IT-Dienstleister Satyam Ein Traum aus heißer Luft

Der IT-Dienstleister Satyam galt bislang als eines der Aushängeschilder der indischen Wirtschaft. In dieser Woche schockierte Chef Ramalinga Raju Indien und die Welt mit dem Geständnis, die Bilanzen gefälscht zu haben. Experten sehen Satyams Zukunft düster, wittern aber auch Chancen - nicht nur für die indische Konkurrenz.

Hamburg - Der Fall weckt unschöne Erinnerungen: Ein scheinbar gesunder Konzern mit gigantischen Wachstumsraten. Aufgeblähte Bilanzen, die mit einem großen Knall auffliegen. Und der Katzenjammer danach, gepaart mit der Angst, dass eine Branche oder gar die Wirtschaft eines ganzen Landes in Mitleidenschaft gezogen wird: Der IT-Dienstleister Satyam  gilt vielen bereits jetzt als "Enron von Indien".

Mitte der Woche war es, als der bislang größte Wirtschaftsskandal Indiens aufflog. Ramalinga Raju, Gründer und Chef von Satyam, machte seinem schlechten Gewissen schriftlich Luft: "Mit großem Bedauern und einer gewaltigen Last auf meinen Schultern möchte ich Ihnen Folgendes mitteilen", schrieb Raju dem Aufsichtsrat.

Dann zählt er auf viereinhalb Seiten auf, welche Zahlen in der Bilanz vom 30. September 2008 gefälscht waren: 50,4 Milliarden der insgesamt 53,6 Milliarden Rupien (rund 800 Millionen Euro), die in der Bilanz als Vermögenswerte angegeben waren, seien "nicht existent". Mit anderen Worten: Mehr als 90 Prozent der zuletzt ausgewiesenen Vermögenswerte waren fiktiv. Der tatsächliche Umsatz im vergangenen Quartal habe 21 Milliarden Rupien (rund 314 Millionen Euro) betragen, 22 Prozent unter dem ausgewiesenen Betrag. Die operative Gewinnmarge betrage nur 3 statt der publizierten 24 Prozent.

Raju reiht in seinem Brief nüchtern seine Fehler aneinander, stellt gefälschte und tatsächliche Zahlen gegenüber, bedauert. Er teilt mit, dass er seinen Chefposten niederlegt und gibt zu, dass er über Jahre hinweg die Bilanzen gefälscht hat. "Was als unbedeutende Differenz zwischen tatsächlichem Betriebsergebnis und dem in den Büchern genannten begann, ist über die Jahre gewachsen", so Raju. Schenkt man seinen Ausführungen Glauben, sind einige marginal gefälschte Zahlen außer Kontrolle geraten - Schuld soll vor allem das rasante Wachstum des Konzerns gewesen sein.

Zumindest in diesem Punkt steckt ein wahrer Kern: Satyam ist seit der Gründung 1987 enorm gewachsen und hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre zum Vorzeigeunternehmen gemausert. Unter den indischen IT-Dienstleistern belegte Satyam mit knapp 53.000 Mitarbeitern zuletzt den vierten Platz. Die Branche gilt als Motor des indischen Wirtschaftsaufschwungs: Die großen Spieler unter ihnen wachsen schneller und sind profitabler als ihre westlichen Konkurrenten. Die Gewinnmarge des indischen Marktführers Tata Consultancy Services (TCS) etwa ist mit 20 Prozent doppelt so hoch wie die des weltgrößten IT-Dienstleisters IBM .

Aus den indischen "Big Six" werden "Big Five"

Doch mit dem Fall Satyam befindet sich die IT-Branche auf dem Subkontinent in Schockstarre. Angesichts der explosionsartigen Wachstumszahlen der Konkurrenten kommt die Frage auf, ob Satyam nur die Spitze des Eisbergs sein könnte. Klar ist so viel: Mit der globalen Wirtschaftskrise ist auch der Konkurrenzdruck unter den indischen IT-Dienstleistern gewachsen. "Sie sind stark von Branchen mit hohen IT-Ausgaben abhängig, insbesondere von der Finanzbranche" sagt Peter Kreutter, Branchenexperte an der WHU - Otto Beisheim School of Management. "Gleichzeitig erwirtschaften indische Unternehmen vor allem in den USA und Großbritannien einen Großteil ihrer Umsätze. Deshalb trifft Unternehmen wie Satyam die Finanzkrise gleich doppelt."

Nach Bekanntwerden des Bilanzbetrugs verlor Satyams Aktienkurs innerhalb eines Tages über 80 Prozent an Wert, der indische Aktienindex büßte 7 Prozent ein. Die Zukunft des IT-Dienstleisters malen Experten in düsteren Farben. Sie fürchten, dass der Vorfall bei Satyams Investoren, Arbeitnehmern und Kunden zu einer Vertrauenskrise führen wird. "Es wird für das Unternehmen äußerst schwierig, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen - geschweige denn, das Zutrauen potenzieller Neukunden zu gewinnen", so Branchenkenner Kreutter.

