Datenskandal Lidl führte geheime Krankenakten

Die Affäre um die Überwachung von Beschäftigten holt Lidl nach einem Jahr noch einmal ein. Per Zufall kamen Akten ans Licht, die zeigen, dass der Discounter über Krankheiten der Mitarbeiter Buch führte. Das Unternehmen ist in der Defensive - wie Airbus, Deutsche Bahn und Telekom auch.

Hamburg - Der Discounter Lidl hat die Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten. Wie das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet, setzte das Unternehmen Formulare ein, in den der "Grund der Krankheit" von Mitarbeitern eingetragen werden sollte. Dies legten mehrere hundert Seiten firmeninterner Unterlagen nahe, die durch einen Zufall in einer Mülltonne in Bochum entdeckt wurden. So steht beispielsweise über eine Mitarbeiterin, die im Juni vergangenen Jahres krankgeschrieben war: "Will schwanger (werden). Befruchtung nicht funktioniert". Bei einer anderen heißt es als Krankheitsgrund: "Psychologe".

Lidl-Deutschland-Chef Frank-Michael Mros hatte die Existenz der Krankenformulare gegenüber dem Magazin zugegeben. Die Arbeit mit den Listen sei im Zuge der Umsetzung des neuen Datenschutzkonzeptes bei Lidl Ende 2008 eingestellt worden, teilte das Unternehmen außerdem am Samstag mit. Die Listen seien nicht datenschutzkonform gewesen, hätten aber dazu gedient, die Mitarbeiter ihrem gesundheitlichen Zustand entsprechend einzusetzen.

"Lidl arbeitet seit April vergangenen Jahres konsequent daran, ein ganzheitliches Datenschutzkonzept zu erarbeiten und umzusetzen. Hierbei werden alle Geschäftsprozesse gewissenhaft untersucht und gegebenenfalls überarbeitet", betonte Joachim Jacob, ehemaliger Datenschutzbeauftragter des Bundes und Berater von Lidl für den Datenschutz, in der Erklärung. Über 3000 Filialen und 34 Regionalgesellschaften seien in diesen Prozess eingebunden, "das nimmt zwangsläufig Zeit in Anspruch." Der aktuelle Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sagte dem SPIEGEL, er sehe die Aktion von Lidl "äußerst kritisch". "Der Grund der Krankheit geht den Arbeitgeber grundsätzlich nichts an."

Alle Einträge stammen aus der Zeit nach der Entdeckung der Spitzelmethoden bei Lidl, die im März 2008 für Aufsehen gesorgt hatte. Lidl-Gesellschaften hatten Detektive beauftragt, das Verhalten von Mitarbeitern zu überwachen und zu protokollieren.

Die Deutsche Bahn plant einem "Focus"-Bericht zufolge als Konsequenz aus der jüngsten Spitzelaffäre Neuregelungen für den Datenschutz der Arbeitnehmer. Bahn-Vorstand und Konzernbetriebsrat arbeiteten an einer einheitlichen Vereinbarung "zum Schutz der Persönlichkeitsrechte" im Unternehmen, berichtete das Magazin am Samstag vorab. Bislang regeln demnach elf Einzelvereinbarungen die elektronische Mitarbeiter-Überwachung von der Arbeitszeiterfassung über erlaubte E-Mail-Protokolle bis hin zu Videoaufzeichnungen.

Künftig soll dem Bericht zufolge jeder Beschäftige ein individuelles Datenblatt bekommen, das ihn aufklärt, welche elektronischen Systeme Informationen von ihm registrieren. Zudem solle der Arbeitnehmer wissen, was damit geschieht und dass die Informationen nicht gegen ihn verwandt werden können. Jeder Bahnbeschäftigte solle künftig auch persönlich nachprüfen dürfen, ob der Konzern diesen Schutz einhält.

manager-magazin.de mit Material von dpa und afp