Oracle kauft Sun Larry kann es nicht lassen

Oracle-Gründer Larry Ellison hat die IT-Welt mit dem Kauf von Sun einmal mehr überrascht. Doch dieses Mal könnte sich der exzentrische Manager überheben: Experten bezweifeln, dass der Softwarehersteller mit der Hardwareschmiede Sun auf Dauer glücklich wird. Und wie wirkt sich der Oracle-Deal für den deutschen Rivalen SAP aus?

Hamburg - Larry Ellison hat zugeschlagen. Wieder einmal. Nach Peoplesoft im Jahr 2004, Siebel 2006 und Bea Anfang des vergangenen Jahres kauft der Oracle-Gründer mit Sun Microsystems nun ein weiteres Technologieunternehmen. Und abermals überrascht der streitbare Manager Branchenkenner und Widersacher: Oracle  zahlt pro Sun-Aktie  9,50 Dollar und damit 42 Prozent mehr, als das Papier am Freitag gekostet hat. Zudem schnappt sich Ellison den einstigen Webpionier nur wenige Tage, nachdem Übernahmegespräche zwischen IBM  und Sun geplatzt waren.

Einen Unterschied zu den bisherigen Akquisitionen gibt es aber doch: Bei der neuesten Eroberung, die sich Oracle insgesamt 7,4 Milliarden Dollar kosten lässt, handelt es sich nicht um eine Softwareschmiede, die außer Branchenkennern und Experten kaum ein Endkunde kennt. Sun ist ein etablierter IT-Konzern, der weltweit gut 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im vergangenen Geschäftsjahr machte Sun knapp 14 Milliarden Dollar Umsatz, der Gewinn belief sich auf 403 Millionen Dollar.

Schwerer noch wiegt, dass es sich bei der auserwählten Firma um einen Hardwarehersteller handelt. Für Oracle ist dieser Geschäftsbereich ein Novum. "Oracle folgt dem Trend der IT-Branche, alles aus einer Hand anbieten zu wollen - von Hardwarekomponenten über Programme bis zu Serviceleistungen", sagt Stephan Wittwer von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Thomas Liskamm, Analyst bei der Dresdner Bank, sieht den Konzern dank der Übernahme gar als "ersten vollintegrierten Softwarekonzern".

Ob sich diese Strategie auszahlt, ist fraglich. "Alles von einem Anbieter zu bekommen, ist natürlich komfortabel", sagt Wittwer. "Aber die Kunden machen sich dadurch auch vom Preis des Anbieters abhängig. Das wollen viele nicht." Dem stimmt Rüdiger Spies vom IT-Marktbeobachter IDC zu: "Vor allem größere Unternehmen und Konzerne wollen sich nicht dem Preisdiktat eines Anbieters unterwerfen." Beim Mittelstand seien die "All-inclusive-Angebote" aufgrund der Annehmlichkeiten, etwa bei Problemen mit dem Programm einen einzigen Ansprechpartner zu haben, weitaus beliebter.

Für Oracle ist das Geschäft mit der "harten Ware" ein Wagnis. Mit der Konzentration auf das Softwaregeschäft fuhr der Konzern bislang gut: Das Unternehmen, das Ellison 1977 gründete und das heute mehr als 80.000 Mitarbeiter hat, ist im Bereich Datenbanksoftware Branchenführer und steigerte seine US-Softwareverkäufe dank der zahlreichen Akquisitionen im vergangenen Geschäftsjahr um 22 Prozent.

Suns Absturz nach den 90er Boomjahren

Sun hingegen zeichnet sich eher durch ein gewachsenes Image als durch finanzielle Stärken aus. Der Konzern hat besonders durch die Entwicklung der Programmiersprache Java und die Open-Source-Datenbank MySQL eine große Fangemeinde um sich geschart. An margenträchtigen Produkten mangelt es dem Unternehmen jedoch.

Daran war in den 90er Jahren noch nicht zu denken. 1996 begann für den Konzern die Boomzeit: Innerhalb von vier Jahren konnte Sun seinen Umsatz auf knapp 16 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Doch mit dem Platzen der New-Economy-Blase 2001 brach die Zahl der Kunden dramatisch ein. Die bisherigen Abnehmer - IT-Anbieter und Firmengründer - mussten selbst ums Überleben kämpfen.

