Xerox "Deutschland nicht so stark betroffen"

Der Technologiekonzern Xerox kämpft mit einbrechenden Gewinnen, Hunderte Millionen Dollar sollen gespart werden. manager-magazin.de sprach mit Ursula Burns, Xerox-Präsidentin und designierter Konzernchefin, über die Folgen für den Xerox-Standort Deutschland, den Schwung weltweiter Konjunkturpakete und die prekäre Lage der Aktionäre.
Von Karsten Stumm

mm.de: Frau Burns, Xerox  steckt in Schwierigkeiten. Vor wenigen Tagen haben Sie Ihre Gewinnerwartung von 16 bis 20 US-Cent pro Xerox-Aktie drastisch auf drei bis fünf Cent zusammenstreichen müssen. Doch das Geschäft läuft schon länger nicht mehr so gut, oder?

Burns: Und zwar vor allem aus zwei Gründen: Zum einen hatten wir große Probleme mit den harschen Wechselkursänderungen von Dollar, Yen und Euro untereinander ...

mm.de ... weil Ihre entsprechenden Absicherungsgeschäfte schiefgegangen sind?

Burns: Weil wir so etwas gar nicht machen.

mm.de: Was hat Xerox darüber hinaus so zugesetzt?

Burns: Zum anderen natürlich die Krise an sich. Sie hat sich mit einem Dominoeffekt ausgebreitet. Wir bemerkten schwächere Geschäfte zuerst zu Beginn des Schlussquartals 2008 in den Vereinigten Staaten, zur Mitte des Quartals dann in Großbritannien. Anschließend in Zentraleuropa, etwa auch in Deutschland. Und zum Quartalsende schließlich auch in den Schwellenmärkten, beispielsweise in Russland und Brasilien. Wir rechnen mittlerweile allgemein mit einem schweren Jahr 2009, auch für unsere Kunden und Partner.

mm.de: Sie haben bereits mit Entlassungen reagiert: 3400 Stellen weltweit wurden gestrichen, das sind umgerechnet etwa 5 Prozent Ihrer Belegschaft. Drohen weitere Einschnitte?

Burns: Wir haben im ersten Schritt sehr entschieden gehandelt, um unsere Kosten insgesamt unter Kontrolle zu halten. Aber wir müssen unseren Aktionären weiterhin garantieren können, konkurrenzfähig zu bleiben. Zunächst sind aber keine weiteren Einschnitte geplant.

mm.de: Was bedeutet das für Ihr Deutschland-Geschäft?

Burns: Wir haben 500 Mitarbeiter bei Xerox-Deutschland. Da hier bereits effiziente Strukturen vorhanden sind, wird unsere Filiale in Deutschland nicht in dem Maße von Restrukturierungen betroffen sein, wie andere. Aber das Geschäft muss natürlich ertragreich sein.

Rasanter Kursverfall der Xerox-Aktie

mm.de: Und Sie werden dazu auch keine Abstriche bei Investitionen hierzulande machen?

Burns: Im Gegenteil: Die Fläche unseres Xerox-Showrooms in unserer Deutschland-Zentrale in Neuss bei Düsseldorf beispielsweise wird in diesem Jahr verdreifacht. Zudem werden wir unseren indirekten Vertrieb ausbauen, um noch näher an unseren Kunden zu sein.

mm.de: Die Entwicklung Ihres Aktienkurses spiegelt diesen Erfolg aber nicht wider. In den vergangenen beiden Jahren ging es von rund 19 Dollar auf knapp vier Dollar bergab. Der Wertverfall war damit deutlich dramatischer, als bei direkten Konkurrenten wie Hewlett-Packard  oder Canon .

Burns: Ich glaube nicht, dass unser Aktienkurs sehr deutlich aus der Gruppe unserer Wettbewerber herausfällt - weder positiv, noch negativ. Die Krise trifft einfach alle. Wichtig ist in dieser Phase, unseren Investoren zu beweisen, dass wir unser Geschäftsmodell beherrschen, indem wir vorhersagbare, verlässliche Geschäftszahlen liefern.

mm.de: Planen Sie, dem Kurs mit Aktienrückkäufen wieder auf die Beine zu helfen?

Burns: Nein, das Einzige, was heute zählt, ist, ausreichend Bargeld zu haben. Und wir haben einen starken Cashflow.

mm.de: Xerox muss keine zusätzlichen Kredite aufnehmen? Obwohl die Krise scheinbar täglich schlimmer zu werden scheint?

Burns: Absolut nicht, nein.

mm.de: Reicht der Cashflow auch noch für Zukäufe?

Burns: Kleinere Übernahmen sind denkbar, wenn es passt. Auch jetzt in der Krise. Aber wir suchen derzeit nicht aktiv danach.

mm.de: In welcher Region wollen Sie zukaufen?

Burns: Vor allem in Westeuropa und den Vereinigten Staaten, nicht ganz so stark in Asien. Aber die Dimensionen werden überschaubar bleiben. Das wirtschaftliche Umfeld heute ist einfach zu verschieden, zu schlecht, gemessen an dem, das wir noch vor sechs Monaten hatten. Und da heißt es in erster Linie, sein Geld zusammenzuhalten. Auch um unabhängig zu bleiben.

