"Was würde Google tun?" Die erste Google-Bank

Ginge es nach Jeff Jarvis, hätten Analysten ausgedient. Denn das Internet, so der Blogger und Buchautor, biete neue Möglichkeiten die Nutzer am Handel zu beteiligen - selbst im schwerfälligen alten Geschäft mit Geld. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus seinem Buch "Was würde Google tun?".

Banking ist das ultimative Vermittlergeschäft: Geld und Kapitalbedarf zusammenbringen und von der Verbindung profitieren. In kleinerem Rahmen - denn klein bedeutet neuerdings groß - umgeht das Internet die Branche bereits und stellt direkte Verbindungen her.

Nehmen Sie nur "Peer-to-Peer Lending", gegenseitige Kreditvergabe. Seit 2008 haben bei Prosper.com 750 000 Mitglieder über 150 Millionen Dollar an Krediten von manchmal nur 50 Dollar gewährt oder in Anspruch genommen, um alles Mögliche damit zu finanzieren, etwa eine neue Geschäftsidee zu verwirklichen, Studiengebühren zu bezahlen oder den Saldo der Kreditkarte auszugleichen.

Es ist wunderbar einfach und überwältigend human. Man sieht jemanden und seine Geschichte: "Seit ich vor neun Jahren nach Amerika kam, war es mein Traum, eine neapolitanische Pizzeria zu eröffnen. Ich beschloss, mit einem Pizzawagen klein anzufangen und mich dann zu vergrößern… Jetzt ist es an der Zeit, aus unserem kleinen Pizzawagen eine richtige Pizzeria zu machen." Ich hatte vor, in diese Sache zu investieren. Hier noch ein Vorhaben: "Dieses Darlehen wird dazu genutzt, ein Teilzeitgeschäft aufzubauen und Kochkurse für Rohkost zu geben." Was? Rohkost kochen? Das überlasse ich wohl lieber jemand anderem.

Dann gab es da noch eine Studentin, die Hilfe brauchte, um ihr letztes Jahr auf dem College finanzieren zu können. "Ich gehe noch zur Schule und habe trotzdem schon einen Vollzeitjob. Im Moment liegt mein Notendurchschnitt bei 3,9. Ich will meinen Abschluss in Rechnungswesen und Finanzbuchhaltung machen, und deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, dass man seine Rechnungen pünktlich bezahlt, um kreditwürdig zu sein." Okay, sie hat mich verladen.

Prosper empfiehlt den Usern, Darlehen zu streuen, für den Fall, dass einige platzen (und beauftragt ein Inkassobüro). Trotz recht hoher Zinsen kann man so nicht reich werden oder eine neue Bank of America aufbauen. Aber es ist faszinierend und macht Spaß. Prosper macht aus der unpersönlichsten Branche, die es gibt, eine Reality-Show aus dem echten Leben, aus Träumen, mit Gewinnern und Verlierern.

Kleinstkredite werden populär

Man kann das Ganze auch anders angehen: Zopa verkauft Einlagenzertifikate und räumt Investoren ein Mitspracherecht bei der Kreditvergabe ein. Loanio soll Darlehen absichern, indem Bürgschaften vergeben und zusätzliche Unterlagen angefordert werden. Virgin Money kümmert sich um die Einzelheiten, wenn Kredite unter Freunden oder Verwandten vergeben werden. Lending Club gestaltet über Facebook Kredite sozial.

Kleinstkredite sind weiter verbreitet - und haben einen größeren Nutzen - in der Volkswirtschaft von Entwicklungsländern, wo sie benötigt werden, um Vieh zu kaufen, um sich selbstständig zu machen oder um ein Kind zur Schule zu schicken.

Besuchen Sie dhanaX.com und sehen Sie sich an, welche Geschichten in Indien laufen - wo nur Inder investieren -, oder Kiva.org, wo man Unternehmungen überall auf der Welt Kredite ab 25 Dollar gewähren kann. Kiva hat in 43 Ländern Darlehen von insgesamt 35 Millionen Dollar vergeben - durchschnittlich jeweils in der Höhe von 485 Dollar. 98,1 Prozent wurden zurückgezahlt. (Zum Vergleich: 2,7 Prozent direkter Darlehen in den USA waren im Frühjahr 2008 in Verzug, bei Subprime Loans waren es 16,6 Prozent.)

