachen Umweltschutz nicht zu Unrecht gern als Vorreiter dar. Doch wie soll die künftige Industrieförderung ausgestaltet und wie können technologische Kompetenzen ausgebaut werden? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht - China und Indien legen bei der grünen Technologie rasant zu.
Von Martin Kupp und Olaf Plötner
Die Informatikstudentin der TU Chemnitz: Spezialbrille zum räumlichen Sehen in einem würfelähnlichen Raum

Die Informatikstudentin der TU Chemnitz: Spezialbrille zum räumlichen Sehen in einem würfelähnlichen Raum

Foto: Wolfgang Thieme/ dpa/dpaweb

Die diesjährige Hannover-Messe stand unter dem Motto "Effizienter - Innovativer - Nachhaltiger". Das passt zum Selbstbild der deutschen Maschinenbauindustrie, die sich in Sachen Umweltschutz gern als Vorreiterin sieht und darstellt. Der Anspruch besteht nicht ganz zu Unrecht, denn im Jahr 2007 kam fast jede dritte Solarzelle weltweit aus Deutschland; bei Windrädern war es beinah jedes zweite.

Auch die Beschäftigtenzahlen im Bereich erneuerbare Energien und Umwelttechnik steigen kontinuierlich; im Jahr 2008 waren es fast 1,5 Millionen, bei jährlichen Wachstumsraten von knapp über 15 Prozent zwischen 2004 und 2008. Der Markt wächst: Bereits heute ist der Weltmarkt für Umwelttechnologien größer als der Markt für pharmazeutische Produkte und soll bis 2020 zu einem der größten Industriesektoren wachsen, mit einem erwarteten Jahresumsatz von 1600 Milliarden Euro.

Im November 2009 sorgte eine Studie von Roland Berger in Zusammenarbeit mit dem Worldwide Fund for Nature (WWF) für Aufsehen. Es war die erste große Ländervergleichsstudie, die sich dem Thema "Grüne Technologie" gewidmet hatte. Insgesamt wurden 44 Länder untersucht. Dies waren die 27 Mitgliederstaaten der EU, die vier BRIC-Länder sowie 13 weitere große Herstellernationen, das heißt USA, Schweiz, Taiwan, Australien, Kanada, Norwegen, Japan, Süd-Korea, Türkei, Israel, Mexiko, Malaysien, Neuseeland.

Dabei wurde der Gesamtumsatz mit grünen Technologien ins Verhältnis zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt gesetzt. Das daraus resultierende Ranking wurde von Dänemark angeführt, mit Brasilien auf dem zweiten und Deutschland auf dem dritten Platz. Dänemark profitierte dabei vor allem von den starken Weltmarktpositionen seiner Unternehmen im Bereich Windenergie. So hat der Turbinenhersteller Vestas  einen Weltmarktanteil von 20 Prozent, doch auch Komponentenhersteller wie LM Wind Power sind international führend. Im Falle von Brasilien liegt die sehr gute Platzierung vornehmlich an den gigantischen Bioethanolproduktionskapazitäten.

Deutschland ist im Gegensatz zu diesen beiden Ländern sehr breit aufgestellt, wobei der Schwerpunkt im Maschinen- und Anlagenbau liegt: Unternehmen wie Siemens  und Enercon sind insbesondere in Windtechnologien stark, Q-Cells  bei Solarzellen, und die Knauf Gips KG ist Europas größter Dämmmaterialhersteller. Siemens allein hat nach Aussage seines Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher im Jahr 2008 bereits 19 Milliarden Euro Umsatz mit seinem Umweltportfolio erwirtschaftet und plant diesen Umsatz bis 2011 auf 25 Milliarden Euro zu erhöhen.

Strategische Herausforderungen

Als wesentliche Erfolgsfaktoren der führenden Nationen wurden frühe und konsistente Industrieförderung, hohe Investitionen in spezifische Sektoren mit bereits guter technologischer Basis sowie ein starker Heimatmarkt für grüne Technologien definiert.

Und genau hier beginnen auch die Fragen nach der Zukunft für die zurzeit starke deutsche Industrie: Wie soll die Industrieförderung ausgestaltet und wie können technologische Kompetenzen ausgebaut werden? Sowohl Politiker als auch Industrie- und Verbraucherlobbyisten beschäftigt die Frage, ob in Deutschland eher der Kauf grüner Produkte (zum Beispiel Dämmmaterialien, Elektroautos oder Kraftwerkstechnologie) subventioniert oder aber die Forschung über diese Technologien unterstützt werden soll. Die Antwort ist nicht einfach, denn zum einen soll in Deutschland mittels Forschungsförderung eine gute technologische Basis geschaffen werden, zum anderen aber auch der Heimatmarkt mithilfe von Kaufsubventionen angekurbelt werden.

Das zweite große Thema ist das überproportionale Wachstum in Ländern wie China und Indien, aber auch Brasilien und den rohstoffreichen Staaten im nahen Osten. In der Rankingliste der Roland Berger/WWF-Studie finden sich neben Brasilien (Platz 2) und Deutschland (Platz 3), China auf dem sechsten und Indien auf dem dreizehnten Platz. Allerdings hat die chinesische Regierung Energieeffizienz bereits in ihrem elften Fünfjahresplan (2006-2010) zum Staatsziel erhoben. So soll bis Ende 2010 die Energie, die für eine Einheit des Bruttoinlandsprodukts aufgewendet werden muss, um 20 Prozent reduziert werden. China und Indien bauen ihre Stromnetze massiv aus und verwenden hierfür bislang noch deutsche Technologie zur Hochspannungsgleichstromübertragung, um elektrische Energie möglichst verlustarm über weite Strecken transportieren zu können.

Aber nicht immer folgen diese Länder unseren Entwicklungspfaden, sondern versuchen auch sogenanntes Technologie-Leapfrogging, also das Überspringen einzelner Entwicklungsstufen. So produziert das indische Unternehmen Vihaan Networks Limited solargetriebene Mobilfunknetze, um ländliche Kunden profitabel erreichen zu können, ohne zunächst in feste Strominfrastrukturen investieren zu müssen. In Bezug auf das rasante Wachstum in Entwicklungsländern gibt es also gleich eine Reihe strategischer Herausforderungen für deutsche Unternehmen: Wie sichere ich den zurzeit noch bestehenden Technologievorsprung? Und wie kann ich gleichzeitig ein speziell für Schwellenländer entwickeltes Produkt- und Serviceportfolio aufbauen, das in der Regel gute Technologie mit sehr günstigen Preisen verbindet? Gerade die Entwicklung von Hightech-Produkten für Low-frills- oder frugale Märkte stellt deutsche Unternehmen vor große strategische und organisatorische Herausforderungen.

Auch wenn die nachhaltigen Technologien im Vordergrund der Hannover-Messe und ihrer neun Leitmessen standen, wird es zahlreiche Gespräche und Expertenrunden geben, die sich gerade jetzt auf die künftigen strategischen Herausforderungen konzentrieren. Und diese liegen vor allem im Bereich der konkreten Ausgestaltung der Industrieförderung und in der Fähigkeit deutscher Unternehmen, die Herausforderungen Chinas, Indiens, ebenso wie der anderen schnell wachsenden Länder und Regionen anzugehen.

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