Samstag, 19. Oktober 2019

Twitter Ratlos, planlos, kein Interesse

Nicht dabei, nicht interessiert oder schlicht planlos: Eine Untersuchung zeigt, wie brüsk Deutschlands Topunternehmen dem neuen Kommunikationsweg Twitter die kalte Schulter zeigen - und womöglich den Anschluss verlieren. Marketingstrategen fordern ein Umdenken.

Düsseldorf - Deutschlands Topunternehmen mauern. Schauen sich den Sturm an, der sich durch das Internet bewegt. Und wissen bisher nicht so recht was sie mit Twitter anfangen sollen - jener neuen Internetquasselbude, in der sich alle Welt mit Kurznachrichten unterhält.

Kaum Berührungsängste: Politiker wie SPD-Chef Franz Müntefering nutzen Twitter mutiger als viele deutsche Konzerne
Rund sechs Millionen Frauen und Männer machen nach Angaben des Twitter-Unternehmens rund um den Globus mit. Aber die hiesige Konzernprominenz nicht. Ist das ein Problem?

"Wir haben festgestellt, dass von den 110 prominentesten deutschen Aktiengesellschaften die verschwindend geringe Zahl von sechs Firmen das neue Medium Twitter aktiv für ihre Unternehmenskommunikation nutzt. Das sind nur 5,5 Prozent", sagt Christian Berens, Geschäftsführer der Kölner Agentur Net-Federation. Sie hat sich auf moderne Kommunikationswege für Unternehmen spezialisiert und für manager-magazin.de analysiert, wie Deutschlands Unternehmenselite mit Twitter Geld verdienen will.

"Die Antwort ist, dass die meisten Dax-, MDax- und TecDax-Konzernlenker anscheinend nicht wissen, was sie mit Twitter überhaupt anfangen sollen", sagt Berens. Gerade einmal ein Drittel der bedeutendsten 110 hiesigen Aktiengesellschaften hätten sich bisher überhaupt den Zugang zu dem Millionennetzwerk gesichert - und viele auch noch halbherzig: Die wenigsten Nutzer könnten die eigentlich hochprominenten Konzerne anhand ihres Twitter-Services überhaupt zweifelsfrei wiedererkennen.

"Bei nur acht der 110 Unternehmen hat sich deren Identität eindeutig feststellen lassen. Das ist nur wenig mehr als nichts", sagt Berens. Unter diesen acht hätten sich Daimler Börsen-Chart zeigen, die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen und SAP Börsen-Chart zeigen befunden. "Insgesamt nutzten Technologieunternehmen den Twitter-Dienst forscher als die Vertreter anderer Branchen - wenn so eine Unterteilung nach Branchen bei so wenigen aktiven Nutzern überhaupt Sinn macht", schränkt Berens ein.

Anwender überfordert: "Der Nutzwert erscheint völlig diffus"

Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim kann die Zurückhaltung der deutschen Firmenlenker verstehen. "Vor kurzem hieß es noch, Unternehmensblogs seien für die Unternehmen im Internetzeitalter überaus wichtig und modern. Nun kommt mit Twitter angeblich der nächste große Trend. Das überfordert viele Anwender wie Unternehmer maßlos, zumal der Nutzwert selbst Insidern mitunter völlig diffus erscheint", sagt Brettschneider.

Einige große internationale Konkurrenten deutscher Konzerne haben dennoch bereits Mut gefasst. Sie versuchen, mit Twitter - auf Deutsch: zwitschern - Geld zu verdienen.

Der amerikanische Computerhersteller Dell Börsen-Chart zeigen beispielsweise macht einen Teil seiner Kunden bereits mit Twitter auf Sonderangebote aufmerksam - und nach Angaben des Unternehmens würden 180.000 Menschen zuhören.

Auch der US-Internethändler Amazon Börsen-Chart zeigen versucht via Twitter Kunden etwa für sein Musikgeschäft zu gewinnen. Nach Meinung von Marktbeobachtern versuchen ausländische Firmen insgesamt etwas rascher mit Twitter Geschäfte zu machen als Topkonzerne in der Bundesrepublik.

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