Hier eine Kiva-Anfrage: Mrs. Phally aus Kambodscha betreibt vor ihrem Haus eine Schweinezucht und verdient sieben Dollar pro Tag, ihr Mann ist Bauer und verdient fünf Dollar pro Tag. Zwei der Kinder tragen ebenfalls zum Lebensunterhalt der Familie bei, sie arbeiten in der nahe gelegenen Textilfabrik. Mrs. Phally bat um ein Darlehen von 1000 Dollar, um einen kleinen Traktor für ihren Mann anschaffen zu können, damit er sein Land pflügen kann. Zum besseren Verständnis erklärt uns Kiva, in Kambodscha sei es üblich, Traktoren zu vermieten, um sich etwas dazuzuverdienen. Kivas Darlehen bringen dem Kreditgeber keine Zinsen, Vertreter der Behörden vor Ort jedoch verlangen Zinsen. Mit jedem Darlehen an einen Kleinunternehmer verändert sich die Welt ein Stück mehr. Es ist eine Internet-Dividende.

Um in den USA nach und nach eine ähnliche Wirkung zu erzielen, sehen Sie sich DonorsChoose.org an, wo Sie zur Anschaffung von Unterrichtsmaterialien beitragen können, die Lehrer dringend benötigen. Sehen Sie sich auch Facebooks Programm Causes an, wo die Mitglieder Projekte starten, sich daran beteiligen, sie unterstützen und dafür spenden. All diese neuen Sammelstellen stützen sich auf kleine Einheiten, die eine große Wirkung entfalten, auf direkte und persönliche Beziehungen. Sie bauen darauf, die Kontrolle über die Nutzung von Ressourcen denen zu überlassen, denen diese Ressourcen zustehen, und auf frei zugängliche Informationen.

Marktplätze für Geschäftsdarlehen, Hypotheken, Kredite

Die Finanzkrise, die sich 2008 von Amerika aus über den ganzen Erdball ausbreitete, hatte ihren Ursprung darin, dass faule Kredite zusammen mit guten Krediten verpackt und auf die Finanzmärkte gebracht wurden, ohne für jeden einzelnen Kredit der Rechenschaftspflicht nachzukommen und ohne jegliche Transparenz. Bei "Peer-to-Peer Loans" ist das vollkommen anders. Damit will ich nicht den Anschein erwecken, das soziale Kreditsystem könne Banken ersetzen, doch Banken könnten sicher etwas davon lernen.

Warum sollte man nicht direkte Marktplätze einrichten, wo ich mir mein Portfolio selbst zusammenstellen kann, aus kleinen Geschäftsdarlehen, Hypotheken und Krediten an Studenten? Warum sollte man nicht die Infrastruktur einer Bank nutzen, wie Virgin Money und PayPal es praktizieren, um uns unsere finanziellen Transaktionen zu erleichtern? Warum sollten Banken nicht wieder menschlich werden? Bei großen, alten Bankhäusern können wir uns eine solche Entwicklung nur schwer vorstellen, sie sind einfach zu groß und zu alt. Deshalb erleben wir, wie neue und innovative "Peer-to-Peer"-Banken und Finanzinstitute sich entwickeln. Doch zweifellos muss die Branche transparenter werden und in höherem Maße Rechenschaft ablegen.

Auch für Finanzmärkte bietet das Internet neue Chancen. Online stehen uns neue Informationsquellen und Analysemöglichkeiten zur Verfügung, und zwar andere als die der Analysten, die im Auftrag von Kreditinstituten tätig sind. Investoren selbst können sich über Wissen, Daten, Strategien, Erfolge und Fehlschläge austauschen. Der CAPS-Service von Fool sammelt die Erkenntnisse von Investoren, um jedem Mitglied der Community behilflich zu sein. Ich habe in Covestor investiert, dort geben Börsenanleger Einblick in die nachweisliche Entwicklung ihres Handels, so dass andere an ihrer Seite investieren können. Jeder Investor kann selbst zu einem Anlagefonds werden. So kann ein erfolgreicher Investor obendrein davon profitieren, dass er richtig gelegen hat.

