Donnerstag, 17. Oktober 2019

Münchener Rück "Sie werden uns nie verstehen"

Warum kann die IT- der Geschäftsstrategie oft nicht folgen? Warum sprechen Business und IT keine gemeinsame Sprache? Der langjährige CIO der Münchener Rück, Rainer Janßen, weiß um das Dilemma der IT. Auf fast jedes Problem hat er eine Antwort.

Hamburg - Rainer Janßen ist genervt von IT-Management-Vorträgen: Immer diese Diskussion, ob IT dem Business folgt oder umgekehrt. Nach Ansicht des CIO der Münchener Rück Börsen-Chart zeigen dreht sich diese Diskussion ebenso im Kreis wie die seit Jahren wiederholte Frage: Wie sollen IT und Business miteinander reden und warum verstehen sie sich nicht?

"Warum diskutieren wir darüber", fragte Janßen, der 2008 zum CIO des Jahres gekürt wurde, auf den IT-Strategietagen in Hamburg. Und er dreht den Spieß um: Statt immer nur auf die IT zu schimpfen, sich in Selbstmitleid kleinzureden und für alle mitdenken zu wollen, liegt die Ursache für viele Fehlentwicklungen im Business. Warum die IT- der Geschäftsstrategie nicht folgen könne? Ganz klar: "Nur ganz wenige Unternehmen haben überhaupt eine Strategie", behauptet Janßen. Und zwar eine, die diesen Titel verdient und nicht nur aus der Aussage besteht, dass Umsatz und Gewinn steigen sollen.

Janßen: Die IT braucht zur Vermittlung einen "Glaubwürdigkeitspartner"
Die Probleme in der IT scheinen unverändert, stellt Janßen fest. Seit Jahren werden dieselben Fragen diskutiert. Seiner Ansicht nach liegt die Krux nicht darin, dass keine Antworten gefunden werden, sondern dass die IT-Manager die falschen Fragen stellen. Etwa die Frage nach der richtigen Sprache. "Nur eine?", provoziert Janßen. Meine IT versteht mindestens zehn Sprachen, die aus dem Marketing, dem Controlling, dem Vertrieb und und und." Es gibt nämlich nicht die Sprache des Business, sondern jeder Bereich beherrscht sein eigenes Vokabular. "Wir können sie alle", so Janßen und legt den Finger auf die richtige Wunde: "Das Problem ist nämlich, dass das Business nicht zuhört."

Das merkt man auch den gescheiterten IT-Projekten. Warum nur die IT dafür verantwortlich machen? "Wir richten den Fachabteilungen aus: schickt uns eure besten Leute", erzählt der studierte Mathematiker. Genau das Gegenteil geschehe. In den Projekten arbeiten dann auf einmal Leute mit, die man nicht mehr zum Kunden schicken will.

Ein anderes Beispiel ist die Nutzung von IT. Beispiel CRM: "Keiner nutzt es", weiß Janßen. Zu wichtig sind jedem einzelnen seine eingespielten Bearbeitungen, aber auch der Umstand einiges im eigenen Kopf zu behalten und nicht an ein firmenweites System abzugeben. Das ist nur menschlich, aber warum soll es ein Problem der IT sein? "Die, die das System geordert haben, können nicht durchsetzen, dass es genutzt wird", schließt Janßen. Das Problem liegt also auf deren Seite.

Ein Beispiel nach dem anderen zauberte der Redner auf den Strategietagen aus dem Hut, um seinen Kollegen zu zeigen, dass viele Diskussionen in die falsche Richtung zielen. Noch wichtiger, dass viele Fragen gar nicht die Fragen der IT sind. "Sie können nicht die Aufgaben übernehmen, die andere nicht machen." Auch er hat das erst lernen müssen, der Spruch eines früheren Kollegen habe ihm das Dilemma veranschaulicht. Dieser hatte gesagt: "Es ist wie beim Militär, wenn Sie bei der Artillerie eingeteilt sind, sollten sie nicht aus dem Flugzeug springen - Sie haben nämlich keinen Fallschirm dabei."

Janßens Lösung aus dem ewigen Dilemma der IT:

  1. Die Fachkräfte nicht auf Teufel komm raus zu Generalisten formen, sondern lieber die verschiedenen Rollen schärfen. Projektmanager, Developer, Requirement Engineer,… : "Das sind alles Aufgaben, die unterschiedliche Fähigkeiten verlangen. Der eine muss kommunizieren können, der andere muss kreativ sein, ein dritter benötigt didaktische Qualitäten", erklärt Janßen. "Die kann eine Person nicht in sich vereinen."
  2. IT-Verantwortliche müssen weg von dieser Selbstbestimmung und die Realität akzeptieren und die heißt: Sie werden uns nie verstehen!
  3. Misstrauen - insbesondere gegenüber dem, was man nicht versteht, ist absolut normal.
  4. Der Vorstand ist nicht die Lösung.
    Er hat gar keine Zeit, sich ernsthaft einzuarbeiten Deswegen sollte man sich einen "Glaubwürdigkeitspartner" außerhalb der IT suchen. Ein Partner, der hilft, zu vermitteln, und auch kritisch oder unangenehm hinterfragt. "Ohne den kommen Sie aus der Falle nicht heraus", prophezeite Janßen.

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