Yahoo-Manager Börries "Ich arbeite nicht gern in großen Konzernen"

Ein junger Tüftler, ein erfolgreiches Start-up, eine Silicon-Valley-Karriere: Marco Börries will trotzdem nicht mit Bill Gates verglichen werden. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt der Noch-Yahoo-Manager zudem, warum er den Internetkonzern verlässt und wieso man gerade jetzt ein Unternehmen gründen sollte.

mm.de: Herr Börries, Sie haben eine ungewöhnlich steile Karriere hingelegt: 1985, im Alter von 16 Jahren, entwickelten Sie die Bürosoftware Star Office, die Sie 25 Millionen Mal verkauften. 1999 veräußerten Sie Ihr Unternehmen für einen zweistelligen Millionenbetrag an den IT-Konzern Sun Microsystems . Denken Sie, dass Sie heute, in Zeiten der Wirtschaftskrise, mit einem Start-up so viel Geld verdienen könnten?

Börries: Ich würde sogar sagen, dass es Start-ups heute einfacher haben. Damals war Venture Capital in Europa noch ein Fremdwort. Mit 35 Jahren galt man als Jungunternehmer. Ich war 16. Außerdem war die Softwarebranche damals komplett neu, dafür hat man bei Banken keine Kredite bekommen. Heute ist die Infrastruktur für Gründer viel besser.

Vielleicht würde man momentan nicht so viel Geld für ein Start-up erhalten. Aber wie erfolgreich man mit so einer Firma ist, hängt immer von einer Kombination aus Timing, Produktidee und dem Vertriebsmodell ab.

mm.de: Können Sie das am Beispiel von Star Office erläutern?

Börries: Wir haben das Programm 1996 ins Internet gebracht, lange bevor andere Firmen wie Google  das getan haben. Dadurch ist Sun auf uns aufmerksam geworden. Für mich war es auch wichtig, an einen bekannten Konzern zu verkaufen, der das internetbasierte Star Office im Markt weiter voranbringen konnte. Und das war definitiv der Fall, damals galt Sun schließlich als Nabel des Internets. Ich selbst bin damals ja auch zu Sun gegangen, um das Projekt weiterzuentwickeln.

Als 2001 die New-Economy-Blase platzte, legte Sun Office im Netz aber erstmal auf Eis, bis Google das Konzept vor ein paar Jahren wieder aufgriff. Heute natürlich auf Grundlage einer anderen Technologie, aber die Idee war die gleiche. Star Office war dann die Grundlage für Open Office, eine kostenlose Software auf Open-Source-Basis. Das Programm ist immer noch sehr erfolgreich, gerade in den Schwellenländern.

mm.de: 2001, also nach dem Platzen der Dotcom-Blase, gründeten Sie die Handysoftwarefirma Verdisoft. 2005 kaufte Yahoo  Ihnen das Unternehmen ab, die Ablöse soll 94 Millionen Dollar betragen haben. Liegen Ihnen schwierige Marktbedingungen?

Börries: Das war damals in der Tat der beste Zeitpunkt, ein Start-up aufzubauen. So wie ich generell der Meinung bin, dass man antizyklisch gründen sollte. In Krisenzeiten - wie heute auch - werden die guten ITler und Entwickler auf den Markt geschwemmt. Dazu kommt, dass die großen Konzerne ihre Entwicklungskosten zusammenstreichen, von dort also wenige Innovationen kommen. Auch Start-ups bringen weniger Neuentwicklungen auf den Markt, weil Ihnen die Investoren fehlen. Und diejenigen, die eine Finanzierung bekommen haben, müssen ihr Businessmodell ändern, damit sie schnell Geld verdienen.

All diese Faktoren kreieren ein Vakuum von Innovationen. Wenn sich das Marktumfeld später erholt, werden von Konzernen plötzlich händeringend kleinere Firmen gesucht, die das Vakuum ausfüllen. So war das damals auch bei Yahoo und Verdisoft.

"Microsoft hat das Internet nicht verstanden"

mm.de: Nicht nur Verdisoft ging an Yahoo: Sie gingen mit und wurden Chef von Yahoo Mobile, der Sparte für mobile Dienste. War der Übergang vom Start-up-Leiter zum Angestellten eines Konzerns nicht problematisch?

Börries: Das ist eine Umstellung, ganz klar. Generell sind in großen Firmen Innovationen nur schwierig durchzusetzen, weil das Chance-Risiko-Verhältnis ganz anders ist als in Start-ups. Viele Mitarbeiter in Konzernen haben Angst davor, ein Risiko einzugehen, weil sie das den Job kosten kann. Und die Chance besteht darin, vielleicht mal eine kleine Gehaltserhöhung zu bekommen.