Shirky [der Autor und Blogger Clay Shirky, Anm. d. Red.] empfahl den Studenten meines Seminars über unternehmerischen Journalismus, an einer eigenen Finanz-Website zu arbeiten und eine markengeschützte Kreditkarte anzubieten, die es ihnen ermöglichen würde, die Daten der Community zu erfassen und die Leute wissen zu lassen, welchen Platz sie unter Gleichrangigen einnehmen: "Achtung - Sie haben 15 Prozent mehr in Restaurants ausgegeben als andere Menschen in Ihrem Alter bei gleichem Einkommen."

Aus einer Flut von Daten zu lernen ist ein Grundpfeiler für Google-Denken. Banken und Kreditkartenunternehmen wissen mehr darüber, was wir ausgeben, als jeder andere und beinahe genauso viel über das, was wir kaufen, wie etwa auch Amazon.

Google-Geld als neue Währung?

Es handelt sich um unsere persönlichen Daten und unser gemeinschaftliches Wissen. Ich wünschte, man würde es uns übertragen, damit wir diese Erkenntnisse nutzen könnten, um unsere Finanzen besser zu managen.

Selbstverständlich gibt es gute Gründe dafür, dass Banken und der Finanzmarkt reguliert werden - offensichtlich nicht streng genug, wenn man sich die Konsequenzen der Finanzkrise vor Augen hält. Diese Schauplätze dürfen wir nur vorsichtig betreten. Doch das Internet bietet neue Möglichkeiten, mitzudenken und uns am Handel zu beteiligen, selbst im schwerfälligen alten Geschäft mit Geld.

Es überrascht mich, dass das Internet nicht längst deutlichere Auswirkungen auf die Branche zeigt. Jedes Mal, wenn in meiner Umgebung eine neue Gewerbefläche entsteht, sehe ich mit Enttäuschung, dass mal wieder eine Bank einzieht. Wie überflüssig. Wie langweilig. Mir wäre eine weitere Filiale von Starbucks oder Taco Bell lieber oder vielleicht eine altmodische Bäckerei. Warum betreiben Banken immer noch ein Geschäft, in dem sie so viele Geschäftsgebäude aus Stein bauen und sie mit ihrer Belegschaft füllen?

Mit dem Internet entstanden auch reine Onlinebanken, doch sie waren nie wirklich erfolgreich und viele wurden aufgekauft: In Großbritannien wurde Egg von Citi übernommen und First Direct von HSBC. Sie gaben uns nicht genug Anreiz, unsere Gewohnheiten zu ändern. Wenn Onlinebanken Ersparnisse zu unseren Gunsten eingesetzt hätten - Internetdividende in bar -, wären wir vielleicht bereit gewesen, virtuell zu werden.

Die bargeldlose Gesellschaft wird in den USA wahrscheinlich einen Tag später eingeführt als das Büro ohne Papier - also nie. Wir hören davon, dass Leute in Finnland und Japan mit ihren Handys Cola kaufen und Parktickets bezahlen, aber in den Vereinigten Staaten haben wir so etwas noch nie gesehen.

Microsoft wollte mit dem Passport-Service zur Registrierkasse des Internets werden, doch ich vermute, niemand traut Microsoft. Googles Checkout-Service war nicht sehr erfolgreich. PayPal, mittlerweile übernommen von Ebay, bietet den Menschen eine unkomplizierte Möglichkeit, finanzielle Transaktionen abzuwickeln, wird aber viel zu selten von Händlern genutzt. Möglicherweise bräuchten wir eine neue virtuelle Währung, die weltweit gültig wäre und zur Grundlage eines neuen Finanzsystems werden könnte. Wie klingt Google-Geld? Wir vertrauen auf Google.

In Bildern: Eine kleine Google-Geschichte

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.