Probleme trotz Konjunkturmilliarden

mm.de: Xerox ist ein weltweit tätiges Technologieunternehmen. Wie wird die Weltwirtschaft in sechs Monaten laufen - und damit auch Ihre Geschäfte?

Burns: Ich rechne kurzfristig nicht mit einer deutlichen Besserung der Lage. Wir würden uns natürlich freuen, wenn dem nicht so ist, aber wir sind vorerst gewappnet. Deshalb planen wir auch nicht nur mit einem schwachen Jahr 2009, sondern auch mit harten Bedingungen in 2010.

mm.de: Trotz der vielen Staatshilfen und Konjunkturprogramme weltweit?

Burns: Ja. Ich fürchte, dass wir in den kommenden Monaten noch mehr schlechte als gute Nachrichten zur Kenntnis nehmen müssen. Eine der guten in den vergangenen Tagen war allerdings tatsächlich, dass die Regierungen weltweit erhebliche Konjunkturprogramme gestartet haben. Die Frage ist nur, wie schnell dieses Geld bei den Firmen ankommen wird.

mm.de: Wird auch Geld von Xerox an seine Aktionäre fließen?

Burns: Auf jeden Fall. Wir planen nicht, unsere Dividende zu kürzen.

mm.de: Wird das auch Ihre Leitlinie sein, wenn Sie planmäßig bald die Nachfolge von Anne Mulcahy als Xerox-Chefin antreten werden?

Burns: Ich freue mich natürlich, dass man mich für geeignet hält, Annes Nachfolgerin zu werden, denn sie ist einer der besten Konzernlenker überhaupt. Einen genauen Fahrplan dafür gibt es noch nicht. Zunächst gilt es, sicher durch die Krise zu steuern. Ich denke, mit unserem gesamten Team sind wir hier perfekt aufgestellt.

mm.de: Xerox war einmal weltbekannt für Erfindungen wie den Fotokopierer oder die Computermaus. Jetzt hat man aber schon länger nichts so Durchschlagendes von Ihnen gehört. Haben Sie in dieser wirtschaftlich angespannten Zeit Ihr Entwicklungsbudget zusammenstreichen müssen?

Burns: Nein, Xerox selbst steckt jährlich 900 Millionen Dollar in die Forschung, auch jetzt, während der Wirtschaftskrise. Mit Partnern sind es sogar 1,5 Milliarden Dollar. Allein im Jahr 2008 hat Xerox 609 Patente beim US-amerikanischen Patentamt eingereicht. Drei Viertel unseres Umsatzes machen wir schon heute mit Produkten, die erst in den vergangenen beiden Jahren auf den Markt gekommen sind.

"Machen uns nicht selbst Konkurrenz"

mm.de: Was kommt als Nächstes?

Burns: Wir arbeiten beispielsweise an einem Papier, das sogenannte Erasable Paper, das sich mehrfach beschriften lässt - anders als die Blätter, die Sie heute kennen: Hat man die vollgeschrieben, landen sie irgendwann im Papierkorb. Unser neuartiges Papier dagegen kann immer wieder bedruckt werden. Und auch die Entwicklung elektronischer Papiere treiben wir voran.

mm.de: Diese E-Paper, die uns schon vor Jahren versprochen wurden, aber bisher nie Realität geworden sind? Ähnlich dem papierlosen Büro, das erstmals 1975 erwähnt worden ist? 34 Jahre später brauchen wir mehr Papier als je zuvor. Oder ist das in Ihrem Hause anders?

Burns: Es geht durchaus voran, auch während der aktuellen Krise, und wir sind sicher, dass es Erfolg haben wird. Ein großes weiteres Forschungsfeld ist auch der Versuch, viel mehr Druckerzeugnisse als bisher in Farbe herstellen zu können. Durch gezielten Einsatz von Farbe können wir zudem effektiver und effizienter kommunizieren.

mm.de: Ist es nicht eine Gefahr, Produkte wie das elektronische Papier zu entwickeln, das Ihr Stammgeschäft mit Kopierern vielleicht eines Tages überflüssig machen könnte?

Burns: Wir verstehen uns nicht als ein Unternehmen der Druckindustrie, sondern als Dokumententechnologiefirma. Xerox macht ja schon heute einen großen Teil seines Geschäfts nicht ausschließlich mit dem Verkauf von Kopierern. Vielmehr mit dem Service drum herum: Beispielsweise, den Büroalltag kostengünstiger und insgesamt schlanker zu gestalten als bisher. Ein langfristiger Abschied vom Papier muss unser Geschäft also nicht gefährden.

mm.de: Wird Xerox sein Forschungs- und Entwicklungsbudget einschränken müssen, falls die Krise noch ein weiteres Jahr anhalten sollte, wie Sie erwarten?

Burns: Wir werden diese Krise nicht als Vorwand verwenden, unsere Forschungsausgaben zu reduzieren. Das haben wir auch in vergangenen Krisen nicht getan, etwa um die Jahrtausendwende herum. Aber: Wir werden noch besser abwägen, für welche Projekte wir die zur Verfügung stehende Summe ausgeben.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.