IT-Dienstleister "Indien ist nicht mehr unbesiegbar"

Ein Boomland bangt um seinen Ruf: Der Bilanzskandal um den IT-Dienstleister Satyam droht auf die gesamte indische Outsourcing-Industrie abzufärben. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt Douglas Hayward vom IT-Marktbeobachter IDC die Gründe dafür und sagt, welche Folgen der Fall Satyam für die westliche Konkurrenz haben könnte.

mm.de: Herr Hayward, der Bilanzskandal beim indischen IT-Dienstleister Satyam vor knapp zwei Wochen hat hohe Wellen geschlagen. Seither gelangen immer neue Details tröpfchenweise an die Öffentlichkeit. So etwa, dass einige Satyam-Manager, die angeblich nichts von der gefälschten Bilanz wussten, vor Bekanntwerden des Skandals über Monate hinweg Aktien verkauft haben. Wenn Sie sich in die Rolle eines Partners oder Kunden von Satyam  versetzen - würden Sie aus dem Skandal Konsequenzen ziehen?

Hayward: Satyam ist sicherlich kein schlechtes Unternehmen. Wir haben mit zufriedenen Kunden in Westeuropa gesprochen, und unsere Studien haben ergeben, dass die Dienstleistungen von Satyam denen von Branchengrößen wie Tata Consultancy Services (TCS) und Infosys  qualitativ in nichts nachsteht.

Aber bei europäischen Unternehmen kommt jetzt natürlich eine große Frage auf: Wenn angesehene IT-Dienstleister wie Satyam solche Probleme verbergen - wie viele Unternehmen sitzen mit ihnen in einem Boot? Jeder hofft natürlich, die Antwort darauf lautet "kein einziges". Aber allein die Tatsache, dass sich momentan viele diese Frage stellen, ist für die Branche von Bedeutung.

mm.de: Der Skandal wird also auch Satyams Wettbewerber treffen - selbst wenn sie eine saubere Weste haben?

Hayward: Unbedingt. Ich würde noch weiter gehen: Satyam kann zum Problem für das ganze Land werden. Denn der Fall macht klar, dass Indien nicht mehr unbesiegbar ist.

mm.de: Harte Worte für eine Branche, die bis vor Kurzem noch darauf spekulierte von der Wirtschaftskrise zu profitieren. Immerhin lagern sparwütige Unternehmen ihre IT bevorzugt in Billiglohnländer wie Indien aus.

Hayward: Das ist richtig, bis vor wenigen Monaten waren die erfolgsverwöhnten Inder ihren europäischen Wettbewerbern um Längen voraus. Insbesondere die dortigen IT-Dienstleister befolgten scheinbar ihre eigenen Gesetze. Aber im vergangenen Jahr waren sie der Konjunkturflaute ebenso ausgesetzt wie die Konkurrenz aus dem Westen.

Gerade gab zum Beispiel Branchenführer TCS bekannt, dass sein Gewinn im dritten Quartal um 15 Prozent gesunken ist. Wohlgemerkt: Die Zahlen stammen aus der Zeit vor dem Satyam-Skandal, der der Branche nun zusätzlich zu schaffen macht.

Aber man kann bereits jetzt sagen: Die indischen IT-Dienstleister haben ihre Aura verloren. Niemand lässt sich mehr von dem Rummel blenden, der in den Boomjahren um Indien gemacht wurde. Auch nicht die Kunden.

"Der Westen hat seine eigenen Inder"

mm.de: Sie glauben, dass Unternehmen, die ihre IT-Dienstleistungen bisher in Indien beziehen, den Satyam-Vorfall auf die gesamte Branche beziehen und den Indern verloren gehen könnten?

Hayward: Ja, das könnte durchaus passieren. Vertrauen ist in dieser Branche sehr wichtig. Das hat vor allem zwei Gründe: Als Auftraggeber eines IT-Dienstleisters muss man Zeit und Geduld mitbringen. So ein Auftrag braucht mitunter Monate, wenn nicht gar Jahre, bis er fertiggestellt ist. Das kostet viel Geld und rentiert sich nur dann, wenn der Dienstleister saubere Arbeit leistet.

Außerdem gilt es maßgebliche Hürden zu überwinden und Risiken einzugehen, wenn man ein indisches Unternehmen engagiert - in kultureller wie auch in technischer Hinsicht. Nach Satyam kann man dieses notwendige Vertrauen nicht mehr als gegeben annehmen.

mm.de: Also profitiert die europäische Konkurrenz letztlich von dem Skandal bei Satyam?

Hayward: Das ist sehr wahrscheinlich. Der Vorsprung der indischen IT-Dienstleister schmilzt momentan schnell. Hinzu kommt, dass die europäischen Anbieter mehr und mehr die indischen Methoden adaptieren, was etwa die Standardisierung der Prozesse und Expansionsstrategien angeht. Das macht das Alleinstellungsmerkmal der indischen IT-Dienstleister zunichte, oder beschädigt es zumindest.

So versuchen führende Anbieter aus den USA und Europa, wie IBM  oder Accenture, die indische Konkurrenz in puncto Preis und Qualität anzugreifen. Der westliche Markt hat jetzt sozusagen seine eigenen Inder.

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