Evonik-Chef Engel "Ein typisch teutonischer Streit"

Klaus Engel will beim Nörgeln über die noch fehlende Markttauglichkeit des Elektroautos nicht mitmachen. Im Gespräch mit manager-magazin.de beklagt der Evonik-Chef den hiesigen Hang zur "leidenschaftlichen Grundsatzdebatte". Von der nächsten Bundesregierung erwartet das Jurymitglied der "Hall of Fame der deutschen Forschung" des manager magazins eine steuerliche Förderung von Forschungsaktivitäten - und zwar "zeitlich unbegrenzt, flexibel und vor allem unbürokratisch".
Von Arne Stuhr

mm.de: Herr Engel, während einige Studien und profunde Stimmen vor dem Hype um das Elektroauto warnen, scheinen viele Hersteller auf der diesjährigen IAA in Frankfurt im wahrsten Sinne des Wortes von der neuen Technik schon elektrisiert zu sein. Wofür steht denn nun das E aus Ihrer Sicht, für Ernüchterung oder berechtigte Euphorie?

Engel: Ich finde diesen Streit mal wieder typisch teutonisch. Bis vor Kurzem wurde auf die Autoindustrie eingeprügelt, man hätte alles verschlafen, und die ganze Welt würde uns überholen. Jetzt, wo Chemie, Systemintegratoren und Automobilindustrie in einem Kraftakt doch einiges auf die Beine gestellt haben - was auf der IAA ja auch nachweislich präsentiert wird - führen wir schon wieder eine leidenschaftliche Grundsatzdebatte, ob das Ganze überhaupt wirtschaftlich oder gar eine Schnapsidee sei. Ich bin davon überzeugt: Die Elektromobilität wird kommen. Die Frage ist aus meiner Sicht nur, wollen wir da mitmachen oder aus Angst vor der eigenen Courage wieder zögern. Auch wenn die Wahrheit per heute wie so oft in der Mitte liegt, zeigen das Engagement von Präsident Obama in den USA und die Pläne der Chinesen doch, dass es bei der Elektromobilität nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie geht.

mm.de: Die Stichworte Obama und China sind aber doch Belege dafür, dass diese Technik nicht ohne Staatshilfe zur Marktreife geführt werden kann, oder?

Engel: Es ist schon so, dass man vor dem Hintergrund des weltweiten Wettbewerbs, und wenn uns die Klimaschutzziele etwas wert sind, die ganze Sache ähnlich wie bei der Solarenergie volkswirtschaftlich wird unterstützen müssen.

mm.de: Von welcher Größenordnung gehen Sie aus?

Engel: Das Bundesumweltministerium (BMU) hat ja schon ein Programm angestoßen, zwischen 2012 und 2014 den Erstkauf eines Elektrofahrzeugs mit 3000 bis 5000 Euro zu fördern. Ich glaube, diesen Betrag wird man auch brauchen.

Aber vergessen Sie nicht, dass McKinsey zum Beispiel davon ausgeht, dass man 2020 allein mit Batterien für Elektrofahrzeuge 50 Milliarden Euro in Deutschland wird verdienen können. Das BMU rechnet mit einem gigantischen Weltmarkt rund um das Thema von sogar 470 Milliarden Euro und 250.000 neuen Arbeitsplätzen.

mm.de: Wie positioniert sich Evonik, um bei diesem Zukunftsgeschäft dabei zu sein?

Engel: Wir sind ja der erste Hersteller, der in Europa serienfähige Zellen mit keramischer Speichertechnologie für automobile Anwendungen liefern kann. Unsere strategische Partnerschaft mit Daimler ist dabei eine wichtige Chance, alle wesentlichen Kompetenzen im Batteriebereich zu bündeln und die Batterietechnologie gemeinsam in Deutschland entscheidend voranzubringen. Früher war man oft an der Hürde gescheitert, die verschiedenen Leute aus Chemie, Materialwirtschaft und Autoindustrie überhaupt an einen Tisch zu bringen.

"100 Millionen Euro in die Lithium-Ionen-Batterie investiert"

mm.de: Wie viele Lithium-Ionen-Batteriezellen werden denn schon bei Li-Tec, Ihrem Joint Venture mit Daimler in Sachsen, produziert?

Engel: In diesem Jahr werden wir in Kamenz bereits 300.000 Zellen produzieren. Für 2011 peilt die Li-Tec dann die Serienproduktion von mehreren Millionen Zellen an.

mm.de: Sind Sie bei der Suche nach einem dritten Partner für die Li-Tec schon weitergekommen?

Engel: Kurzfristig brauchen wir für die Entwicklung des operativen Geschäfts nicht unbedingt einen dritten Partner, da sind sowohl wir als auch Daimler sehr entspannt. Es ist aber nicht grundlegend ausgeschlossen, dass sich ein dritter Partner, höchstwahrscheinlich ein Systemlieferant, in das Joint Venture einbringt.

mm.de: Evonik ist ja auch im Solarbereich engagiert. Wann erfolgt der Brückenschlag zum Elektroauto?

Engel: Den gibt es heute schon. Denn die wirklich überzeugende Ökobilanz kann das Elektroauto erst vorweisen, wenn der Netzstrom aus der Solarwirtschaft oder anderen regenerativen Energien kommt. Das muss ganz klar das langfristige Ziel beim Konzept Elektromobilität sein. Darüber hinaus sind auch lokale Solarlösungen auf dem heimischen Garagendach oder kleine in das Autodach integrierte Panels denkbar.

mm.de: Bei allen Ideen für technische Lösungen wird öffentlich sehr wenig über die Zukunft der individuellen Mobilität im Allgemeinen geredet. Hat das Auto, das Symbol und Träger des Individualverkehrs, denn überhaupt bis zur Verfügbarkeit der Elektromobilität noch eine Zukunft?

