Samstag, 18. Januar 2020

Werbeagenturen Kreative auf Selbstfindungskurs

Unter den deutschen Werbern ist Unruhe ausgebrochen. Welche Rolle werden digitale Medien künftig spielen? Kann man mit Werbung überhaupt noch Geld verdienen? Und wird der deutsche Art Directors Club seine Führungskrise überwinden?

Hamburg - Gewissermaßen in anderen Umständen befindet sich seit einiger Zeit der Art Directors Club Deutschland (ADC). Unruhe plagt den Berufsverband, der die edelsten schöpferischen Kräfte des Landes zu seinen Mitgliedern zählt und sich dergestalt für die kreativen Maßstäbe zuständig fühlt: Zweifel und Sorgen haben sich der ehrenwerten Schar bemächtigt, Kopfzerbrechen allenthalben.

Jochen Rädeker (42) wurde gerade zum Vorstandssprecher des Art Directors Club für Deutschland (ADC) gewählt. Der Diplom-Designer und Mitbegründer der Stuttgarter Agentur Strichpunkt will den Club der führenden Kreativen Deutschlands unter anderem für nichtklassische Kommunikationsdisziplinen öffnen. Er folgt auf Amir Kassaei (41), in dessen kurzer Amtszeit es kräftig rumorte im Klub der Kreativen.
Die Theoretiker im ADC plagt das Rätsel, welche Bedeutung der Schöpferkraft in einer Epoche milliardenfachen Mausklick-Kopierens wohl noch zukommen mag, ja welche Rolle die Werbung in digital-medialem Aberwitz und Pustekuchen spielen soll?

Die Praktiker wiederum stellen Experimente an, mit welchen Antworten auf die theoretischen Fragen auch künftig noch Geld zu verdienen sei? Nicht zuletzt rühren die strukturellen und konjunkturellen Wälzungen der Zeit ans Selbstgefühl dieser erhabenen Gilde und ihrer ehedem so Ego-starken Akteure.

Das Internet mit seinen mutmaßlich unzählbaren Möglichkeiten der Verbraucherverführung und -verfolgung hat die alte Kunst des Manipulationshandwerks nicht nur verändert, sondern ihr auch den Zauber geraubt, den sie in der Vorzeit zum Beispiel auf die Nachwuchsstars des Universitätsbetriebs ausgeübt hatte.

Die Werbekunden ihrerseits haben die Reklameheroen von einst, die liebend gerne auf Vorstandsebene praktizieren, in vielen Fällen auf den Status von einfachen (Kreations-)Lieferanten herabgewürdigt. Ihr Prestige gilt als im Rückgang begriffen. Viele Werbeleute laborieren inzwischen an einer leichten Identitätsverschiebung. Auch die von Branchenvertretern in regelmäßigen Abständen neuformulierte Idee, sich als (kreative) Unternehmensberater in Stellung zu bringen, blieb bislang vom Erfolg ungekrönt. Höchste Zeit also, der Werbung wieder Weltgeltung zu verschaffen.

Die Selbstfindungsbemühungen spiegeln sich sowohl in der Vereinsführung des ADC wider als auch in den trübgemuten Diskussionen um seinen jährlichen Wettbewerb, dessen Schau nicht nur für das Orientierungsgefühl der hiesigen Kreativkräfte von Bedeutung ist, sondern nicht minder für den Finanzhaushalt des ADC selbst.

Zuletzt war nicht nur die Anzahl der Einreichungen gesunken und mit ihr die Wettbewerbseinnahmen. Auch an den zu bewertenden Kommunikationsdisziplinen hatte sich Missmut entzündet: Welche Kategorie ist noch zeitgemäß, welche ist es demnächst? Genügten die 46 Preiskategorien der Vergangenheit nicht mehr, müssen es neuerdings wirklich 138 sein, darunter "Produktdesign" und "Webcast"?

Dies sind so die Forschungen, die die Genossenschaft mit munterem Idealismus betreibt, ohne dass sie ihre Mission dabei vernachlässigen will: die Nachwuchspflege und Herbeiführung von Leistungsexplosionen in der Gilde.

Im Sommer beendete ADC-Präsident Amir Kassaei seine kurze, von scharfen Gegensätzlichkeiten geprägte Amtszeit. Mit der Wahl des DDB-Geschäftsführers im vergangenen Jahr war die Sehnsucht der Zunftgenossen nach einem frischen oder überhaupt einem Spiritus Rector verbunden. Denn Kassaei ist ein wilder Mann, Preise hat er in Mengen gewonnen. Doch den Klub zu führen, verstand er nicht. Statt widerstreitende Interessen auszugleichen wie mit dem Spachtel, stachelte er sie nur an, ein Ultimatum beantwortete er mit einem Gegen-Ultimatum, und dann war es zu spät.

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