Microsofts mobiles Internet Der Reiz der Wolke

Mobilmachung bei Microsoft: In wenigen Wochen werde der Konzern neue Onlineangebote für Handynutzer veröffentlichen, berichten US-Fachdienste. Das erinnert an Apples MobileMe, an Dienste von Google, Nokia und anderen. Der Kampf um die Datenwolke hat begonnen.

Hamburg - Nicht mehr der persönliche Computer, der PC, sondern das Internet soll künftig im Zentrum stehen. Diese neue Strategie hatte Microsoft-Manager Ray Ozzie Ende Oktober 2008 verkündet, als er Windows Azure vorstellte, Microsofts Windows-Betriebssystem für Cloud Computing. Gerüchten zufolge wird das Unternehmen in Kürze die ersten Anwendungen vorstellen, die sich der Azure-Technik bedienen. Und somit auf einen Schlag Millionen Handynutzer zu potenziellen Nutzern von Microsofts Datenwolke machen sollen.

Der Charme der Wolke: Das Endgerät ist nur ein Fenster auf einen stets aktuellen Datenbestand. Wer am Rechner einen Termin einträgt, sieht ihn später auch beim Blick in den Handykalender, wer mobil einen Kontakt einträgt, kann ihn später am PC abrufen - immer nur online, versteht sich. Das Gleiche gilt für Adressbücher, E-Mails, online abgelegte Fotos, Dokumente und so weiter.

Microsoft  reiht sich nun, wenn sich das Gerücht bewahrheitet, in einen Reigen von Anbietern aus unterschiedlichsten Branchen ein, die alle das Gleiche wollen: den offiziellen Zugang zur Datenwolke bereitstellen. Dazu gehören beispielsweise der Suchmaschinenbetreiber Google , der Hardware-Hersteller Apple mit MobileMe und der Handyproduzent Nokia mit seinem Dienst Ovi. Auch die Mobilfunker von Vodafone  planen nach Informationen von "Spiegel Online", verstärkt auf solche mobilen Datendienste im Mantel der eigenen Marke zu setzen. Das Kalkül bei allen Konkurrenten: Wer seine Daten hergibt, will dem Onlinearchivar vertrauen können - da müssten starke Marken einen Vorteil bieten.

Microsofts offizielle Ankündigung, dieser Konkurrentenschar beizutreten, sei für den Mobile World Congress geplant, die wichtigste Mobilfunkmesse des Jahres, meldet das Branchenportal "Neowin". Der Kongress findet Mitte Februar in Barcelona statt. Dem Bericht zufolge soll Microsofts Technik Handyanwendern ermöglichen, ihre Daten via Web mit online gespeicherten Datenbeständen abzugleichen, Daten im Netz zu sichern und miteinander auszutauschen.

Insgesamt drei Angebote seien bei Microsoft in Entwicklung, die derzeit unter den Codenamen Skybox, Skyline und Skymarket getestet würden, heißt es. Das größte Interesse dürfte dabei das auf Privatanwender ausgerichtete Skybox auf sich ziehen.

Skybox als MobileMe-Klon von Microsoft?

Die Skybox soll es ihren Nutzern unter anderem ermöglichen, Online-Sicherheitskopien der auf dem Handy gespeicherten Daten anzufertigen oder diese auf dasselbe zurückzuspielen. Zudem sei geplant, per Skybox Handydaten online zu verwalten und mit anderen Skybox-Nutzern auszutauschen. Kontaktdaten, E-Mails und Termine wird man per Skybox quasi in Echtzeit mit den online gespeicherten Datenbeständen abgleichen können.

Skyline richtet sich dagegen an kleine und mittelständische Firmen. Mithilfe dieser Onlinesoftware sollen Unternehmen die Handys ihrer Mitarbeiter für die Zusammenarbeit mit Microsofts E-Mail-, Kontakt- und Terminverwaltungssoftware Exchange konfigurieren können.

Als drittes Puzzlestück der neuen Cloud-Computing-Strategie schließlich werde Microsoft  den Onlinesoftwareshop Skymarket im Februar in Betrieb nehmen. In diesem Onlineladen sollen Besitzer von Handys mit Microsofts Mobilsoftware Windows Mobile sich künftig mit Zusatzsoftware versorgen können.

Gut abgekupfert?

Um neue Ideen handelt es sich bei keinem der drei geplanten Onlineangebote. So ging etwa Apple  vor gut einem halben Jahr mit dem Onlinedienst MobileMe an den Start, dessen Konzept wie eine Blaupause für Skybox aussieht. MobileMe verknüpft die Daten stationärer Rechner mit einem Webportal und dem iPhone. Apple hatte allerdings einige Schwierigkeiten, den anfangs versprochen Echtzeitabgleich von Daten tatsächlich umzusetzen. Apples Angebot kostet Einzelnutzer 79 Euro pro Jahr.

Vergleichbar ist auch die Verknüpfung von Googles Internetdiensten mit Handys auf Basis des Google-Betriebssystems Android. Erste Erfahrungen mit dem am Montag in Hamburg vorgestellten T-Mobile G1 etwa zeigten, dass sich das Handy erst dann verwenden lässt, wenn man es mit einem Google-Account verknüpft hat. Statt vom PC wird das Gerät über Googles Onlinekalender und dessen Adressbuch mit Daten versorgt - hier allerdings kostenlos.

Viel Software für Windows-Handys

Viele Google-Anwendungen wie Kalender, E-Mail, Nachrichten-Alerts und andere lassen sich inzwischen auch auf anderen Smartphones integrieren - ein Android-Handy braucht man dafür nicht unbedingt, nur eine Internetverbindung.

Eine entscheidenden Unterschied zu Google und MobileMe soll Skybox den Gerüchten zufolge dann aber doch aufweisen: Während MobileMe nur mit iPhones zusammenarbeitet und Google sein volles Potenzial derzeit dem G1 vorbehält, soll Microsofts Skybox auch mit Handys nutzbar sein, auf denen kein Windows Mobile installiert ist.

Allerdings haben sowohl Apple  als auch Google  bereits Onlineshops für Handysoftware in Betrieb genommen. Bei Google tummeln sich dort im dritten Monat nach Einführung des Google-Handys in den USA bereits rund 700 Applikationen. Apples App Store vermeldete kürzlich, das Angebot an iPhone-Programmen umfasse mittlerweile 15.000 Stück. Microsofts Angebot an Windows-Mobile-Software dürfte irgendwo dazwischen liegen. Schließlich gibt es schon jetzt Tausende Zusatzprogramme für Windows-Handys. Nur muss man sich die bisher noch mühsam aus unterschiedlichen Quellen zusammensuchen.

Über mögliche Preise für Microsofts neue Onlineangebote für Mobilfunker gibt es bislang nicht einmal vage Spekulationen. Von kostenlos bis sehr teuer ist hier noch alles möglich. Anzunehmen ist allerdings, dass zumindest Skyline, der Dienst für Firmenanwender, kostenpflichtig sein wird. Als sicher gilt auch, dass Microsofts Handydatenwolke in die Reihe der Windows-Live-Angebote eingereiht wird.

Zudem wird gerüchtelt, das Unternehmen werde in Barcelona die neue Version 6.5 seines Handybetriebssystems Windows Mobile zeigen. Gut möglich, dass die Entwickler bei dieser Software darauf geachtet haben, Betriebssystem und Onlinedienste ähnlich eng miteinander zu verknüpfen, wie es Apple und Google bereits vorgemacht haben. So würden Windows-Handys zu den aktuellen Trends aufschließen und könnten wieder an Attraktivität gewinnen - was sie dringend nötig haben.

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