Zukunftsstudie "Das Web 2020 verändert die Welt"

Nach dem Web 2.0 folgt nun die nächste Stufe: Der Internetnutzer der Zukunft ist mit virtuellen Freunden unterwegs, setzt Einzelhändler unter Druck und besucht Arztpraxen im Web. Wie sich unser digitales Leben in den nächsten zehn Jahren verändern wird, erklärt Roman Friedrich, Telekommunikationsexperte der Unternehmensberatung Booz & Co., im Gespräch mit manager magazin.

mm: Herr Friedrich, der Wettbewerb mit Konzernen wie Google  oder Apple  macht im Moment insbesondere Telekommunikationsunternehmen zu schaffen. Was muss die Branche in Sachen Internet besser machen, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Friedrich: Es gibt eine Reihe von Themen, die sich bei den klassischen Telekommunikationsunternehmen ändern müssen. Ein entscheidender Punkt: Die Zeitdauer zur Einführung neuer Dienste und Produkte, die so genannte Time-to-Market, ist in der Internetwelt deutlich kürzer. Um hier Schritt zu halten, bedarf es ganz neuer Innovationsmodelle. Das heißt beispielsweise, dass externe Produktentwickler und nicht zuletzt die Kunden selbst an diesem Prozess beteiligt werden. Damit die Branche solche Erfolgsfaktoren aus der Internet- und der Telekommunikationswelt vereinen kann, muss sie sich organisatorisch anders aufstellen.

mm: Sie beschreiben die Gesellschaft der Zukunft in einer aktuellen Studie als "Generation C". Was verstehen Sie darunter?

Friedrich: Das "C" steht für connect, communicate und change. Das Lebensgefühl und Weltverständnis dieser Generation wird sich durch Telekommunikation, moderne Endgeräte und damit verbundene soziale Trends völlig verändern. Das ist wohlgemerkt keine Science-Fiction, sondern basiert auf der Fortschreibung bereits heute existierender technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.

mm: Die Branche spricht von der "Augmented Reality" - einer Ausweitung der Realität aufs Internet. Kann eine virtuelle Welt realistisch sein?

Friedrich: Ja. In Zukunft werden beispielsweise Navigationssysteme wesentlich intelligenter sein. Sie zeigen nicht nur stupide den Weg zur eingegebenen Adresse, sondern liefern auch aktuelle Informationen über freie Hotelplätze in der Nähe, über geeignete Abendveranstaltungen oder lokal verfügbare soziale Kontakte. Das alles ist im Prinzip heute schon technisch möglich. Doch in Zukunft werden derartige Informationen dank hoher Bandbreiten und Prozessorgeschwindigkeiten noch viel schneller und automatischer abrufbar sein. Damit wird die Realität des Internets quasi in die menschliche Wahrnehmung integriert.

mm: Schon heute wird unser Kommunikations- und Konsumverhalten in hohem Maß vom Internet bestimmt. Wie sieht die nächste Stufe aus?

Friedrich: Soziale Netzwerke wie beispielsweise Facebook werden künftig noch wesentlich aktiver genutzt und gepflegt werden. Ein Vertreter der Generation C wird seinen virtuellen Freundeskreis über das mobile Internet überall hin mitnehmen, und die Kontaktfrequenz wird erheblich zunehmen.

Ein Kunde in einer Weinhandlung beispielsweise wird vor dem Kauf einer besonderen Sorte erst einmal den Barcode des Produkts mit seinem Kommunikationsgerät einscannen, an sein Netzwerk schicken - und die entsprechenden Beurteilungen seiner Kontakte ansehen. Zugleich kann der User über das mobile Web rasch in Erfahrung bringen, ob sein Lieblingsprodukt womöglich zwei Straßen weiter billiger erhältlich ist.

Schnelle Moden fordert Einzelhandel heraus

mm: Das dürfte den Wettbewerbsdruck für die Einzelhändler erheblich erhöhen.

Friedrich: Ja, definitiv. Sowohl Preis- als auch Qualitätsdruck werden erheblich zunehmen, weil sich die Handelsketten einem viel breiteren Wettbewerb ausgesetzt sehen werden. Davon können die Kunden erheblich profitieren, aber auch die Einzelhändler: Informationen über neue Produkte werden sich viel schneller verbreiten. Das wird auch dazu führen, dass das Phänomen spontaner Produkthypes sich noch erheblich verstärkt. Der unglaubliche Erfolg der "Smoothie"-Fruchtsäfte in den vergangenen Monaten hing beispielsweise stark mit der Kommunikation über soziale Netzwerke zusammen. Die Smoothie-Fanseite bei Facebook hat inzwischen rund 700.000 Mitglieder. Virtuelle Netzwerke verkürzen die Lebenszyklen der Produkte, ermöglichen aber auch viel schnellere Erfolge.

mm: Welche weiteren Wirtschafts- und Lebensbereiche werden durch die Digitalisierung verändert?

Friedrich: Zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen der Zukunft gehört beispielsweise E-Health. Früher musste der Patient physisch in die Praxis gehen und sich dort untersuchen lassen. Bereits in wenigen Jahren wird er sich von zu Hause aus von Sensoren abchecken lassen - und die Daten digital an ein Gesundheitszentrum übertragen können. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient wird sich dadurch fundamental verändern.

mm: Patientendaten sind äußerst sensibel. Welches Verhältnis hat die Generation C zum Datenschutz?

Friedrich: Wir gehen davon aus, dass die Angst vor Datenmissbrauch eher abnehmen wird. Neben Facebook-Nutzern, die ein unkompliziertes Verhältnis zum Umgang mit Daten haben, wickeln auch große Konzerne komplexe und datenintensive Transaktionen immer öfter über das Internet ab. Die Datenflut im Internet ist enorm, dennoch hält sich die öffentliche Diskussion darüber in Grenzen. Dies dürfte auch so bleiben. Es sei denn, es kommt zu einem dramatischen Fall von Datenschutzverletzung, der globale Aufmerksamkeit erregt und die öffentliche Wahrnehmung verändert. Doch so lange der Mehrwert der Internetdienste größer ist als ihre Gefahren, besteht kein Problem.

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