LinkedIn auf Deutsch Neuanfang im "nuklearen Winter"

Die Zeiten werden rauer - auch im Web 2.0. Längst sind es nicht mehr nur Autobauer und Großindustrie, die unter der Krise leiden und massenhaft entlassen. Auch für Internetunternehmen wird die Luft dünner. Die großen Businessportale hoffen allerdings, von der Krise sogar zu profitieren. Eines davon, LinkedIn, ist nun auch in deutscher Version am Start.

Hamburg - Lange schon war es angekündigt - jetzt ist es tatsächlich so weit. Die Businessplattform LinkedIn ist seit Mittwoch in deutscher Übersetzung verfügbar. Innerhalb des laufenden Jahres - so der Plan - soll die Nutzerzahl so von derzeit 500.000 auf eine Million steigen.

Das klingt nicht unbedingt viel, angesichts der Tatsache, dass LinkedIn mit 35 Millionen Nutzern weltweit globaler Marktführer ist. Aber anders als in Ländern wie Frankreich oder in Spanien, wo die Amerikaner bereits nach einem Monat die Spitzenposition bei den Businessnetzwerken übernahmen, gibt es in Deutschland mit Xing bereits einen etablierten Wettbewerber - mit rund 2,3 Millionen Nutzern hierzulande.

"In Deutschland wird es schwieriger als in anderen europäischen Märkten", glaubt denn auch LinkedIn-Europa-Chef Kevin Eyres, aber "Deutschland ist ein sehr wichtiger Markt für uns."

Europaweit hat das Netzwerk aus den USA mit neun Millionen Nutzern schon jetzt die Nase vorn. Xing liegt mit 6,5 Millionen weit dahinter. Allerdings können die Hamburger auf mehr als eine halbe Million zahlender Kunden aufbauen, was zusammen mit anderen Einnahmen in den ersten drei Quartalen 2008 mehr als 4,7 Millionen Euro in die Kassen der Hamburger spülte. LinkedIn veröffentlicht keine Zahlen - gibt nur an, dass es in den vergangenen beiden Jahren profitabel war.

Bei Xing gibt man sich gelassen: "Eine Sprachversion alleine macht noch keine Community", heißt es da. "Und wer gewollt hätte, hätte sich schon vor Jahren bei LinkedIn anmelden können."

Einen großen Vorteil gegenüber Xing sehen die Amerikaner in ihrer globalen Ausrichtung. "Wir können die größere Breite anbieten", sagt Eyres selbstbewusst im Interview mit manager-magazin.de. "Unsere Nutzer sind sehr viel mehr international orientiert als die Xing-Nutzer."

Und damit wollen die Amerikaner punkten. "Alle Angelegenheiten und Probleme, mit denen wir uns derzeit auf der ganzen Welt konfrontiert sehen, sind globaler Natur - also müssen auch die Lösungen global sein", wirbt Eyres. Er ist sich sicher: "LinkedIn wird die aktuelle Krise überstehen." Und nicht nur das: "Wir werden für viele Unternehmen Überlebensmechanismus sein."

"Get real or go home"

"Get real or go home"

Völlig ungeschoren ist die Krise, die Netscape-Gründer Marc Andreesen sogar als "nuklearen Winter" bezeichnete, bislang allerdings nicht an den Netzwerken vorbeigegangen.

Und das nicht nur, weil Kapital derzeit knapp ist und die Onlinewerbeumsätze einbrechen.

Zahlen veröffentlichen zwar nur die wenigsten. Aber wirklich solide Modelle, gutes Geld zu verdienen, haben sich Branchenexperten zufolge bei den Social Networks noch nicht herauskristallisiert. "Es gibt noch keine Formel für den Erfolg", sagt Nicholas Economides, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stern School of Business der New York University.

Chris Alden, Chef der Blog-Softwarefirma Six Apart, rechnet daher in der Branche mit einer massiven Marktbereinigung im Internet. "Wir werden in den nächsten ein, zwei Jahren noch eine Konsolidierungswelle sehen", ist er überzeugt.

