EU-Beschwerde Kleine Browser fühlen sich benachteiligt

Windows-Nutzer werden im Laufe des März vor die Wahl gestellt, welchen Browser sie künftig nutzen wollen. Eine Riesenchance für Entwickler alternativer Browser-Software - von denen einige jetzt trotzdem Beschwerde in Brüssel einlegten: Sie fühlen sich benachteiligt.

Hamburg - Sechs Hersteller von Browser-Software haben Ende vergangener Woche in Brüssel Beschwerde gegen die Umsetzung der so genannten Browser Choice eingelegt, die Microsoft  aufgrund einer Auflage der EU-Kommission im Laufe des März anbieten muss. Die Entwickler von Avant, Flock, Maxthon, Slim Browser, Sleipnir und dem Green Browser argumentieren, nur in zweiter Reihe präsentiert und gegenüber den etablierten, bekannteren Programmen Internet Explorer, Firefox, Opera, Safari und Chrome benachteiligt zu werden (alle zur Wahl gestellten Browser finden Sie in der Fotostrecke).

Die Auflage, die die EU-Kommission Microsoft zur Beendigung von seit Jahren andauernden Streitigkeiten machte, sollte für mehr Chancengleichheit sorgen, die alte Marktdominanz von Microsoft aus der Welt schaffen: Spätestens ab 17. März sollen alle Windows-Nutzer in Europa vor die Wahl gestellt werden, welchen Browser sie in Zukunft nutzen wollen. Denn vorinstalliert ist bei Windows-Betriebsystemen stets der Internet Explorer - nach Meinung der EU-Kommission ein unfaires Marktverhalten, weil es die Konkurrenz nicht zum Zuge kommen lässt.

Das soll nun anders werden: Bereits seit dem 1. März testet Microsoft die Wahl-Software, die dem Unternehmen von Brüssel verordnet wurde. Sie wird im Rahmen eines Software-Updates automatisch übertragen und öffnet sich beim Systemstart: Vorab gibt es eine kurze Textinformation, dann folgt ein Auswahlfenster , in dem in veränderlicher Reihenfolge zwölf Browser präsentiert werden, aus denen der Nutzer nun seine Auswahl treffen soll.

Worüber sich die Entwickler der weniger bekannten Browser erregen können, ist folgendes: Auf den ersten Blick sichtbar sind immer die fünf bekannten Browser-Marken. Die anderen sieben sieht man erst, wenn man in dem Auswahlfenster seitlich scrollt. Das aber ist im Internet höchst ungewöhnlich: Scrollen - das Ziehen einer Seite in eine Richtung, um Bildbereiche zu sehen, die im Monitorausschnitt zunächst nicht sichtbar sind - kennen die meisten in erster Linie von oben nach unten. Viele Nutzer, argumentieren die Browser-Entwickler, würden darum ihre Produkte gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Eine Benachteiligung, die durch die Browser Choice ja gerade beendet werden sollte. Tatsächlich teilt sich beim bisherigen Design auf den ersten Blick nicht mit, dass es neben den fünf zuerst präsentierten Browsern noch weitere gibt.

Die Entwickler verlangen noch nicht einmal, dass jeder Hersteller im Zufallsverfahren die Chance bekommt, seine Software auch einmal auf einem der vorderen Plätze zu zeigen: Ihnen würde es schon genügen, wenn das Design des Auswahlfensters so verändert würde, dass auch weniger Web-affine Nutzer sofort erkennen, dass in dem Fenster neben den fünf Dickschiffen auch noch andere Alternativen präsentiert werden - und wie man dort hingelangt.

Die Bescheidenheit ist einerseits Pragmatismus, andererseits durchaus angebracht: Einige der Kleinbrowser sind nur getunte Versionen von Internet Explorer oder Firefox und setzen deren Installation voraus, wenn man sie nutzen will (siehe Bildergalerie oben mit Infos zu allen Browsern). Produkte wie Sleipnir, oder den Social-Network-Firefox-Klon Flock zu installieren, hat wohl für die meisten Nutzer experimentellen Charakter. Eine echte Bewegung bei den Marktanteilen ist wohl nur in der Gruppe der großen Fünf zu erwarten - wenn überhaupt.

