Qimonda-Insolvenz Infineon akut bedroht

Die Qimonda-Insolvenz könnte mittelfristig auch die Mutter Infineon ins Trudeln bringen. Durch die Notlage seines Ablegers drohen dem Münchner Halbleiterhersteller offensichtlich weitere Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe – etwa für Abfindungen, Kartellverfahren oder die Rückzahlung von öffentlichen Fördermitteln.

Hamburg - All das könne die ohnehin angespannte Finanzlage bei Infineon weiter verschärfen, berichtet das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe.

Vor allem durch die hohen Qimonda-Verluste war das Eigenkapital von Infineon  im vergangenen Geschäftsjahr um mehr als die Hälfte auf nur noch knapp zwei Milliarden Euro geschrumpft. Bis 2010 muss das Unternehmen zudem zwei Anleihen im Wert von über 900 Millionen Euro zurückzahlen und Kredite in Höhe von rund 300 Millionen Euro verlängern.

Erst vor kurzem beschloss das Infineon-Management, seine Aktionäre bei der Hauptversammlung am 12. Februar um eine Kapitalaufstockung bis zu 450 Millionen Euro zu bitten. Doch die dürfte nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens bei Qimonda  vorerst kaum möglich sein. Die neuen Hiobsbotschaften drückten den Preis der Infineon-Papiere in den vergangenen Tagen auf unter einen Euro – und damit deutlich unter den für die Kapitalerhöhung nötigen Wert von zwei Euro.

Unterdessen hat der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, der Europäischen Union vorgeworfen, beim Schutz von Qimonda vor der asiatischen Billigkonkurrenz versagt zu haben. "Die EU hätte mehr Druck machen müssen, damit die Subventionsflut in Asien gestoppt wird, eventuell mit Hilfe der Welthandelsorganisation", sagte Blum der "Berliner Zeitung" (Samstagsausgabe). "Unter Umständen hätte man auch Strafzölle auf die unter verzerrten Bedingungen hergestellten Chips erheben können."

Die Auswirkungen einer möglichen endgültigen Schließung von Qimonda seien "sehr groß", sagte Blum. Jeder fünfte der 50.000 Arbeitsplätze im "Silicon Saxony", der Hochtechnologieregion um Dresden, hänge indirekt von Qimonda ab. "Es wäre also ein schwerer Schlag für die Region."

Auch nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Joachim Ragnitz ist die Qimonda-Pleite ein Verlust für den Mikroelektronik-Standort Dresden und möglicherweise ganz Europa. Ausgehend von der Prämisse, dass Europa eine eigene Halbleiterindustrie brauche, sei die Insolvenz sicherlich eine Schwächung der Europäischen Union, sagte der stellvertretende Chef des ifo-Instituts Dresden.

Ragnitz betonte, ganz offenkundig habe Qimonda es nicht vermocht, sich durch Restrukturierung oder technologische Neuerung rechtzeitig anzupassen. "Insoweit liegt hier auch unternehmerisches Versagen vor."

"Bürgschaft über 200 Millionen Euro"

Ein Qimonda-Manager hat unterdessen Vorwürfe der Bundesregierung zurückgewiesen, wonach ein mögliches Rettungskonzept mit neuen Geldforderungen belastet wurde. "Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt", sagte ein hochrangiger Manager des Münchener Konzerns der "Welt am Sonntag" laut Vorabbericht vom Samstag. Er wies Äußerungen aus der Politik zurück, dass Qimonda von der öffentlichen Hand zusätzliche 300 Millionen Euro Hilfe gefordert habe.

"Wir brauchten eine Bürgschaft über 200 Millionen Euro. Die weiteren 100 Millionen Euro hätten wir aus selbst organisierten Finanzierungsmaßnahmen schließen können", sagte der Manager. Er glaubt, dass die Insolvenz des Speicherchipherstellers so hätte vermieden werden können. "Die Bürgschaft hätte uns Spielraum verschafft. Dann wäre Zeit gewesen, bis Ende Februar das Rettungspaket über 325 Millionen Euro zu schnüren", sagte er dem Blatt.

Der Freistaat Sachsen, der Mutterkonzern Infineon und das Land Portugal hatten sich im Dezember auf einen Hilfskredit für Qimonda über 325 Millionen Euro geeinigt. Bei einem Treffen am Mittwoch in Berlin hatte Qimonda dann aber weiteren Finanzierungsbedarf angemeldet. Sachsen, Infineon und Portugal lehnten eine neue Bürgschaft ab.

Nach Informationen der "Welt am Sonntag" kam der zusätzliche Finanzbedarf bei Qimonda zustande, da der Konzern eigentlich bereits Ende Dezember mit ersten Überweisungen aus dem Hilfspaket rechnete. Wegen der Verzögerung habe man Investitionen nicht vornehmen und so die Produktionskosten nicht drücken können, hieß es. Zudem waren die Preise für Speicherchips weiter gesunken. Dadurch entstand im Rettungskonzept eine Lücke von 300 Millionen Euro.

Qimonda hatte am Freitag wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet. Betroffen ist unter anderem das Qimonda-Werk in Dresden mit rund 3.000 Mitarbeitern. Der Standort Dresden gilt als größter europäischer der Mikroelektronik-Branche.

manager-magazin.de mit Material von afp, ap und ddp

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