Dementsprechend unerfreulich sehen die aktuellen Geschäftszahlen aus. Im vergangenen Quartal machte Sun ein Minus von 209 Millionen Dollar. Ein Jahr zuvor stand noch ein Gewinn von 260 Millionen Dollar unter dem Strich. Wegen der Talfahrt streicht Sun derzeit jeden fünften Arbeitsplatz - auch dieses massive Sanierungsprogramm kostet den Konzern Millionen. "Die entscheidende Frage wird sein, ob Oracle es schafft, die Zahlungsbereitschaft der Sun-Kunden für weitere Produktlösungen zu verstärken", sagt Dresdner-Bank-Analyst Liskamm.

Ellison ist da zuversichtlich. Der Manager, auch "Mann mit dem eisernen Willen" genannt, präsentierte die jüngste Eroberung am Montag gewohnt selbstbewusst: Der Kauf werde "die IT-Industrie verändern". Geht es nach ihm, soll Sun  bereits im zweiten Jahr nach der Fusion mehr als zwei Milliarden Dollar zum Oracle-Betriebsgewinn beitragen.

Marktbeobachter Spies sieht das skeptisch: Um mit anderen Serverherstellern wie Hewlett-Packard oder IBM  mithalten zu können, müsse Oracle  viel Geld in die Prozessorentwicklung stecken. "Ob Ellison die finanziellen Mittel dafür aufbringt, bezweifele ich." Auch ob die Einnahmen, die Oracle künftig als vollintegrierter IT-Konzern generieren wird, diese Entwicklungskosten übersteigen, sei mehr als fraglich.

Konsequenzen für SAP

Doch Ellison ist sich seiner Sache sicher. An Erfahrungen mit Unternehmenskäufen mangelt es ihm zumindest nicht: Allein im Zeitraum von 2004 bis 2008 gab Oracle  knapp 35 Milliarden Dollar für Zukäufe aus. Auf diese Weise wuchs sein Konzern rasant. "Oracle hat die Übernahmen leidlich gut verdaut. Die Firmen sind allesamt einigermaßen im Konzern integriert", so Spies. Gerade in der IT-Branche sei die Zusammenführung zweier Konzerne kompliziert und könne mitunter Jahre dauern.

Im Fall von Oracle gingen die Übernahmen hauptsächlich zulasten der Mitarbeiter der gekauften Unternehmen: Ellison baute jeweils massiv Stellen ab. Spies sieht deshalb auch durch die Ehe von Oracle und Sun  etliche Jobs gefährdet. "Mit der Integration wird ein drastischer Stellenabbau verbunden sein", ist sich der IT-Experte sicher.

Ein solches Szenario wäre den Sun-Beschäftigten vielleicht erspart geblieben, wenn IBM  sich vor wenigen Tagen zum Kauf des Hardwareherstellers entschlossen hätte. Gefehlt hat dafür nicht viel. Das letzte Gebot lag offenbar bei 9,40 pro Aktie - also nur zehn Cent weniger als die Summe, für die Oracle letztlich den Zuschlag erhielt.

Zumal sich die Experten einig sind, dass die Vorzeichen für eine Ehe zwischen IBM und Sun besser wären. "IBM wäre strategisch insgesamt der bessere Partner gewesen", sagt Dresdner-Bank-Analyst Liskamm. "Beide Konzerne haben gerade in den unteren Preisbereichen mehr Synergiepotenzial." So hätte etwa Suns Dienstleistungsbereich gut zu IBM gepasst. Marktbeobachter Spies fürchtet bei der jetzigen Konstellation einen Zusammenprall zweier Unternehmenskulturen, die sich stark unterscheiden. "Sun mit seiner Positionierung als Serverhersteller ist bekannt als Webpionier, der nicht nur bei seinen Anhängern einen guten Ruf genießt. Dagegen hat Oracle, der reine Softwareplayer, den Ruf, seine Kunden zu melken, wenn es möglich ist."

In Deutschland kommt nach dem Kauf vor allem die Frage auf, welche Auswirkungen die Übernahme auf den Konkurrenten SAP  hat. Auch in diesem Punkt sind sich die Experten überein: Kurzfristig werde es keine Veränderungen geben, denn der Sun-Erwerb betreffe nicht das Geschäft mit betriebswirtschaftlicher Software, auf das sich SAP konzentriert. "Langfristig könnte SAP durchaus geschwächt werden, da Oracle durch den Kauf viele Neukunden hinzugewinnt", sagt Analyst Liskamm. Derzeit zeigen sich die Walldorfer von dem Kauf unbeeindruckt. Gegenüber manager-magazin.de wollte sich der Konzern nicht zu dem Erwerb äußern.

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