Outsourcing "Der Kostendruck ist enorm"

Immer mehr Kunden wollen schnell kleine Bereiche abgeben, sagt Matthias Hartmann, Geschäftsführer von IBM Deutschland. Der hiesige Leiter der Unternehmensberatung IBM Global Business Services sprach mit manager-magazin.de über die Wirtschaftskrise und wie sie den Markt für IT-Dienstleister verändert.

mm.de: Herr Hartmann, die Wirtschaftskrise hält uns in Atem. Oracle  hat Sun Microsystems  übernommen. Wann kommt IBM  zum Zuge?

Hartmann: Wir haben in den vergangenen fünf Jahren etwa 70 Übernahmen getätigt. Wir verfolgen dabei eine klare Strategie, was die Wertschöpfung einer solchen Übernahme zu leisten hat. Und das werden wir auch weiterhin machen. Ich kann nur auf unseren CEO Sam Palmisano verweisen, er hat Übernahmen nicht ausgeschlossen. Weiter möchte ich nicht darauf eingehen.

mm.de: Rollt eine große Übernahmewelle auf uns zu, wenn man den deutschen Markt betrachtet?

Hartmann: Wir rechnen damit, dass sich der IT-Servicemarkt in Deutschland weiter konsolidiert. Der Kostendruck in den Unternehmen ist enorm, deshalb werden Sourcing-Strategien offener diskutiert. Jeder fragt sich, wie man globale Leistungsketten für sich nutzen kann. In Deutschland haben wir zudem einen hoch fragmentierten lokalen Markt. Kleinere Anbieter haben immer versucht, mit einem etwas niedrigeren Preis gegen die Großen zu punkten. Fehlt ihnen jetzt der globale Skalierungsgrad, erhöht sich der Druck auf die Margen deutlich. Ich denke, dass das die Konsolidierung verstärken wird.

mm.de: Es ist immer davon die Rede, dass indische IT-Unternehmen in den deutschen Markt einsteigen wollen.

Hartmann: Stimmt. Aber neu ist das Thema nicht. Tatsächlich ist das Streben der indischen Dienstleister in den deutschen Markt sehr stark in der deutschen Presse kommuniziert worden. Bisher liegt der Marktanteil jedoch bei nur 2 bis 3 Prozent. Von einer großen Ausbreitung kann man da eigentlich nicht reden.

mm.de: Könnte die Krise indischen Unternehmen nun helfen, hier Fuß zu fassen?

Hartmann: Ich glaube, dass der Ansatz der indischen Unternehmen, mit einer sehr schmalen Mannschaft in Deutschland zu arbeiten und das Hauptgeschäft nach Indien zu verlagern, einfach nicht aufgeht. Die Kunden verlangen Deutschsprachigkeit, eine starke lokale Präsenz, lokales Prozess- und Branchen-Know-how. Zudem können viele indische Anbieter keine hochgradig integrierte Leistungskette darstellen. Wir glauben nicht, dass die derzeitige Krise das indische Geschäftsmodell per se befördert.

mm.de: Ist also mit dem Gegenteil zu rechnen, dass sich indische Unternehmen wieder aus dem deutschen Markt zurückziehen?

Hartmann: Die indischen Unternehmen stehen alle unter Profitabilitätsdruck, wenn Sie sich die Bilanzen ansehen. Die Margen sinken, und es ist davon auszugehen, dass dieser Margendruck weiter anhalten wird. Wenn man hier in Deutschland Fuß fassen will, muss kräftig investiert werden, weil das die Kunden fordern. Das erhöht natürlich wiederum den Druck auf die Margen. Es ist eine unternehmerische Entscheidung, ob man diesen Weg gehen will.

mm.de: Der indische IT-Dienstleister Satyam sorgte Anfang des Jahres für einen handfesten Skandal. Ist das Image indischer Dienstleister langfristig geschädigt?

Hartmann: Ich möchte mich nicht über den Wettbewerber äußern. Aber grundsätzlich gilt, dass es sehr, sehr wichtig ist, in einem solch globalisierten Markt mit ganz klaren Regeln zu agieren. Das Outsourcing-Geschäft braucht Vertrauen, denn wir reden hier über langjährige Kundenbeziehungen, über eine enge Verknüpfung von Geschäftsprozessen zwischen Kunden und Serviceprovidern. Und da ist es ganz besonders wichtig, absolut peinlich auf die Compliance zu achten.

Outtasking, nicht Outsourcing

mm.de: Wie entwickelt sich das Outsourcing-Geschäft in der Krise?

Hartmann: Die Marktzahlen für Deutschland zeigen generell, dass der Bereich Applications-Outtasking und -Outsourcing - also der Übernahme des Applikationsbereichs von Kunden, dessen Pflege und Weiterentwicklung - im Jahr 2009 nach wie vor wächst. Anders als andere Teile im Dienstleistungssektor. Das gilt auch für den indischen Markt. Der Wettbewerb ist im Zuge der Krise sicherlich härter geworden ist, aber generell ist Indien weiter ein Wachstumsland.

mm.de: Welche Bereiche im Dienstleistungssektor leiden derzeit?

Hartmann: Im Beratungsportfolio muss man in diesen Zeiten die Agenda der Kunden sehr gut verstehen und unterstützen. Das heißt, die Kunden möchten einen kurzfristigen Return on Investment sehen. Das müssen wir als Dienstleister sicherstellen. Die Krise könnte man schon fast als Sonderkonjunktur bezeichnen. Jeder der helfen kann, die Bilanzen ganz schnell zu entlasten, die Kosten strukturell zu reduzieren und den Cashflow positiv zu beeinflussen, kann jetzt ein Geschäft machen. Wer nur über Konzeptionen reden kann und die Umsetzung nicht anbietet, hat es derzeit schwer.

mm.de: In Outsourcing-Ratgebern ist zu lesen, dass Outsourcing-Aufträge sorgfältig ausgehandelt werden müssen. Die Verhandlungen dauern in der Regel dementsprechend lang. Steht das nicht im Widerspruch zu der Forderung nach Kurzfristigkeit und dem schnellen Ergebnis? Erhöht sich so das Konfliktpotenzial?

Hartmann: Ich glaube, sowohl Anbieter als auch Kunden sind professioneller und reifer geworden, was das Outsourcing angeht. Natürlich müssen langfristige Verträge gut und fundiert ausgelegt werden. Die Kunden sind derzeit aber bereit, interne Prozesse im Haus zügiger zu verändern. Dabei geht es nicht per se um Outsourcing und Transformationen, sondern vor allem um Outtasking.

mm.de: Damit meinen Sie ein selektives Outsourcing.

Hartmann: Genau. Oftmals will der Kunde gar nicht einen ganzen Bereich abgeben, sondern die Prozesse im Haus behalten. Mit Outtasking kann er bestimmte Gebiete abtreten und damit Kosten strukturell herausnehmen. So kann er seine eigenen Ressourcen auf Wachstumsthemen ansetzen. Das geht schneller und hat einen sofortigen Effekt auf die Bottom-line.