Vernetztes Wohnen Zwischen Anspruch und Träumerei

Wer Heimvernetzung hört, denkt zumeist an den intelligenten Kühlschrank. Er wurde in den 90er Jahren als technologischer Durchbruch gefeiert, floppte aber letztlich. Doch hinter dem vernetzten Wohnen steckt heute viel mehr: So manche Funktionen seien nützlich, wie Microsoft-Deutschland-Chef Achim Berg in einem Gastbeitrag schreibt - viele aber auch völlig sinnlos.
Von Achim Berg

"Heimvernetzung wird zum Milliardenmarkt" - ist diese Prognose der IT-Branche realistisch? Scheinbar sind der Phantasie einer digitalen und internetbasierten Vernetzung noch so unterschiedlicher häuslicher Aktivitäten keine Grenzen gesetzt: Urlaubsfotos auf dem Fernseher anschauen. Einschlafmusik im PC zusammenstellen. Aus dem Auto oder aus dem Schlafzimmer heraus kontrollieren, ob Garagen- und Kellertür auch wirklich verschlossen sind. Kranke Menschen oder Senioren zuhause online betreuen. Beim Verlassen des Hauses von einem Gate Reminder daran erinnert zu werden, ob man nicht doch Portemonnaie, Handy oder Schlüssel vergessen hat.

Heimvernetzung, das sogenannte Connected Home, bedeutet mittlerweile also weit mehr als nur eine Wohnung oder ein Haus über breitbandige Datenleitungen an das Internet anzuschließen. Heimvernetzung umfasst zugleich die interne Vernetzung von Kommunikations- und Unterhaltungsgeräten, von traditionellen Haussystemen (zum Beispiel Heizung, Beleuchtung, Vorratshaltung) und neuen telemetrischen Geräten, die der medizinischen Versorgung oder aber dem Wohnkomfort dienen sollen. Rund zwei Dutzend drahtloser (zum Beispiel Bluetooth, W-Lan, Radio Frequency Identification) und drahtgebundener Verbindungen (zum Beispiel Glasfaser, Stromkabel, Bussysteme) sollen in Zukunft an diesem Netzwerk beteiligt sein, durch das dann per Internet-Protokoll unsere Steuerungsbefehle laufen.

Zukunft oder Zukunftsmusik?

Visionen und Anwendungen eines "vernetzten Wohnens" kannte man ja schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Durchsetzen konnte sich damals freilich so gut wie nichts. Vielen ist zum Beispiel noch der "intelligente Kühlschrank" in Erinnerung. Mit dem Supermarkt vernetzt sollte er uns, wenn uns Käse und Jogurt ausgegangen waren, für das morgige Frühstück Nachschub bestellen. Von seinen Erfindern einst als "Killerapplikation" gefeiert, fristet dieser Kühlschrank heute ein trauriges Dasein im Museum der digitalen Fehlkonstruktionen.

Woran waren die Informatiker und Ingenieure, die diese Applikation entwarfen, gescheitert? Dieses Scheitern hat zum einen mit der logistischen Komplexität und mit den hohen Kosten einer solchen Anwendung zu tun. Aber die entscheidende Ursache, die den intelligenten Kühlschrank in einen Flop verwandelte, war die sozialpsychologische Naivität dieser Anwendung: Warum soll etwa ein Single unbedingt morgens zuhause frühstücken? Will er in diesem Fall überhaupt Käse oder Jogurt essen? Und wenn ja, woher soll sein Kühlschrank dann wissen, welcher Käse und welcher Jogurt es sein soll? Und warum sollte unser selbstbewusster Single auf das Vergnügen verzichten, sich spontan aus dem Riesenangebot des Supermarktes etwas auszusuchen?

An diesem Beispiel kann man gut die Differenz zwischen technokratischer Vision und einer soziotechnologischen Innovation erkennen, die psychologisch wie soziologisch gut durchdacht sein muss. Technisch Machbares, das sich nicht mit kulturellen (hier ernährungs- und esskulturellen) Normen und Trends, nicht mit individuellen Selbstbildern (hier die souveräne und spontane Entscheidung) verbinden kann, wird schlicht und einfach abgestoßen. Technisch Machbares, das funktionale Alternativen (etwa Frühstück im Eckcafé) und soziale Differenzierungen (Single- oder Familienhaushalt, zentrale Stadtwohnung oder Suburbia) aus dem Auge verliert, hat nicht die Spur einer Chance.

Droht dieses Schicksal auch dem Konzept des vernetzten Wohnens?

