Insolvenz Qimondas stilles Siechtum

Keine Unterschriftenlisten, keine Demonstrationen für Staatshilfe - der einst stolze Speicherchiphersteller Qimonda wird in aller Stille liquidiert. Dabei dürfte es bald ans Eingemachte gehen: Das Herz von "Silicon Saxony".

München - Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick stieg im Überlebenskampf des Handelskonzerns mit einem Megafon auf eine Leiter, um Stimmung für rettende Staatshilfen zu machen. Medienwirksam und laut wehrte sich der Manager gegen einen Zusammenbruch der Karstadt-Mutter.

Solch spektakuläre Rettungsbemühungen sucht man beim siechen Münchner Speicherchip-Hersteller Qimonda  vergebens. Von einem turbulenten Überlebenskampf kann keine Rede mehr sein. In aller Ruhe wird die Infineon-Tochter in diesen Tagen von Insolvenzverwalter Michael Jaffé zerlegt.

Zuerst versilberte er Beteiligungen an Gemeinschaftsfirmen, jetzt steht der Verkauf von Unternehmensteilen bevor. Die Verhandlungen über die Abgabe der Grafikchipentwicklung an einen Investor sind weit gediehen. Das Segment mit 100 Jobs, einst der Stolz von Qimonda, entwickelt spezielle Halbleiter für die Spielekonsolen von Sony , Nintendo  sowie Microsoft .

Auch Büros und Reinräume stehen auf der Verkaufsliste von Jaffé, der durch seinen Einsatz nach der Kirch-Pleite bekannt wurde. Die Qimonda-Kerngesellschaften in München und Dresden hat der Insolvenzverwalter dagegen noch nicht angerührt. Sollte wegen der anhaltend schwierigen Lage auf den Weltmärkten ein Retter ausbleiben, was als wahrscheinlich gilt, ist Jaffé aber zum Handeln gezwungen. Dann muss er den Kern des einst weltweit viertgrößten Herstellers von Speicherchips aufbrechen, um die Forderungen im dreistelligen Millionenbereich wenigstens teilweise decken zu können.

Qimonda leidet seit langem unter dem Preisverfall von Speicherchips. Zuletzt überstieg der Fehlbetrag sogar den Umsatz.

Wenn die einst hoffnungsvoll stimmenden Patente bündelweise versilbert werden und die Produktionsmaschinen unter den Hammer kommen, ist der Punkt ohne Wiederkehr erreicht. Während die Anlagen wegen der Überkapazität im Markt wohl nur schleppend Abnehmer finden werden, dürften die Schutzrechte mehr Interessenten anlocken. Denn Qimonda hatte vor dem Zusammenbruch ein anerkanntermaßen vielversprechendes Chipdesign entwickelt, das eine billigere Produktion erlaubt.

Mit dem Wissen um diese Innovation lehnte Infineon Unternehmenskreisen zufolge Avancen des US-Chipkonzerns Micron  ab, als es Qimonda bereits finanziell an den Kragen ging. Die Amerikaner wären bereit gewesen, rund zwei Milliarden Dollar auf den Tisch zu legen, heißt es - für ein Unternehmen, dessen Börsenwert von ursprünglich 4,6 Milliarden Dollar auf 160 Millionen zusammenschmolz.

Rettendes Angebot ausgeschlagen

Der Aufsichtsrat schlug das Ansinnen aus Angst vor einem massiven Stellenabbau in Ostdeutschland aus. Chef-Kontrolleur Max-Dietrich Kley sah anders als der damalige Vorstandschef Wolfgang Ziebart in Micron den falschen Bräutigam für die Tochter - und setzte sich durch.

Wenig später war Qimonda ein Fall für Vater Staat. Finanzhilfen scheiterten allerdings am immer höheren Geldbedarf. Verhandlungskreisen zufolge lehnte die sächsische Regierung das Ansinnen einer zusätzlichen Bürgschaft ab, obwohl die Münchner HypoVereinsbank  bereit gewesen sei, im Falle einer staatlichen Garantie 350 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Die späteren Versuche des Dresdner Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU), neben Interessenten aus China auch Investoren aus Russland zu einer Rettung zu bewegen, erwiesen sich als Rohrkrepierer.

Jetzt fallen in "Silicon Saxony" in und um Dresden immer mehr Arbeitsplätze weg. Es ist die einzige europäische Zentralregion für Halbleiterfirmen wie Qimonda, Infineon und AMD  - und wurde mit Milliardensubventionen hochgezüchtet. Doch Analysten geben einer Produktion von Speicherchips, die vor allem in Computern und in der Unterhaltungselektronik eingesetzt werden, in Europa keine Chance mehr. Asien dominiert das Geschäft. Und so stirbt mit Qimonda der letzte europäische Spezialist für Speicherchips - still und leise.

Jens Hack, Reuters

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