Web-Pionier Tim O'Reilly "Offenheit ist eine Waffe"

Er gilt als der Erfinder des Web 2.0 - Tim O'Reilly. Im Interview mit manager magazin sagt der Internet-Vordenker, wer im Netz gegen wen kämpft, und warum Apple es jüngst ablehnte, eines seiner Bücher in den App-Store aufzunehmen.

mm: Mr. O'Reilly, vor kurzem haben sie in ihrem Blog einen Beitrag veröffentlicht unter der Überschrift "Der Krieg um das Internet". Wer kämpft gegen wen in diesem Krieg ums Netz?

O'Reilly: Als wir im Jahr 2004 anfingen, vom web 2.0 zu sprechen, da bewegte sich die Online-Welt in Richtung Open Source, hin zu einer Ära in der Software zu einem Commodity wird. Es ging auf einmal darum, oberhalb der offenen Softwarestandards eine neue Ebene der Wertschöpfung zu kreieren: Netzwerke, die umso wertvoller werden, je mehr Menschen sie nutzen, wie zum Beispiel den Google-Such-Algorythmus, der mit jeder Suchanfrage dazulernt.

mm:Und was hat das mit einem Krieg zu tun?

O'Reilly: Im Moment versuchen die großen Internetunternehmen, eine Reihe von strategischen Positionen zu besetzen, die für diese neuen Form der Wertschöpfung entscheidend sein dürften: Microsoft investiert Milliarden in die Online-Suche, nur um Google das Feld nicht allein zu lassen. Microsoft , Google , Apple  und Nokia  kämpfen um die Vorherrschaft bei den mobilen Betriebssystemen, weil die wiederum als Schlüssel zu den so genannten ortsgebundenen Services gelten: Dienste, die die Identität des Nutzers mit seinem Aufenthaltsort verknüpfen. Wer keine funktionierende Mobile-Strategie hat, wird in der IT zu einem zweitklassigen Spieler absteigen.

mm: Sie haben immer wieder die Sorge geäußert, dass bei diesen Auseinandersetzungen die Offenheit des Netzes auf der Strecke bleiben könnte. Was treibt Sie zu der Befürchtung?

O'Reilly: In den vergangenen Jahren hat sich im Internet ein System verbreitet, das ich gerne als "einzelne Stücke, lose verbunden" bezeichne. Eine Kultur, in der sich einzelne webbasierte Dienste leicht miteinander kombinieren lassen. Ich kann zum Beispiel Daten von Google Maps nutzen und sie mit eigenen Daten zu Hauspreisen kombinieren und so eine innovative Immobilien-Website kreieren, ohne irgendjemand bei Google um Erlaubnis fragen zu müssen. Das Gegenmodell wäre eine Online-Welt, in der ich nur vom einen Dienst einer Firma zum nächsten weitergereicht werde - in der es zu einem Lock in des Kunden kommt: Alles von Apple, alles von Google oder Microsoft.

mm: Stimmt der Eindruck, dass bislang Google der Hauptmotor dieser Offenheit war?

O'Reilly: Ja und nein. Jedes Unternehmen unterstützt offene Standards, wo es ihm nützt, und bekämpft sie dort, wo sie ihm schaden. Deshalb wäre meine Prognose, dass Microsoft sich in Zukunft stärker in Richtung Offenheit bewegen wird als Google. Microsoft geht in wichtigen Onlinebereichen als Außenseiter in den Markt, und in dieser Position ist Offenheit eine Waffe.

Microsoft als weißer Ritter

mm: Bei den Suchmaschinen haben viele Anbieter von Medienseiten die Hoffnung, dass es zu einem Duopol aus Google und Microsofts Bing kommen könnte. Dann könnten Medienunternehmen endlich Geld dafür verlangen, dass ihre Angebote bei einer der beiden Sites exklusiv gelistet werden. Wie realistisch ist diese Hoffnung?

O'Reilly: Dazu müsste Bing seinen Marktanteil noch deutlich steigern ...

mm: … ,der in den USA derzeit etwa 20 Prozent beträgt.

O'Reilly: Ich vermute, dass es erst bei 40 Prozent Marktanteil so etwas wie einen Tipping Point gibt. Erst dann lohnt es sich, Inhalte exklusiv an Bing zu verkaufen, weil die Erlöse die Reichweitenverluste ausgleichen, die dadurch entstehen, dass man über Google nicht mehr auffindbar ist.

mm: Wer sind dann die Favoriten für die Vorherrschaft im Internet?