RIP: Good Times

Sequoia Capital, die auch bei LinkedIn investiert sind, sollen angesichts der Krise sogar all ihren Unternehmen in einer Präsentation dazu aufgerufen haben, realistisch zu werden - "get real or go home". Bezeichnender Titel des Ganzen: "RIP: Good Times."

Erste Federn hat die Branche bereits gelassen: So kündigte die weltweite Nummer drei bei den Social Networks, Hi5, bereits im Oktober an, bis zu 15 Prozent seiner 110 Jobs streichen zu wollen. Und auch an LinkedIn ist die Krise nicht spurlos vorübergegangen. Zwar sammelten die Amerikaner in zwei Finanzierungsrunden im Juni und Oktober zusammen mehr als 75 Millionen Dollar ein und haben damit Kapital für die Expansion im Rücken. Doch im November kündigte auch LinkedIn einen umfassenden Stellenabbau an - rund 10 Prozent der Arbeitsplätze sollen wegfallen.

Doch im Vergleich zu vielen kleineren sozialen Netzwerken, könnten die Businessnetzwerke in gewisser Weise von der Krise sogar noch profitieren. Die Mitgliederzahlen jedenfalls steigen. So soll sich die Zahl der Nutzer aus dem Bankbereich bei LinkedIn seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers verdoppelt haben. Und auch bei Xing gründeten sich angesichts massenhafter Entlassungen zahlreiche Alumni-Guppen.

"Wir werden Überlebensmechanismus sein"

"Wir werden Überlebensmechanismus sein"

Die Werbung scheint ebenfalls trotz Krise weiterzulaufen. "Wir sind als Unternehmen profitabel, haben unsere eigenen Erwartungen erfüllt, und unsere Werbeumsätze werden steigen", gibt sich Eyres selbstbewusst - ohne konkrete Zahlen zu nennen. Und selbst im Geschäft mit Rekrutierungsdienstleistungen wachsen laut Eyres trotz weltweiter Massenentlassungen die Umsätze.

"Die Leute schauen sich sehr genau an, wen sie einstellen", sagt Eyres. "Und da sind wir einfach effektiv." Hoffung ruhen aber auch auf der Onlinewerbung, die bei LinkedIn neben Mitgliedsbeiträgen, Jobmarkt, Marktforschung und dem, was unter dem Begriff "corporate solutions" firmiert, also überwiegend Angebote an Personaler großer Unternehmen, eine bedeutende Rolle spielt.

Und hier können die Business-Netzwerker mit einem Pfund wuchern, über das klassische Medien nicht verfügen. "Wir wissen, in welchem Unternehmen unsere einzelnen Mitglieder arbeiten, in welcher Branche, auf welcher Führungsebene - und so können wir Werbung an den richtigen Mann bringen", sagt Eyres. Verknüpft mit verhaltensorientierter Werbung "wird das richtig interessant", sagt er. "Die Unternehmen werben dort, wo es effektiv ist. Und wir sind effektiv, sehr sogar."

Auch bei Xing ist man zuversichtlich, die Krise gut überstehen zu können und sieht sich als Gewinner. "In wirtschaftlich unsicheren Zeiten erkennen die Leute verstärkt, dass Kontakte wichtig sind", sagt Xing-Sprecher Thorsten Vespermann. Trotz wirtschaftlicher Umwälzungen sei "2009 erfreulich angelaufen", betont er.

Langfristig allerdings, ist LinkedIn-Europa-Chef Kevin Eyres überzeugt, wird "im Geschäftsbereich nur ein großes Hauptnetzwerk überleben". Ein Posten, den LinkedIn gerne hätte. Dafür setzten die Amerikaner auf Expansion und auf Wachstum. Deutschland ist hier nur ein weiterer Schritt. Die nächsten - auch in Europa - werden folgen.

Gut verdrahtet: Businesshelfer im Internet

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