McKinsey Perspectives Elektronische Allianz im Gesundheitswesen

Ärzte, Versicherungen und Krankenhäuser an einem virtuellen Tisch. Statt eines Flickenteppichs das übersichtliche Muster elektronischer Vernetzung. Im extrem komplexen Versicherungsmarkt der USA erobert sich ein Geschäftsmodell im Bereich E-health die Zukunft: Connectivity.

Die Verwaltung des Gesundheitswesens in den USA verschlingt allein jedes Jahr rund 250 Milliarden Dollar. Eine gewaltige Summe. Zugleich aber auch ein verlockendes Potential. Schon haben die ersten Internetanbieter dieses Geschäftsfeld für sich entdeckt. Sie sorgen mit ihren Websites dafür, dass der "Flickenteppich" des amerikanischen Versicherungsmarktes elektronisch neu geknüpft wird.

Marktführer in der elektronischen Vernetzung des amerikanischen Gesundheitswesens sind die vergangenes Jahr fusionierten Firmen Healtheon und WebMD. Beide sind mit über 250.000 Ärzten verbunden und werden durch potente Partner wie IBM, Microsoft und DuPont mit 360 Millionen Dollar unterstützt. Sie versprechen, das Management eines Patienten für Versicherungen, Ärzte und Krankenhäuser erheblich einfacher und kostengünstiger zu gestalten.

Patientendaten auf einen Click

Auf Grund der einheitlichen Verwaltungsgrundsätze der gesetzlichen Krankenversicherung kommt dem in Deutschland keine vergleichbare Rolle zu. Entscheidender für eine Effizienzsteigerung in unserem Gesundheitswesen ist die online-Verfügbarkeit von Patientendaten, die Zeit und Geld spart. Oftmals sind Patientenunterlagen nicht greifbar, wenn sie gebraucht werden. Folge: Viele Tests müssen wiederholt werden.

Ist hingegen jede Patientenunterlage rund um die Uhr über das Internet abrufbar, sind Doppeluntersuchungen, lange Wartezeiten und Abrechnungsfehler erheblich reduzierbar. Doch verstellen einige Stolpersteine den Weg zum Geschäftserfolg. So erschwert die Verwendung von hausgestrickten Datensystemen den Austausch zwischen Hausärzten, Spezialisten und Krankenhäusern. Ärzte müssten zudem ihre handschriftlichen Aufzeichnungen elektronisch erfassen. Wichtigste Bedingung ist aber die Datensicherheit: Patientendaten müssen vor unliebsamen Zugriffen geschützt sein. Ein deutscher Healtheon hätte zudem damit zu kämpfen, dass Arztnetze mit bis zu 200.000 Mitgliedern in Deutschland nicht existieren. Hier wäre viel Überzeugungsarbeit bei allen Beteiligten notwendig sowie ein langer Atem und viel Kapital.

Eine weitere Dimension eröffnet E-Health durch das Nutzbarmachen von Patientendaten. Allein von dem Wissen um Kundenbedürfnisse leben in den USA mittlerweile ganze Unternehmen – und zwar sehr erfolgreich. So genannte Infomediaries verstehen sich als Agenten, die dem Nutzer anonymisierte Informationen zukommen lassen, die direkt auf seine Bedürfnisse zugeschnitten sind. Wer zum Beispiel ein Medikament zur Behandlung von Herzkranzgefäßverengung online bestellt, erfährt zugleich, dass gerade eine neue Diagnosemethode in Deutschland etabliert wird oder wo Herzspezialisten in der Umgebung praktizieren.

Ein noch wenig beachteter Aspekt von E-Health ist die "drahtlose Medizin" mit ihrem gewaltigen Marktpotential. Sie lässt sich beispielsweise zur bequemen 24-Stunden-Überwachung kreislauferkrankter Patienten nutzen: Ein winziges Messgerät überwacht den Herzrhythmus des Patienten und überträgt ihn per Mobiltelefon automatisch in ein Kontrollzentrum, das bei einer Auffälligkeit des EKG sofort eine medizinische Versorgung veranlassen kann. Auf Grund seines einheitlichen Übertragungsstandards besitzt Europa hier einen deutlichen Vorteil gegenüber den USA.

Dennoch sind bei der Vermarktung einmal mehr amerikanische Firmen die Vorreiter: Das Unternehmen Mediaire bietet Fluggesellschaften an, bei Notfällen an Bord ein Team von Ärzten über Funk zu konsultieren. Bislang wurde in über 2700 Fällen entschieden, ob eine Notlandung zur Patientenversorgung notwendig war oder der Flug wie geplant fortgesetzt werden konnte. E-Health bietet für deutsche Entrepreneure noch viele Möglichkeiten. Wer jedoch blindlings Ideen aus den USA abkupfert, wird damit zumeist keinen Erfolg haben – dafür sind die Gesundheitssysteme, aber auch die Mentalität der Patienten und Ärzte zu unterschiedlich. Wer aber die Möglichkeiten erkennt, sie in Produkte übersetzt und seine Angebote auf den deutschen Markt zuschneidet, dem eröffnet E-Health die Chance auf den großen Gewinn.