Steuerung durch Gesten Gestikulieren vor Geräten

Tom Cruise macht es im Film "Minority Report" vor, Privatanwender können es zu Hause jetzt nachmachen: Die berührungslose Steuerung von technischen Geräten per Hand- oder Fingerzeig kommt bei immer mehr Produkten in Mode.

Wessling/Bielefeld/Sankt Augustin - Ein Winken vor dem Bilderrahmen, und das Strandfoto wird von einer Alpenkulisse abgelöst. Ein Zeigefinger, der sich dem Bilderrahmen nähert, und schon öffnet sich die Menüauswahl. Diesen gestengesteuerten digitalen Bilderrahmen will das deutsche Familienunternehmen Jobo noch vor Weihnachten auf den Markt bringen. Auf der Internationalen Funkausstellung im September wurde das Produkt bereits vorgestellt. Steuerung durch Gesten - das ist eine Technologie, die künftig bei elektronischen Geräten häufiger zum Zuge kommen könnte.

Die bayerische Ident Technology mit Sitz in Wessling hat die Steuerung für den digitalen Bilderrahmen entwickelt. Zum Vorbild nahm sie sich intuitive Gesten wie das Umblättern der Seiten eines Bildbandes als Zeichen für ein neues Motiv. Jung und Alt sollen die Körpersprache kennen, da bewusst auch ältere Verbraucher als Kunden gelockt werden sollen. Der intelligente Rahmen erkennt langsame ebenso wie kantige oder hastige Bewegungen.

Für Marketingleiter Werner Witte von Ident Technology sind die Gebärden dem guten alten Bedienknopf klar überlegen: "Man muss das Bild nicht abnehmen. Man verschmutzt es nicht mit unansehnlichen Fingerabdrücken und bei der gesamten Aktion kann es auch nicht herunterfallen." Die gestenbasierte Steuerung braucht zudem sehr wenig Energie. Jede Mignonbatterie, die ungenutzt aufbewahrt werde, verliere rascher elektrische Energie, als das Display verbrauche, veranschaulicht Witte.

Vor dem Bilderrahmen wird ein schwaches elektrisches Feld mit einer Reichweite von rund zehn Zentimetern aufgebaut, das sich immer dann verändert, wenn der menschliche Körper in das Feld eintritt und sich darin bewegt. Störfelder, wie sie zum Beispiel durch die Strahlung von Mobiltelefonen entstünden, beeinträchtigten die Technik nicht, versichert Ident Technology.

Der bayerische IT-Spezialist glaubt an eine breite Anwendung der gestischen Zwiesprache zwischen Mensch und Maschine. In den Schubladen liegen schon Pläne für weitere Geräte, die auf Handzeichen parieren. Eine Computermaus ohne Scrollrad beispielsweise: Der Nutzer hebt lediglich einen Finger über der Maus, wenn er in einem PDF-Dokument weiterblättern möchte. Auch futuristische Szenarien, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen kennt, wären laut Witte technisch kein Problem: "Mit einfachen Gesten können auch aufwendige Maschinen gesteuert werden, so wie Tom Cruise das im Film 'Minority Report' macht."

Nicht anfassen

Vieles ist möglich. Doch die Fachwelt ist gespalten, ob sich das Gestikulieren vor Geräten durchsetzt. Einige Prototypen verschwanden bereits wieder von den Ausstellungsflächen der Messen. So erfand das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme in Sankt Augustin einen Monitor, der auf einen Fingerzeig ein neues Bild einblendet. Dieser Pointscreen spricht ebenfalls auf die Veränderung des elektrischen Feldes durch den menschlichen Körper an. Der Bildschirm muss nicht mehr angefasst werden. Verschmierte Monitore mit fettigen Fingerabdrücken in Museen und an Bankautomaten könnten der Vergangenheit angehören.

Doch "einen Produktstatus hat das nie erreicht", teilt Manfred Bogen, Spezialist für virtuelle Welten vom Fraunhofer-Institut mit. "Wir haben mit vielen Partnern aus der Industrie gesprochen, waren auf Messen. Aber es hat sich nie etwas ergeben." Die berührungslose Steuerung konnte mit der Touchscreentechnik nicht mithalten. Letztere sei präziser und für den Anwender konkreter, mutmaßt Bogen über die Gründe und schließt daraus: "Entweder der Markt war noch nicht reif oder die Technologie ist noch nicht geeignet."

An einen Siegeszug der gestenbasierten Kommunikation mit allen möglichen Haushaltsgeräten mag auch Ipke Wachsmuth, Experte für künstliche Intelligenz von der Universität Bielefeld, nicht glauben: "Etwas, das so leicht zu bedienen ist wie ein Knopf, wird aus unserem Alltag nicht verschwinden." Er zieht eine Parallele zu sprechenden Waschmaschinen, die seit Jahren als bahnbrechende Innovation gehandelt werden, aber nie die Haushalte erobert haben.

In der Tat befassen sich Informatiker schon seit einigen Jahren mit der Steuerung von Geräten durch Gesten. 2002 testeten Münchner Forscher, wie sich ein Autoradio berührungslos mit Handzeichen bedienen lässt, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. Noch immer sitzen aber schnöde Knöpfe in der Armatur. Warum sollte ausgerechnet jetzt der Durchbruch kommen?

"Das Thema ist wieder da. Vor allem bei neuen Geräten", wendet Wachsmuth ein. "Objektbezogene Gesten zum Steuern von Bildern - das setzt sich zurzeit ungeheuer gut durch." Auf Smartphones und iPhones vergrößert sich die Ansicht, sobald Daumen und Zeigefinger auf dem Display auseinandergezogen werden. "Das funktioniert gut und ist vollkommen intuitiv", so Wachsmuth. Mit der Spielekonsole Wii fährt man virtuell Fahrrad, indem man zwei Steuermodule in den Händen in der Luft bewegt. Die Armbewegungen bestimmen das Spiel. Gerade bei neuen Geräten bestehe durchaus die Chance, dass sich neue Kommunikationsformen durchsetzen.

Susanne Donner, ddp