Mister-X-Kolumne Raubzüge unter Freunden

Ob sie nun Facebook oder Twitter heißen, Xing oder Linkedin, die Mitglieder von Netzwerken werden in letzter Zeit immer öfter Opfer von Kriminellen, die sie als falsche Freunde in eine Falle locken.
Von Martin W. Brock

Die Email klang verlockend, eine Facebook-Freundin lud fürs nächste Wochenende zu einer Party ein. Sie war aus der gleichen Stadt, könnte also interessant sein, dachte sich der Empfänger.

Über einen Link konnte er mehr erfahren. Misstrauen kam keines auf, was sollte auch schief gehen, die Freundin war ja bekannt. Doch sie war nicht die wahre Absenderin der Email, sondern Internet-Kriminelle. Diese hatten sich die Daten der Freundin in dem Netzwerk beschafft und dann deren Freundeskreis kontaktiert. Wer neugierig geworden war und die Einladung öffnete, bemerkte nicht, dass sich im Hintergrund eine Software verbarg, die unter anderem Bankdaten ausspioniert.

Alle Netzwerke sind gefährdet

Ob sie nun Facebook oder Twitter heißen, Xing oder Linkedin, die Mitglieder von Netzwerken werden in letzter Zeit immer öfter Opfer von Kriminellen, die sie als falsche Freunde in eine Falle locken. Ist die Software installiert, dann geht es schnell, ein international organisiertes Netz der Täter wird nun aktiv:

In Deutschland sitzende Mittelsmänner werden genutzt, um ihnen Geld der geknackten Konten zu überweisen. Eine kleine Provision darf der sogenannten Finanzagent behalten, den Rest muss er den Tätern überlassen, meist durch Einzahlung bei einem Geldtransferdienst.

Täter sind international organisiert

Beliebter, weil auch international einsetzbar, sind Kreditkartendaten: Vor wenigen Tagen ging das Finale der ATP Tennis-WM in London über die Bühne, und einige unter den 17.000 Besuchern hatten ihre Sitzplätze nichtsahnend von Internet-Kriminellen gekauft. Die Tickets waren mit ausgespähten Kreditkartendaten erworben und noch am selben Tag über eine Ticketbörse an Tennisfans weiterveräußert worden. Alles, was sich schnell wieder zu Geld machen lässt, wird so beschafft und meist über Online-Auktionshäuser unter die Leute gebracht.

Doch auch ohne reale Waren lässt sich Geld machen: Ob Modeboutiquen in Sizilien, Wettanbieter aus der Karibik oder kleine Hotels in Thailand: Die Agenten der Internet-Kriminellen finden immer willige Helfer, die sie zu Abbuchungen von Kreditkarten nutzen können.

Strafverfolger demotiviert

Und die Polizei? Trotz aller gegenteiligen offizielle Aussagen - von einer funktionierenden internationalen Zusammenarbeit kann keine Rede sein. Wer weiß, dass z.B. eine Anfrage von Deutschland nach Süditalien, wenn überhaupt, nicht unter sechs Monaten beantwortet wird, der kann sich ausmalen, wie erfolgreich solche Ermittlungen sind.

Geschäftsgeheimnisse werden ausgespäht

Aber nicht nur an das Geld der Opfer wollen die Täter, gerade bei Business-Netzwerken wird immer öfter versucht, auch geschäftliche Informationen auszuspähen. Wer sind die Mitarbeiter der Forschungsabteilung eines Unternehmens, das ein neues Produkt entwickelt? Wertvolle Informationen für Abwerbeversuche lassen sich so gewinnen, aber auch Kundenlisten und Preiskalkulationen sind immer häufiger im Visier der Internet-Kriminellen.

So wunderte sich vor kurzem ein bayerisches Spezialunternehmen der Baubranche, dass sein Angebot an einen Kunden nur wenige Tage später von einem Wettbewerber knapp unterboten wurde. Der Auftrag war nicht ausgeschrieben worden, so dass unklar war, woher der Wettbewerber die Informationen hatte. Bis ein Mitarbeiter die Seiten wechselte und vertraulich berichtete, wie sein Chef an die Daten gelangt war. Dieser hatte einen zwielichtigen Unternehmensberater beauftragt, der sich mit Hilfe von Kriminellen in das Business-Netzwerk eingeschlichen hatte, in dem der Bauunternehmer Mitglied war. Der Auftrag war weg, und der Bauunternehmer begann, sich Gedanken zu machen, welche Informationen sein Wettbewerber auf diesem Weg noch bekommen hatte. Es sollten beunruhigende Gedanken werden, auch über falsche Freunde.

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