Der Bereich des Wohnens ist ohnehin ein schwieriges Terrain für Ingenieure und Techniker. Im Zuge der industriellen Revolution und Verstädterung trennten sich bekanntlich die Sphären von Arbeiten und Wohnen. Steht die Arbeitswelt seitdem unter dem unmittelbaren Diktat von ökonomischer und technologischer Effizienz, so steht das Wohnen, wie sehr es sich im Laufe der Zeit auch wandelte, in erster Linie für Privatheit und Intimität. Es signalisiert den sozialen Status und individuellen Lebensstil. Es folgt im Gemeinschaftsleben, in Emotionalität und Körperlichkeit eigenen ethischen und moralischen Gesetzen.

Mehr Selbstbestimmung für den "neuen Heimarbeiter"

Oder lapidar formuliert: Beim Wohnen handelte sich immer schon um ein besonderes Minenfeld für denjenigen, der diese Sphäre mit technologischen Fortschritten zu beglücken versuchte. Noch so viele Hightech-Geräte im modernen Haushalt können ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hausarbeit bis heute kaum auf Handwerksniveau organisiert ist.

Dass die Heimvernetzung trotz dieser Besonderheiten der Wohnsphäre kein bloßes Wunschdenken der IT-Branche bleiben muss, verdankt sich zwei Trends, die eine Türöffnerfunktion übernehmen.

Was die externe Vernetzung angeht, muss man bedenken, dass die klare Trennung von Arbeitsplatz und privatem Haushalt im 21. Jahrhundert zu einem Auslaufmodell wird. Sicherlich, in vielen Branchen mussten Mitarbeiter auch schon früher telefonisch erreichbar sein, und die Figur des "Telearbeiters", der unterwegs oder aber zuhause arbeitet, ist ebenfalls bereits seit den 80er Jahren bekannt. Aber auf der Basis flexibler Arbeitszeiten und geringerer Präsenzpflichten werden heute immer größere Anteile von Büroarbeit ins private, häusliche Umfeld verlagert.

Nicht das Telefon, sondern PC, Laptop und - je nach Beruf und Tätigkeit erforderliche - Peripheriegeräte werden damit zum Hauptkommunikationsmittel. Raffinierte internetbasierte Kollaborationstechniken sorgen dafür, dass diese neue Verschränkung von Arbeiten und Wohnen nicht nur dem "neuen Heimarbeiter" zu mehr Selbstbestimmung verhilft, sondern auch für die Unternehmen zu deutlich profitableren Ergebnissen führt als die klassische Büroarbeit.

US-Anbieter verdienen mit interner Vernetzung Milliarden

Was die interne Vernetzung der Wohnsphäre betrifft, ist es vor allem die Unterhaltungselektronik, die Türöffner spielt. Da in der digitalisierten Welt die technischen Grundlagen aller Medien für Text, Sprache, Musik, Bild oder Film zusammenwachsen, lassen sich auch die entsprechenden Endgeräte immer einfacher verbinden. Die Vernetzung von Telefon, Computer, Fernseher und Musikanlage durch Router und ähnliches Zubehör ließen sich die Deutschen im vergangenen Jahr bereits 600 Millionen Euro kosten. In den USA wurden im selben Zeitraum dafür bereits acht Milliarden Dollar verdient.

Ein dritter Bereich, herkömmlich als "Haus- oder Gebäudemanagement" bezeichnet, ist heute noch auf eine exklusive Klientel beschränkt: Vernetzung von Licht-, Überwachungs- und Alarmanlagen, von Heizungs- und Klimaanlagen, der Steuerung von Toren, Türen oder Rollläden. Heute kostet ein konventionelles System zum Management eines Einfamilienhauses rund 50.000 Euro, aber es steht außer Frage, dass hinter Schlagwörtern wie Energieeinsparen oder vernetzte Wohnungssicherung ein Massenbedürfnis steckt. Nur mit wesentlich einfacheren Systemen und billigeren Komponenten wird man dieses Bedürfnis in einen gesellschaftsweiten Wachstumsmarkt verwandeln können.

Freilich, mit niedrigen Preisen und Benutzerfreundlichkeit hat man noch lange nicht die entscheidende emotionale Barriere überwunden, die diesem Bereich der Heimvernetzung entgegensteht. Eine Barriere, die sich als Sicherheitsparadoxon formulieren lässt: Warum sollte ich die Sicherung meiner Wohnung (sowie die Steuerung sensibler Heizungs- oder Klimaanlagen) einem System anvertrauen, dessen eigene Sicherheitsprobleme derart komplex und notorisch sind? Bevor die IT-Branche für Sicherheit in allen Haushalten sorgen kann, hat sie noch eine Reihe ureigener Hausaufgaben zu erledigen.

