Samstag, 18. Januar 2020

Vernetztes Wohnen Zwischen Anspruch und Träumerei

Wer Heimvernetzung hört, denkt zumeist an den intelligenten Kühlschrank. Er wurde in den 90er Jahren als technologischer Durchbruch gefeiert, floppte aber letztlich. Doch hinter dem vernetzten Wohnen steckt heute viel mehr: So manche Funktionen seien nützlich, wie Microsoft-Deutschland-Chef Achim Berg in einem Gastbeitrag schreibt - viele aber auch völlig sinnlos.

"Heimvernetzung wird zum Milliardenmarkt" - ist diese Prognose der IT-Branche realistisch? Scheinbar sind der Phantasie einer digitalen und internetbasierten Vernetzung noch so unterschiedlicher häuslicher Aktivitäten keine Grenzen gesetzt: Urlaubsfotos auf dem Fernseher anschauen. Einschlafmusik im PC zusammenstellen. Aus dem Auto oder aus dem Schlafzimmer heraus kontrollieren, ob Garagen- und Kellertür auch wirklich verschlossen sind. Kranke Menschen oder Senioren zuhause online betreuen. Beim Verlassen des Hauses von einem Gate Reminder daran erinnert zu werden, ob man nicht doch Portemonnaie, Handy oder Schlüssel vergessen hat.

Technikfreak: Der Autor dieses Beitrags, Microsoft-Deutschland-Chef Achim Berg, wohnt selbst in einem vernetzten Haus
Heimvernetzung, das sogenannte Connected Home, bedeutet mittlerweile also weit mehr als nur eine Wohnung oder ein Haus über breitbandige Datenleitungen an das Internet anzuschließen. Heimvernetzung umfasst zugleich die interne Vernetzung von Kommunikations- und Unterhaltungsgeräten, von traditionellen Haussystemen (zum Beispiel Heizung, Beleuchtung, Vorratshaltung) und neuen telemetrischen Geräten, die der medizinischen Versorgung oder aber dem Wohnkomfort dienen sollen. Rund zwei Dutzend drahtloser (zum Beispiel Bluetooth, W-Lan, Radio Frequency Identification) und drahtgebundener Verbindungen (zum Beispiel Glasfaser, Stromkabel, Bussysteme) sollen in Zukunft an diesem Netzwerk beteiligt sein, durch das dann per Internet-Protokoll unsere Steuerungsbefehle laufen.

Zukunft oder Zukunftsmusik?

Visionen und Anwendungen eines "vernetzten Wohnens" kannte man ja schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Durchsetzen konnte sich damals freilich so gut wie nichts. Vielen ist zum Beispiel noch der "intelligente Kühlschrank" in Erinnerung. Mit dem Supermarkt vernetzt sollte er uns, wenn uns Käse und Jogurt ausgegangen waren, für das morgige Frühstück Nachschub bestellen. Von seinen Erfindern einst als "Killerapplikation" gefeiert, fristet dieser Kühlschrank heute ein trauriges Dasein im Museum der digitalen Fehlkonstruktionen.

Woran waren die Informatiker und Ingenieure, die diese Applikation entwarfen, gescheitert? Dieses Scheitern hat zum einen mit der logistischen Komplexität und mit den hohen Kosten einer solchen Anwendung zu tun. Aber die entscheidende Ursache, die den intelligenten Kühlschrank in einen Flop verwandelte, war die sozialpsychologische Naivität dieser Anwendung: Warum soll etwa ein Single unbedingt morgens zuhause frühstücken? Will er in diesem Fall überhaupt Käse oder Jogurt essen? Und wenn ja, woher soll sein Kühlschrank dann wissen, welcher Käse und welcher Jogurt es sein soll? Und warum sollte unser selbstbewusster Single auf das Vergnügen verzichten, sich spontan aus dem Riesenangebot des Supermarktes etwas auszusuchen?

An diesem Beispiel kann man gut die Differenz zwischen technokratischer Vision und einer soziotechnologischen Innovation erkennen, die psychologisch wie soziologisch gut durchdacht sein muss. Technisch Machbares, das sich nicht mit kulturellen (hier ernährungs- und esskulturellen) Normen und Trends, nicht mit individuellen Selbstbildern (hier die souveräne und spontane Entscheidung) verbinden kann, wird schlicht und einfach abgestoßen. Technisch Machbares, das funktionale Alternativen (etwa Frühstück im Eckcafé) und soziale Differenzierungen (Single- oder Familienhaushalt, zentrale Stadtwohnung oder Suburbia) aus dem Auge verliert, hat nicht die Spur einer Chance.

Droht dieses Schicksal auch dem Konzept des vernetzten Wohnens?

Der Bereich des Wohnens ist ohnehin ein schwieriges Terrain für Ingenieure und Techniker. Im Zuge der industriellen Revolution und Verstädterung trennten sich bekanntlich die Sphären von Arbeiten und Wohnen. Steht die Arbeitswelt seitdem unter dem unmittelbaren Diktat von ökonomischer und technologischer Effizienz, so steht das Wohnen, wie sehr es sich im Laufe der Zeit auch wandelte, in erster Linie für Privatheit und Intimität. Es signalisiert den sozialen Status und individuellen Lebensstil. Es folgt im Gemeinschaftsleben, in Emotionalität und Körperlichkeit eigenen ethischen und moralischen Gesetzen.

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