Deshalb arbeite ich eigentlich auch nicht gerne in großen Konzernen: Sie beschäftigen sich zu einem Großteil der Zeit mit Themen, die aus Start-up-Sicht komplette Zeitverschwendung sind. Aber für ein Großunternehmen sind sie nun mal absolut wichtig. Für Start-ups geht es oft ums pure Überleben. Und ob ich nun für Yahoo oder Sun gearbeitet habe, ich habe immer versucht, diesen Überlebensinstinkt mit in diese Konzerne zu nehmen.

mm.de: Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Sie Yahoo Ende April verlassen. In der Mobile-Sparte haben Sie den Konzern mit Diensten wie "Yahoo Go" und "One Search" vorangebracht. Warum kehren Sie dem Unternehmen nun den Rücken?

Börries: Das hängt allein mit meinen privaten Lebensumständen zusammen. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen, die in Deutschland leben. Das ist mit meinem Job bei Yahoo nicht mehr vereinbar.

Für mich war deshalb schon im Sommer letzten Jahres klar, dass ich Yahoo  verlassen will. Damals steckte der Konzern aber mitten in der Aufarbeitung der Auswirkungen der gescheiterten Microsoft-Offerte. In dieser Situation wollte ich niemanden hängen lassen.

mm.de: Steht der Verkauf an Microsoft nicht mehr zur Debatte?

Börries: Dazu möchte ich nichts sagen, schon weil ich juristisch dazu verpflichtet bin. Ich wäre aber nicht vier Jahre lang bei Yahoo geblieben, wenn ich nicht daran glauben würde, dass eine Menge Potenzial in dem Unternehmen steckt. Das letzte Jahr war natürlich tumultartig und ich hätte mir sicher gewünscht, dass einige Dinge anders gelaufen wären. Aber im Nachhinein zu sagen, dies oder das hätte besser laufen können, ist Blödsinn.

Was man an der Diskussion allerdings gut beobachten kann: Microsoft hat durch das Internet zum ersten Mal massive Probleme bekommen. Meiner Meinung nach hat Microsoft das Internet noch nicht richtig verstanden. Das ganze Monopol ist noch aufgebaut auf den Gewinnen von Windows, Office und den Serverkomponenten. Alles andere - ob Mobile, XBox oder Internet - sind Milliardengräber. Der Konzern hat momentan ein echtes Problem.

"Ich werde nicht in Rente gehen"

mm.de: Dabei werden Sie hierzulande oft und gern mit Bill Gates verglichen: Ein junger PC-Bastler, der in einer Garage den Grundstein für sein Start-up legt und damit später Millionen verdient …

Börries: Ein Vergleich, den die Welt nicht braucht. Was Bill mit Microsoft erreicht hat, ist unerreicht. Ich denke, dass ich sehr erfolgreich bin, aber Gates hat einfach eine ganz andere Sache geschafft. Er war damals auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, fast zehn Jahre vor mir. Klar, er hat sein Monopol ausgenutzt. Aber ich kenne niemanden, der es in seiner Situation nicht genauso gemacht hätte.

mm.de: Die neue Yahoo-Chefin Carol Bartz gilt als Managerin mit forschem Führungsstil, die Yahoo umstrukturiert und das Management umkrempelt. Hat das zu Ihrem Abschied beigetragen?

Börries: Nein, mein Weggang hat nichts mit Yahoo oder Carol zu tun. Ich finde, sie ist eine gute Wahl für den Konzern. Sie ist resolut, aber das ist aus meiner Sicht genau der richtige Ansatz, wie man das Potenzial nutzt, das in Yahoo steckt.

mm.de: Im Silicon-Valley-Gerüchteblog Valleywag heißt es, Sie seien einer der unbeliebtesten Yahoo-Manager. Was ist an diesem Ranking dran?

Börries: Bevor ich kam, war die Mobile-Sparte von Yahoo nicht gerade erfolgreich. Ich habe die gesamte Führungsebene bis auf zwei Personen ausgetauscht, weil ihnen der Antrieb fehlte. Das hatte den simplen Grund, dass ich schneller und härter sein muss, wenn ich mit Giganten wie Google konkurriere. Ich leite den Bereich eben wie ein Start-up und verlange den Leuten einiges ab. Das passt manchen nicht. So können solche Sachen entstehen.

mm.de: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?

Börries: CEO einer großen Firma werde ich sicher nicht. Es ist nicht mein Ziel, einen Konzern oder einen Teil davon zu leiten. Ich liebe es, Produkte und Innovationen an den Markt zu bringen.

mm.de: Also wird man Sie ab kommendem Mai wieder auf dem Chefsessel eines Start-ups vorfinden?

Börries: So schnell geht das nicht. Aber wie gesagt: Die Situation auf dem Markt ist momentan sehr interessant. Und ich bin gerade 40, sicherlich werde ich nicht in Rente gehen. Ich kann aber nichts anfangen, während ich gerade noch mit etwas anderem beschäftigt bin. Ich werde definitiv wieder etwas Neues machen. Wann, wie und wo ist aber komplett offen.

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