O'Reilly: Im Konsumentenbereich sind das Apple und Google. Apple hat mit dem iPhone eine sehr starke Position im Bereich Smartphones und einige sehr spannende Online-Services. Google wiederum verfolgt mit Android, seinem Open-Source-Betriebssystem für Smartphones, ebenfalls eine sehr viel versprechende Strategie und ist absolut dominierend im nicht-mobilen Internet. Microsoft könnte in dieser Situation die Rolle des weißen Ritters zukommen, der sich zur Offenheit bekennt und auf seiner Plattform viele Dienste anderer Anbieter zusammenführt - um so gegen Google bestehen zu können. So gesehen geht es sowohl um die Vorherrschaft im Internet der Zukunft, als auch um den Kampf darum, ob die Offenheit des Internets erhalten bleibt.

mm: Wobei niemand so sehr für ein geschlossenes System streitet wie Apple, oder?

O'Reilly: In der Tat. Apple besitzt ja das seltsame Image der liebenswert- unkonventionellen Außenseiterfirma. Dabei hat es Steve Jobs sehr gut geschafft, Kunden mit propreitären Standards in der eigenen Welt aus Hard- und Software einzuschließen und anschließend für den Zugang zu diesen Kunden Geld zu verlangen.

mm: Welche Auswirkungen könnte das in Zukunft haben?

O'Reilly: Ebay  hat zum Beispiel eine kostenlose Applikation in den App-Store eingestellt, mit der sich Online-Auktionen vom iPhone aus abwickeln lassen. Das iPhone ist mittlerweile ein sehr wichtiger Vertriebskanal für Ebay. Meine Prognose: Innerhalb eines Jahres wird Apple von Ebay einen Anteil an den Auktionserlösen verlangen, die über das iPhone abgewickelt werden.

"All you can Eat" vs. à la carte

mm: Google setzt sich selbst sehr idealistische Ziele, man will der Welt den Zugang zu Informationen zu erleichtern. Wie passt das zur Rolle als Marktführer, der darüber befinden kann, welche Informationen die Welt wirklich erhält - denn was es bei Google nicht unter die ersten zehn Suchtreffer schafft, findet ja faktisch unter Ausschluss der Online-Öffentlichkeit statt?

O'Reilly: Meinem Eindruck ringt Google derzeit mit dem eigenen Selbstverständnis. Da gibt es die Gründer, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Idealismus. Aber gleichzeitig birgt gerade der hehre moralische Anspruch die Gefahr, dass der Zweck die Mittel heiligt, weil man den Wettbewerbern ja moralisch überlegen ist. Und dann kann man natürlich leicht der Versuchung erliegen, um des kurzfristigen Vorteils willen andere Anbieter aus dem eigenen System auszusperren. In jedem Fall hat die Öffentlichkeit den Verdacht, dass es so laufen könnte. Google muss sensibler dafür werden, wie es von der Außenwelt wahrgenommen wird. Sonst könnte der Konzern so enden wie einst Microsoft - als ungeliebter Monopolist.

mm: Sie führen selbst einen Computer-Buchverlag mit 240 Mitarbeitern. Vor einiger zeit haben Sie eine Flatrate für Endkunden eingeführt: Für 42,99 Dollar können ihre Kunden beliebig viele elektronische Bücher aus ihrem Sortiment lesen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit diesem Angebot?

O'Reilly: Sehr gut! Die Flatrate-Kunden lesen nicht wesentlich mehr als jene, die elektronische Bücher nach anderen Abrechnungsmodellen beziehen. Das ist ein bisschen wie beim kalten Buffet: "All you can Eat" heißt nicht, dass die Leute wirklich mehr essen als à la carte.

mm: Wie groß ist der Umsatzanteil, den sie insgesamt mit elektronischen Büchern machen?

O'Reilly: Etwa 25 Prozent unseres gesamten Buchabsatzes sind elektronisch. Bei den elektronischen Büchern werden wiederum etwa drei Viertel über unseren eigenen Web-Store Safaribooksonline.com verkauft. Der Rest entfällt auf Kanäle wie Amazons Kindle oder Apps für das iPhone.

mm: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Verkauf von Büchern als iPhone-Apps gemacht?

O'Reilly: Wir generieren über diesen Kanal vor allem zusätzliche Verkäufe, das ist gut. Aber dass wir uns aufs iPhone nicht allzusehr verlassen sollten, merkte ich, als Apple es neulich ablehnte, eines unserer Bücher in den App-Store aufzunehmen.

mm: Was für ein Buch war das?

O'Reilly: Ein Handbuch für Android, das iPhone-Konkurrenzsystem von Google