Geschichte Google Mars macht mobil

Das PC-Planetarium Google Earth legt den Rückwärtsgang ein: Das Programm bietet neuerdings den Blick auf das Wissen vergangener Zeiten. Weniger Details, veraltete Fakten und Schwarz-Weiß-Darstellungen machen den Reiz der Themenreise aus.

Hamburg - Google Earth ist ein Programm mit sicher immensen praktischen Anwendungsmöglichkeiten. Die meisten Internetnutzer schätzen es allerdings aus anderen Gründen: weil man sich damit selbst aufs Dach oder seinen Nachbarn in den Garten sehen kann, den Verlauf des Urlaubsstrands aus der Vogelperspektive erkunden, die Zahl der Stealth Bomber auf der Edwards Base eruieren oder im Wettlauf mit anderen das nächste Ufo entdecken kann.

Kurzum: Google Earth und seine Zusatzdatensätze Sky und Mars sind eine Art Erwachsenenspielzeug, das seine Faszination daraus bezieht, dass es uns allen Zugang zu spionierenden Augen am Himmel gibt.

Oder zu Captain Kirk macht: Seit der Veröffentlichung des Sky-Datensatzes ist Googles Earth auch ein Planetarium, mit dem man auf Weltraumreise gehen kann. Das bisher bestabgebildete Reiseziel ist dabei unser Schwesterplanet Mars, der von Astronomen seit Jahrhunderten beobachtet und kartiert und seit Jahrzehnten fotografiert und vermessen wird. So detailliert ist das Informationsmaterial mittlerweile, dass man per Google Mars knapp über der Oberfläche vor sich hin düsend die Topografie des Mars erkunden kann.

Wer will, kann regelrecht auf Sightseeing-Tour gehen, geführte Touren mitmachen, sich über die Sehenswürdigkeiten informieren. Oder - und das ist neu im aktuellen Update 5.0.1 - er kann sich weniger Details ansehen, dafür aber handgemalt statt fotografiert. Denn das ist die neue Ergänzung zu Google Mars: Layer, die auf historischen Marsabbildungen basieren und die sich per Mausklick über die hochauflösenden Mars-Bilder legen lassen.

Das funktioniert natürlich nur aus der Orbit-Perspektive, denn viel mehr als eine groß geratene Murmel mit interessanten Farben war der Mars bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht. Trotzdem ist auch diese Themenreise schön: Es ist eine Reise in die Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit. Man besucht eben keinen Nachbarplaneten, sondern schaut Forschern vergangener Zeiten über die Schulter.

Antiquarisches Spielzeug für Erwachsene

Zum Beispiel Giovanni Schiaparelli, dem angeblichen Entdecker der so berühmten wie halluzinierten Mars-Kanäle. Schiaparelli hatte von 1887 bis 1890 eine Reihe Marskarten gezeichnet, auf denen er feinlinige Strukturen verewigte, die er "canali" nannte. Der Italiener meinte damit Klüfte, Schluchten, vielleicht auch Flussbetten. Übersetzt aber wurde es als "Kanäle" - und die Hysterie um Mars-Bewohner begann. Acht Jahre später veröffentlichte Herbert George Wells "The War of the Worlds" und damit den Prototypen des Alien-Sci-Fi-Romans.

Dort endet die Signifikanz der alten Karten aber keineswegs. Nicht nur, dass Schiaparelli und andere Entdecker geografischen Merkmalen des Mars Namen gaben, die noch heute benutzt werden. So antiquarisch sie heute auch wirken mögen, sind sie doch weit mehr als in Tusche gezeichneter Wandschmuck: Nichts macht das deutlicher als das Spielen mit den Möglichkeiten des Erwachsenenspielzeugs Google Mars.

Unser Tipp: Wählen Sie eine Perspektive des Roten Planeten und verändern sie diese nicht. Legen Sie nun einen Layer nach dem anderen auf: Über das Auswahlfenster auf der linken Seite des Google-Earth-Fensters lässt sich die Ansicht des Bildes ändern - von den klassischen Karten bis zur Falschfarben-Aufnahme.

Was man dabei entdeckt? Verblüffendes. So "falsch" im Sinne von wenig realitätsnah ein alter Stich auch wirken mag, so sehr ähnelt er am Ende doch selbst den modernsten, detailliertesten Aufnahmen. Sie mögen mit ihren Deutungen hier und da daneben gelegen haben, aber sie hatten scharfe Augen, die Herren Schiaparelli, Lowell oder Green - und entdeckten auf unserem Nachbarplaneten das, was sie selbst kannten oder sich vorstellen konnten. Vulkane mit 1800 Kilometer Durchmesser und 27 Kilometer Höhe gehörten nicht dazu: Noch vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert klang die Möglichkeit von Kanalbauten da weit plausibler.