Opera wollte die in der letzten Woche schon gemessen haben. "Verdreifacht" habe sich das Downloadvolumen aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Polen und Spanien, seit die Testphase der Aktion angelaufen sei, hieß es aus Oslo. Parallel dazu veröffentlichte die auch wegen ihrer geschickten PR bekannte Firma Opera allerdings auch die neue, von der Kritik gefeierte Version 10.5 ihres Browsers. Ein erhöhtes Downloadvolumen war da zu erwarten.

Am Markt was wächst zumindest Bewusstsein

Was Opera dagegen nicht erwartete, war am Wochenende das Bekanntwerden einer kleinen Sicherheitslücke, mit der man den Browser abstürzen lassen kann. Kinderkram im Vergleich zu dem, was Explorer oder Firefox da fast jeden Monat zu melden haben, aber trotzdem peinlich.

Wie marginal die Effekte der Browser Choice zumindest in der laufenden Testphase ansonsten sind, machte der Firefox-Entwickler Mozilla zum Ende der ersten Woche klar: Gut 50.000 Downloads konnte Firefox demnach direkt aus dem Browser-Choice-Fenster heraus dokumentieren. Klingt viel, ist es aber nicht: Es gibt Tage, da verbucht Firefox eine halbe Million Downloads. Auf der anderen Seite ist Browser Choice auch erst in der Testphase, nur einzelne Nutzer wurden bisher mit der Auswahl beschickt.

Das mögen bereits Hunderttausende gewesen sein, insgesamt aber werden es zwischen 100 und 170 Millionen werden: Die Schätzungen divergieren, weil nicht klar ist, wie viele Firmennetzwerke die Browser Choice blockieren werden. Das Gros der Nutzer bekommt die Auswahl jedenfalls erst ab 17. März zu sehen.

Dass es durch die Ankündigung allein schon gelang, das Thema einmal mehr in die öffentliche Diskussion zu bringen, lässt die Aktion vielen jetzt schon als Erfolg erscheinen. So drängt das European Committee for Interoperable Systems (ECIS)  schon darauf, die Browser Choice nicht nur in Europa, sondern weltweit verbindlich zu machen. Hinter dem offiziös klingenden Namen des Komitees, das unter anderem in Brüssel als Lobbygruppe auftritt, verbirgt sich eine Interessengemeinschaft, der unter anderem Adobe , Corel, IBM , Nokia , Opera, Oracle , RealNetworks, Red Hat und Sun Microsystems angehören - allesamt Konkurrenten von Microsoft .

Gelegenheit, Altlasten abzuwerfen

Und selbst Microsoft dürfte ein Interesse daran haben, dass sich in den Gewichtungen der Browser-Marktanteile etwas verändert. Zurzeit hat die Programmversion 6 des Internet Explorer noch fast so viele Nutzer (19,6 Prozent) wie die aktuelle Version 8 (22,5 Prozent Weltmarktanteil laut Net Applications).

Das Problem daran: MSIE6 ist acht Jahre alt, aufgeblasen und langsam, bietet keine zeitgemäßen Features und gilt als eines der größten Sicherheitsprobleme in der Windows-Welt. Kurzum: Die Software trägt seit Jahren dazu bei, den Ruf der Microsoft-Browser zu ruinieren. Auch MSIE8 gilt nicht gerade als innovativster Browser auf dem Markt, zumindest aber als schneller, solider und zeitgemäßer als die bisherigen Produkte.

So wird die Aktion Browser Choice nicht zuletzt zur Gelegenheit, den Kunden auch das eigene Produkt noch einmal anzubieten, denn Auflagen folgend wird der MSIE seit der Version 6 nicht mehr ungefragt und automatisch mit einer neueren Programmversion ersetzt: Der Nutzer muss sich zum Update entscheiden. Das aber tun viel zu viele PC-Nutzer nicht, die sich über Sicherheitsrisiken veralteter Software nicht im Klaren sind - geschweige denn darüber, dass sie etwas verpassen, wenn sie keine zeitgemäße Software nutzen.

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