Frog Design "Wir sind Seelenklempner für Unternehmen"

Frog Design verlässt seinen alten Teich. Das Unternehmen, das mit Entwürfen für Apple und Sony Designgeschichte schrieb, verlegt sein Deutschland-Büro nach München. Wie sich die Kultagentur seit dem Ausscheiden des Gründers Hartmut Esslinger verändert hat, erklärt Vorstandschefin Doreen Lorenzo im Gespräch mit manager magazin.

mm: Frau Lorenzo, wollen Sie sich mit dem Umzug vom schwäbischen Herrenberg nach München endgültig von Designpapst Hartmut Esslinger und seinen Ideen verabschieden?

Lorenzo: Überhaupt nicht. Hartmut bleibt die Seele von Frog Design. Aber mit dem Verkauf seiner letzten 20 Prozent Unternehmensanteile an den Investor KKR  hat er sich 2006 endgültig aus der Firma zurückgezogen. Da mussten wir uns eben völlig neu erfinden.

mm: Wie lässt sich denn so ein kreativer Kopf wie Esslinger ersetzen?

Lorenzo: Hartmut ist ein Künstler. So jemand ist gar nicht zu ersetzen. Deshalb habe ich nach seinem Weggang nicht nach einem neuen Chefdesigner für Frog gesucht. Stattdessen habe ich ein ganzes Team an schöpferischen Talenten eingekauft und dabei bewusst die besten Leute aus unterschiedlichen Bereichen angeheuert. Ich wollte die Rockstars der Branche haben.

mm: Mit Verlaub - den großen Wurf aus dem Hause Frog haben wir aber seither nicht mehr gesehen.

Lorenzo: Ikonen wie die Snow-White-Serie für Apple oder das Fernsehgerät Wega für Sony  können wir in der Tat nicht vorweisen. Das liegt aber auch daran, dass wir nicht mehr nur physische Produkte entwerfen, sondern integrierte Lösungen, die aus Gerät, Software und Geschäftsmodell bestehen. Schließlich können wir auf die 8000 Programmierer der Softwareschmiede Aricent zurückgreifen, zu der wir mittlerweile gehören.

mm: "Integrierte Lösungen" klingt verdächtig nach dem typischen Marketking-Geschwurbel von IT-Firmen. Ist Frog überhaupt noch eine Designagentur?

"Die Schwerkraft besiegt"

Lorenzo: Wir sind viel mehr als nur Designer, die sich eine schicke äußere Hülle für ein ansonsten fertig entwickeltes Produkt ausdenken. Wir sind so etwas wie die Seelenklempner der Unternehmen. Wir tauchen bis in die Tiefen des Geschäftsmodells ein und bringen von dort einmalige Ideen an die Oberfläche.

mm: Das war jetzt arg abstrakt. Wir brauchen ein Beispiel, bitte.

Lorenzo: Die US-Mobilfunkfirma Sprint  beauftragte uns damit, die Benutzeroberfläche für ihren Dienst neu zu gestalten. Wir haben uns aber den gesamten Service angesehen und erkannt: Nicht in der Anzeige auf dem Handydisplay lag das Problem, sondern im Zugang zu den Diensten. Es dauerte einfach zu lange, bis die Benutzer einfacher Geräte auf ihre Lieblingsanwendungen im Web zugreifen konnten. Wir entwickelten dann das System "One Click", das mit einem Knopfdruck zu den individuell begehrtesten Seiten führte. Heute ist "One Click" der am meisten verkaufte Dienst von Sprint.

In den vergangenen Jahren haben wir sehr viele solcher Lösungen entwickelt. So haben wir zum Beispiel SAP  geholfen ihr riesiges R/3-System ins Internet zu bringen. Wir arbeiten aber auch für Hewlett-Packard , Microsoft , Disney, AT&T, Vodafone  oder Nokia  - mit großem Erfolg.

mm: Auch im vergangenen Jahr, in dem die meisten ihrer Auftraggeber enorme Umsatzeinbußen hinnehmen mussten?

Lorenzo: In den ersten drei Quartalen 2009, also mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der großen Depression, haben wir unseren Umsatz substanziell erhöhen können. Der Gewinn stieg sogar um 20 Prozent. "Ihr habt die Schwerkraft besiegt", lobte uns KKR für diese Leistung. Kreativität ist eben alles was zählt in einer Krise.

mm: Haben Sie denn schon Ideen für den nächsten Wachstumsschub?

Frog springt auf den App-Zug auf

Lorenzo: Wir werden in Zukunft nicht nur neue Produkte und Lösungen für unsere Kunden entwickeln, sondern unsere Ideen auch selbst den Endverbrauchern anbieten. Wir haben zum Beispiel schon etliche Apps für das iPhone entwickelt - etwa TVChatter mit Twitterstreams zu bestimmten Fernsehserien. Oder den Postcard Express mit dem man virtuelle Grüße aus aller Welt verschicken kann. Wir arbeiten auch an Lernspielen zum Abonnieren oder an Lebenshilfeprodukten, die etwa beim Abnehmen oder bei der Raucher- und Trinkerentwöhnung Unterstützung bieten. Das ist eine ganz neue Art, unsere Kreativität zu vermarkten und sie zahlt sich bereits jetzt für uns aus.

mm: So richtig üppig lässt sich mit Apps aber noch nicht verdienen.

Lorenzo: Wir weiten auch unseren Abnehmerkreis aus. Im Moment sind die Anbieter von Unterhaltungselektronik und Telekommunikation unsere natürlichen Kunden. Wir akquirieren aber schon Geschäft bei den Energieanbietern, die ja auch mehr und mehr mit den Verbrauchern in Kontakt treten müssen, und in der Gesundheitsindustrie.

mm: Werden Sie denn auch neue Mitarbeiter einstellen?

Lorenzo: Wir wachsen auch beim Personal ständig weiter. Als Hartmut 2006 ging, waren wir rund 200 Leute. Heute sind wir 500 Mitarbeiter, die in acht Studios in aller Welt arbeiten. Wir sind in Seattle, San Francisco, Austin, New York City und in Shanghai vertreten. In Europa haben wir Büros in Amsterdam, Mailand und ab April auch in München-Schwabing.

Frog-Bilderstrecke: Die Gestaltung von Apple, Sony & Co.

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