Spoerr-Urteil Die Aktionäre überfahren

Das Urteil ist gesprochen. Eckhard Spoerr muss nicht wegen Insiderhandels ins Gefängnis. Das Hamburger Landgericht verhängte stattdessen eine hohe Geldstrafe gegen den ehemaligen Freenet-Chef. Zur Begründung wählte der Richter einen drastischen Vergleich.
Von Lilli Schrauzer

Hamburg - "Stellen Sie sich vor, Sie sind Lokführer. Während der Fahrt teilt man Ihnen mit, dass sich ein Mensch auf den Schienen befindet. Sie geben daraufhin Gas," so beschrieb Richter Michael Kaut das Verhalten von Eckhard Spoerr und Axel Krieger, die wegen verbotener Insidergeschäfte vor der Wirtschaftsstrafkammer des Hamburger Landgerichts zu einer Geldstrafe von je 300 Tagessätzen verurteilt wurden. Während Krieger weiterhin Finanzvorstand des Unternehmens ist, hat Spoerr am 23. Januar sein Amt als Vorstandsvorsitzender von Freenet  niedergelegt.

Bei Spoerr schlägt ein Tagessatz mit 1000 Euro zu Buche, seine Strafe beträgt insgesamt 300.000 Euro. Krieger muss lediglich die Hälfte zahlen, insgesamt 150.000 Euro mit einer Tagessatzhöhe von 500 Euro. Außerdem gibt es noch eine Einnahme für die Staatskasse: Die Gewinne, die die beiden damals mit ihrem Geschäft machten, müssen sie zurückzahlen. Dabei handelt es sich um jeweils rund 700.000 Euro. Summa summarum muss Spoerr ungefähr eine Million Euro zahlen. Er selbst hatte auf Nachfrage des Gerichts sein Privatvermögen als kleinen, einstelligen Millionenbetrag beschrieben.

Im Juli 2004 hatten Spoerr und Krieger Aktien des Unternehmens aus einem Sondervergütungsprogramm verkauft. Im August desselben Jahres gab Freenet schlechte Quartalszahlen bekannt. Die Manager erzielten damals einen Erlös von jeweils etwa 1,17 Millionen Euro. Spoerr und Krieger hatten bis zum Ende des Prozesses den Vorwurf von sich gewiesen, ihr Insiderwissen vorsätzlich ausgenutzt zu haben.

Bei der Urteilsverkündung am Freitag zeigte Spoerr keine Regung. Es hätte schlimmer ausgehen können. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung gefordert. Aber ein Fleck auf der Managerweste kann bleiben: Ab einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen erhält der Verurteilte einen Eintrag in das Bundeszentralregister und ist damit offiziell vorbestraft. Sowohl für Spoerr als auch für Krieger kann dieser Umstand eintreten, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Die beiden gälten dann zehn Jahre lang als vorbestraft.

Oberstaatsanwalt Uwe Hitziger war gelassener als an den vorangegangenen Prozesstagen. "Die Staatsanwaltschaft wird intern prüfen, ob eine Revision in Betracht kommt. Eine Freiheitsstrafe erachten wir noch immer als tatadäquat." Die hohe Geldstrafe scheint Hitziger versöhnlich zu stimmen. Er lächelt. Das erste Mal seit Prozessbeginn.

Kriegers Verteidiger Otmar Kury gibt dagegen seine Unzufriedenheit mit dem Urteilsspruch klar zu erkennen: "Das Urteil taugt nichts. Wir werden es dem Bundesgerichtshof zur Revision vorlegen. Es ist nicht überzeugend begründet." Spoerrs Anwalt Hanns Feigen, der noch bis vergangenen Montag dem Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel aus der Patsche helfen musste, schweigt.

Zur Urteilsbegründung führte Richter Kaut aus, Spoerr und Krieger hätten ihr Insiderwissen vorsätzlich für ihre Geschäfte ausgenutzt. Um einen Kursverlust zu verhindern und die Aktionäre nicht zu beunruhigen, hätten sie im Juli 2004 "in bestem Wirtschaftsdeutsch drum herumgeredet". Er wirft den Managern vor, bewusst die Entwicklung der Aktie beobachtet, alle erforderlichen Schritte organisiert, kursschonend verkauft, eine nach dem Wertpapierhandelsrecht erforderliche Mitteilung unterlassen sowie den Verkaufsbeginn falsch datiert zu haben, damit sie ihre Aktien zu einem guten Kurs verkaufen konnten.

Das Gericht folgte nicht der Strategie der Verteidigung. Nach Ansicht der Anwälte hätten Spoerr und Krieger die Aktien zu diesem Zeitpunkt verkaufen müssen, um einen verbindlichen Vorstandsbeschluss umzusetzen. Damit hätten unternehmensinterne Regeln über dem Gesetz gestanden. Richter Kaut greift noch einmal das Bild von dem Zug auf: "Wenn Sie als der Lokführer, auf dessen Gleisen sich ein Mensch befindet, Gas geben, statt zu bremsen, dann können Sie sich nachher nicht damit entschuldigen, Sie hätten doch nur den Fahrplan einhalten wollen."

Verwandte Artikel