"Komforttechnologien, die uns als Trottel behandeln"

In einem vierten Bereich wird gegenwärtig eine Vielzahl von Endgeräten und Systemen entwickelt, die unser häusliches Leben komfortabler gestalten sollen. Komfort, der manchmal nützlich, häufig aber auch nur Unsinn ist.

Was ist zum Beispiel vom einem elektronischen Modeberater zu halten, der mir - vernetzt mit der Wettervorhersage, meinem Terminplaner sowie auf der Basis eines Katalogs meiner Kleidungsstücke, Schuhe und Accessoires - vorschlägt, was ich jetzt anziehen und mitnehmen soll? Was ist von einem elektronischen Bedroom-Controller zu halten, der mir die Klang-, Duft-, Licht- und Temperaturregelung für mein nächtliches Abenteuer abnehmen soll? Was ist von jenem eingangs erwähnten Gate Reminder zu halten, dessen Sensoren und Radiofrequenzen mich identifizieren und meine Kleidungs- und Gepäckstücke abtasten, damit ich ja nichts vergesse?

Reden wir Klartext: Es handelt sich hier häufig um Komforttechnologien, die uns als Trottel behandeln und immer weiter vertrotteln lassen. Wer die hier angesprochenen intellektuellen und körperlichen Funktionen an vernetzte Systeme abtritt, darf sich nicht wundern, wenn er es eines Tages völlig verlernt hat, seine sieben Sachen beieinander zu halten.

In Medizin und Psychologie bezeichnet man diesen Ablauf als Protheseneffekt: Wer gesund ist und trotzdem an Krücken geht, zerstört irgendwann sein Gleichgewichtsorgan. Jedenfalls dürfte solches Komfortspielzeug die emotionalen Vorbehalte gegen ein vernetztes Wohnen eher verstärken; mit seriösen Konzepten zur Heimvernetzung hat es nur am Rande zu tun.

Krankenpflege per Computer - auch ein Risiko

Ganz anders dagegen sieht es in einem fünften Bereich der Heimvernetzung aus. Im Alter oder in schweren Krankheitsfällen möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu können, liegt sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Interesse. Der demographische Wandel und die finanziellen Grenzen des Gesundheits- und Pflegesystems lassen erwarten, dass auch dieser Bereich der Heimvernetzung expandieren wird: Es geht um die Herausbildung einer technischen Infrastruktur zur Fernbetreuung und Versorgung durch Ärzte oder Kliniken, Angehörige oder Pflegepersonal. Miniaturisierte Sensoren erfassen Pulsschlag, Blutdruck, Temperatur oder Schweißabgabe; die jeweiligen Betreuer werden unmittelbar online informiert, können ihren Patienten sofort online beraten oder veranlassen sie, den Betroffenen unverzüglich aufsuchen.

Nehmen wir einmal an, die Standardisierungs- und Sicherungsprobleme des telemedizinischen Datenaustausches lassen sich zufriedenstellend lösen, so betritt die IT-Branche auf diesem Feld doch sofort den größten Lobbyismus- und Bürokratismus-Sumpf, den westliche Demokratien anzubieten haben. Mag die Branche noch so sehr beteuern, dass eine telemedizinische Heimvernetzung immer nur eine Assistenzfunktion wahrnehmen kann, wird sie sehr schnell erleben, wie gesundheitspolitische Sparzwänge und Sonderinteressen diese Assistenzfunktion aufblasen und pervertieren werden. Jedenfalls ist die Gefahr, dass auch das vernetzte Wohnen eines Tages mit dem Angstschweiß vor einer "inhumanen Apparatemedizin" zu tun haben wird, nicht von der Hand zu weisen.

Mit solchen Ängsten und Emotionen, Widersprüchen und Barrieren hat es die IT-Branche zu tun, wenn das Konzept des vernetzten Wohnens die Gesellschaft überzeugen soll. Sicherlich, die Zeit, in der man dieses Konzept mit Verweis auf den wenig "intelligenten Kühlschrank" ad acta legen konnte, ist vorbei. Aber diese Episode sollte uns lehren, dass man über den Tellerrand rein technologischer Fragestellungen hinaus blicken und diese als interdisziplinäre, soziotechnologische Herausforderungen annehmen muss, bevor aus Milliardenprognosen Realität werden kann.