IT-Branche Zwischen Depression und Manie

Experten streiten darüber, wie hart die Wirtschaftskrise die Branche treffen wird. Auch auf der Cebit macht sich dieses manisch-depressive Gefühl breit. In Hannover schlucken alle denselben Stimmungsaufheller: Neue Informationstechnologien sollen die Rezession bezwingen.

Hannover/Hamburg - An vielen Ecken der Messehallen interpretiert die Cebit das Modethema Green IT auf ihre eigene Art: Wo im vergangenen Jahr noch Computer und TV-Geräte präsentiert wurden, stehen jetzt Topfpflanzen. Viele Messestände bleiben in diesem Jahr leer, manche Hallen sind nur zur Hälfte mit Ausstellern gefüllt. Grünpflanzen sollen die weißen Flecken zwar übertünchen, der Schwund von 1500 Unternehmen und damit gut einem Viertel der Aussteller hinterlässt dennoch sichtbare Spuren.

Messechef Ernst Raue gibt der Krise die Schuld an dem Rückgang. Firmen, die ihre Marketingbudgets auf null stellen müssen, seien in diesem Jahr nicht in Hannover. Trotzdem sei die Abnahme der Ausstellerzahl gerade wegen der Krise auch ein Erfolg: "Die Cebit 2009 wird ein Zeichen gegen die internationale Krisenstimmung setzen", sagt Raue.

Verwirrend, diese Krise. Besonders in der Technologiebranche scheint sie eine Art manisch-depressiven Stimmungsverlauf hervorzurufen. Während die Marktforscher von Forrester vor wenigen Wochen prognostizierten, die IT-Ausgaben würden 2009 weltweit um 3 Prozent zurückgehen, sagt der Branchenverband Bitkom für Deutschland voraus, dass die Ausgaben für Informations- und Kommunikationstechnologien (ITK) um 1,5 Prozent steigen.

Auch auf der Cebit sind Aussteller und Firmenchefs von der aktuellen Lage hin- und hergerissen. Gefragt nach den Auswirkungen der Rezession leiten viele von ihnen die Antwort mit einem tragenden "einerseits" ein, um ausschweifend Jobabbau, ausbleibende Aufträge und rückgängige Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu erörtern. Doch andererseits, und auch da sind sich viele einig, bahnten gerade innovative Technologien den Weg aus der Krise.

So auch Microsoft-COO Kevin Turner: "Die Krise ist auf der einen Seite die schwierigste wirtschaftliche Situation, die wir je gesehen haben", sagte der Manager auf der Cebit. "Andererseits ist sie eine Chance, die nur einmal im Leben vorkommt." Für Microsoft  bedeute das, Unternehmen mit effektiverer IT beim Sparen zu unterstützen.

Letzter Stand: 43.000 Fachkräfte gesucht

Immerhin, und darauf ist man in der Branche stolz, ist die IT-Industrie dieses Mal nicht das Epizentrum des Wirtschaftsbebens. "Die ITK-Industrie ist heute nicht eine der Ursachen der Krise", sagte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer auf der Messe. Vielmehr werde sie entscheidende Beiträge zu ihrer Lösung leisten.

Einmal im Monat veröffentlicht der Bitkom einen Konjunkturbericht, der die Stimmung des IT-Sektors widerspiegelt. Auf die Frage, ob die Krise hierzulande in der ITK-Branche angekommen ist, antworteten im vergangenen Oktober 13 Prozent mit Ja. Ende Februar, fünf Monate später, waren es bereits 44 Prozent. Die Mehrzahl der Unternehmen spürt demnach aber noch nichts von der Krise: 55 Prozent der ITK-Firmen bemerkten keine direkten Auswirkungen.

Der Bitkom war es auch, der im Herbst vergangenen Jahres die Zahl der offenen Stellen in der IT-Branche bekräftigte: Sage und schreibe 43.000 Fachkräfte wurden dem Verband zufolge damals gesucht. "Das ist unser letzter Stand", sagt ein Bitkom-Sprecher heute. "Natürlich hat sich die Welt seitdem weiter gedreht." Sprich: Die Statistik bedarf dringend einer Aktualisierung. Von dem Verband kommen aber voraussichtlich erst im Spätsommer dieses Jahres neue Zahlen.

Während die einen den Mangel an IT-Fachkräften beklagen, zählen die anderen die Arbeitsplätze zusammen, die in der Branche Tag für Tag verloren gehen: Der Silicon-Valley-Blog Techcrunch summiert in seinem "Layoff Tracker" die Zahl der Arbeitsplätze, die in der Technologiebranche seit August 2008 verpufften. Mitte Februar waren es bereits mehr als 300.000, darunter auch bei dem deutschen Softwarekonzern SAP .

Auf der einen Seite Technologieunternehmen, die keine Mitarbeiter finden, auf der anderen ITler, die nach einem Arbeitsplatz suchen: Das passt schwerlich zusammen. "Das Problem ist, dass die Unternehmen zu spezifisches Fachwissen verlangen", sagt ein Student, der sich gerade die Jobangebote auf dem "Job & Career Market" der Cebit anschaut. Der 25-jährige Informatikstudent will seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausloten. "Ich habe zwar schon einige Praktika gemacht, aber in meinem Alter erfüllen die wenigsten die Ansprüche, die Firmen an Nachwuchskräfte stellen."

Mehr Freiberufler und projektbezogene Jobs

Bei dem Cebit-Jobmarkt haben sich 30 Unternehmen versammelt, um Nachwuchskräfte zu suchen, von BASF  über Otto bis Siemens . Schon im vergangenen Jahr konzentrierte sich die Cebit auf den Fachkräftemangel, wenn auch wesentlich publikumswirksamer als heute. In diesem Jahr vergeben die Firmen auf der Messe mehr als 1000 Jobs.

"Im Vergleich zum vergangenen Jahr geht der Trend weg von Festanstellungen, hin zu Freiberuflern und projektbezogenen Jobs", sagt Michael Beilfuß, Geschäftsleiter des IT-Verlags IDG und Mitorganisator des Cebit-Jobmarkts. "Die Unternehmen stellen sich so auf die Krise ein." Er habe aber die Erfahrung gemacht, dass die meisten ITler damit kein Problem hätten. Im Gegenteil - viele wollten sich gar nicht an einen Arbeitgeber binden.

Auffällig sei in diesem Jahr zudem, dass keine Automobilfirma auf dem Jobmarkt dabei ist - das sei sonst immer der Fall gewesen. Immerhin hat sich ein Unternehmen einer anderen Krisenbranche auf den Cebit-Arbeitsmarkt gewagt: Die Deutsche Bank  hat einen eigenen Stand auf dem "Job & Career Market". Ein Blick auf die ausgeschriebenen IT-Stellen des Instituts ist allerdings ernüchternd: Die Bank bietet lediglich Praktika und Traineeprogramme an - auch ein Versuch, sich die Fachkräfte von morgen zu sichern.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.