Engel: Diese Frage wird derzeit durchaus heiß diskutiert. Ich teile dabei die Meinung, dass die Elektromobilität sehr schnell ihren Markt im, wie die Amerikaner sagen, Metropolitan-Bereich, also den Innenstädten, entwickeln wird. Hier reicht die Performance der Fahrzeuge schon bald aus, um Mobilität und Klimaschutz zu verbinden. Bei schweren Fahrzeugen und langen Strecken liegt dieses Szenario allerdings noch in weiterer Zukunft. Es wird aber Käufer geben, die bereit sind, einen gewissen Mehrpreis für Elektromobilität zu zahlen. Ob die Schmerzgrenze dabei nicht überschritten werden wird, hängt von der weiteren technischen Entwicklung und einer gewissen Incentivierung in der ersten Phase der Markteinführung ab.

mm.de: Um den Preis über die technische Entwicklung zu drücken, müssen die Unternehmen die Forschung ankurbeln. Auch Ihr Unternehmen hat unter dem Abschwung kräftig gelitten. Wie viel Geld nimmt Evonik derzeit für das Elektroauto in die Hand?

Engel: In das Thema Lithium-Ionen-Batterie haben wir bis jetzt 100 Millionen Euro investiert. Weitere Investitionen im dreistelligen Millionenbereich werden folgen. Hierzu nutzen wir neben Partnerschaften auch Mittel aus dem Konjunkturpaket II.

"10 Prozent Tax Credit für eigenfinanzierte Forschung"

mm.de: Neben viel Geld braucht man für erfolgreiche Forschung ja auch kluge Köpfe. Die in dieser Woche vom manager magazin eröffnete Hall of Fame der deutschen Forschung soll genau diese herausragenden Wissenschaftler ehren. Welche Erwartung haben Sie, der Sie ja in der Jury der Forscher-Hall of Fame sitzen, an die neue Ruhmeshalle?

Engel: Deutschland hat stark gemacht, dass wir seit Jahrhunderten ein Land der Tüftler und Entwickler sind. Wenn wir diese Position in und auch nach der Krise behalten wollen, können wir natürlich nicht nur vom Ruhm der altvorderen Nobelpreisträger zehren, sondern wir brauchen neue bahnbrechende Erfindungen, die die Weltmarktführerschaft der deutschen Wirtschaft sichern und damit am Ende auch wieder neue Arbeitsplätze schaffen. Wir brauchen also Mut zu Neuem, Innovationen als Basis für weiteres Wachstum. Die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft ist dabei eine wichtige Initiative, um den Stellenwert der Spitzenforschung auch nach außen hin zu verdeutlichen.

mm.de: Also geht es darum, die Spitzenforschung nicht als interne Veranstaltung von Firmenlabors und Universitäten, sondern als gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe zu platzieren.

Engel: In der Tat, man muss ja auch sehen, dass wir besonders in Deutschland nicht auf endlosen Öl- und Gasvorräten sitzen und relativ hohe Arbeitskosten haben, die wir ja auch gerne zahlen. Das ist der Preis unseres Wohlstands. Aber womit wollen wir weltweit wettbewerbsfähig bleiben? Das geht meines Erachtens nur über Innovationen. Bei Evonik sind Kürzungen in diesem Bereich daher trotz Krise tabu.

mm.de: Am Wochenende wird ein neuer Bundestag gewählt. Was erwartet die Industrie, was erwartet Evonik-Chef Klaus Engel vor dem Hintergrund der zuvor diskutierten Themen von einer sich wie auch immer nach den Wahlen bildenden Regierung?

Engel: Man muss einfach sehen, dass wir in einem weltweiten Wettbewerb stehen. Und dieser Wettbewerb zwischen den Volkswirtschaften gilt eben auch für Innovationen. Wenn wir vor diesem Hintergrund die Position Deutschlands betrachten, ist im Vergleich zu anderen Staaten die Förderung von Forschung und Entwicklung hierzulande zu niedrig. Wir brauchen angemessene steuerliche Forschungsförderungsmöglichkeiten, und zwar zusätzlich zur laufenden Projektförderung, die gut ist, aber nicht ausreicht. Diese steuerliche Förderung sollte zeitlich unbegrenzt, flexibel, verlässlich und vor allem unbürokratisch gestaltet werden.

mm.de: Welche steuerliche Entlastung stellen Sie sich vor?

Engel: In vielen europäischen Ländern - von Asien und Nordamerika will ich hier gar nicht sprechen - können Unternehmen 10 Prozent der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von der Steuer absetzen beziehungsweise bekommen bei Verlusten eine entsprechende Steuergutschrift. Diese sogenannte Tax Credit für eigenfinanzierte Forschungsanwendungen in Höhe von 10 Prozent halte ich auch für Deutschland für angebracht, und zwar für Unternehmen egal welcher Größe.

mm.de: Das klingt nach sehr viel Geld.

Engel: Das klingt nach Geld, ob es sehr viel Geld ist, müssen wir sehen. Man muss es natürlich immer im Verhältnis zu anderen Dingen sehen. Ich will jetzt kein neues Fass aufmachen, aber wir haben gerade auch sehr viel Geld für eine Abwrackprämie ausgegeben. Wenn Sie dazu in Relation setzen, was wir bis jetzt in Deutschland für Elektromobilität ausgegeben haben, ist das noch mehr als bescheiden.

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