Unter den Kunden und Partnern von Satyam befinden sich neben Konzernen wie General Electric , Nestlé  und Qantas  auch deutsche Unternehmen. "Momentan ist es noch zu früh, zu sagen, ob wir unseren Auftrag kündigen oder nicht", sagte ein Airbus-Sprecher. Satyam hat bislang IT-Dienstleistungen für die deutsche EADS-Tochter entwickelt. Auch die Bertelsmann-Tochter Arvato Systems, die vor gut einem Jahr eine Kooperation mit den Indern geschlossen hat, bleibt Satyam vorerst treu. "Nach allem, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, werden wir die Zusammenarbeit aufrechterhalten", sagte ein Sprecher des deutschen IT-Dienstleisters, der unter anderem Programmieraufträge an Satyam weiterreicht.

Dennoch geben Beispiele aus der Vergangenheit wenig Anlass für Zuversicht. "Bisher ist es noch nie vorgekommen, dass sich ein Unternehmen von einem Bilanzbetrug wie solchem wieder erholt hätte", sagt Frances Karamouzis, Analystin beim IT-Marktforschungsunternehmen Gartner. "Die 'Big Six' in Indien sind zu den 'Big Five' zusammengeschrumpft." Zu den "Big Five", also den fünf größten indischen IT-Dienstleistern, zählt Karamouzis neben Branchenprimus TCS die Konzerne Infosys , Wipro, Cognizant und HCL. Satyam taucht in dieser Liste nicht mehr auf.

Satyams Interimchef Ram Mynampati sprach von "unvorstellbaren Ausmaßen" und räumte ein, dass es unsicher sei, ob das Unternehmen mit Sitz in Hyderabad ausreichend Liquidität für den laufenden Monat habe. Zwei US-Rechtsanwaltskanzleien haben bereits Sammelklagen gegen Satyam eingereicht.

Satyam als Übernahmeziel?

Die Unruhe im Konzern hatte bereits im vergangenen Dezember ihren Anfang genommen, als Raju versuchte, zwei Baufirmen seiner Verwandtschaft zu kaufen. Ausländische Investoren legten ihr Veto ein, die Übernahmen wurden abgesagt. Der Aktienkurs brach daraufhin um 50 Prozent ein. Zudem schloss die Weltbank - bislang einer von Satyams wichtigsten Kunden - den indischen Softwareanbieter von neuen Aufträgen aus und erhob den Vorwurf der Bestechung. Raju wehrte sich vehement gegen diese Vorwürfe.

Wie Raju die Bilanzfälschungen über einen so langen Zeitraum geheim halten konnte, oder ob es gar Mitwisser gab, ist bislang unklar. Raju selbst versichert in seinem Brief, dass niemand außer ihm von den Missständen wusste. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Mitglieder des Aufsichtsrats die Situation kannten", sagte Gartner-Analyst Partha Iyengar gegenüber manager-magazin.de. Doch warum weder sie noch die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC), die seit Jahren bei Satyam tätig sind, den Betrug nicht entdeckten, bleibt vorerst im Dunkeln. "Für uns ist das Ganze ein großes Rätsel", sagt Analystin Karamouzis. PwC wollte keine Stellungnahme abgeben.

Die Branche der IT-Dienstleister in Indien sehen die Experten langfristig nicht in Gefahr. Im Gegenteil - sie könnten von dem Vorfall profitieren, indem Satyams Großkunden und Mitarbeiter zu ihnen überlaufen, sollten weitere belastende Details für das Management ans Tageslicht kommen. Hinzu kommt, dass bei den IT-Serviceanbietern ein hoher Konsolidierungsdruck herrscht - und Satyam hat sich durch den Skandal selbst zum Übernahmeziel gemacht.

Allerdings sei momentan nicht an einen Kauf zu denken, da niemand weiß, wie viel das Unternehmen tatsächlich wert ist. "Derzeit gibt es keine korrekten Informationen über die finanzielle Lage des Unternehmens. Auf kurze Sicht wird niemand Satyam kaufen", so Gartner-Analystin Karamouzis. Langfristig dürften aber durchaus einige Marktteilnehmer Interesse zeigen. "Neben indischen Spielern wurde auch schon über Hewlett-Packard, T-Systems oder Atos Origin als mögliche Käufer spekuliert", sagt Branchenexperte Kreutter.

Während in den letzten Monaten häufig die Rede davon war, dass indische Konzerne die margenschwachen Konkurrenten im Westen kaufen könnten, hat die Finanzkrise und der Satyam-Fall den Spieß nun also wieder umgedreht: Europäische IT-Dienstleister haben die Chance, in Indien Fuß zu fassen.