Xing-Chef Hinrichs Genug genetzwerkelt

Lars Hinrichs, Gründer der Kontaktplattform Xing, legt seinen Posten als Vorstandsvorsitzender nieder und wechselt in den Aufsichtsrat. Das wirft Fragen auf - ist Xing doch eines der wenigen Web-2.0-Unternehmen mit einem erfolgreichen Geschäftsmodell. Doch genau das ist der Grund für Hinrichs' Rücktritt.

Hamburg - Von Risiken lässt sich Lars Hinrichs selten abschrecken. "Je mehr man über eine Gründung spricht, desto mehr schlägt das Pendel in Richtung Risiko aus", sagte der Xing-Chef einmal im Interview. In solchen Fällen konzentriere er sich dann aber eher auf die Chancen.

Diese Momente, in denen man für eine Idee kämpfen muss, müssen Hinrichs in den vergangenen Monaten gefehlt haben. Seinem Businessnetzwerk geht es besser denn je. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres generierte das Unternehmen 25 Millionen Euro Umsatz und ist damit eine der wenigen Firmen, die im Mitmach-Web Geld verdienen. In Hamburg, Peking, Barcelona und Istanbul sind rund 170 Mitarbeiter mit Pflege und Ausbau des Vorzeigenetzwerks beschäftigt. In Deutschland kennt Xing fast jeder.

Vor fünf Jahren, als Hinrichs seine Firma unter dem Namen OpenBC gründete, war das anders: Der damals 26-Jährige erklärte der Welt, warum man im Internet seine berufliche Laufbahn preisgeben, ein Foto einstellen und wildfremde Leute kontaktieren sollte. In einer Zeit, in der Networking noch Vitamin B hieß und persönliche Kontakte noch in der Offlinewelt geknüpft wurden, schrieb Hinrichs 2000 Freunde und Bekannte per E-Mail an und brachte so den Schneeball ins Rollen. Drei Jahre später ging der Jungunternehmer mit seiner Kontaktmaschine an die Börse. Heute zählt Xing 6,5 Millionen Mitglieder, wovon der Großteil den Dienst kostenlos nutzt. Rund 8 Prozent der Mitglieder, die sogenannten Premium-Kunden, zahlen für erweiterte Networking-Funktionen.

Groß-Selbeck als Nachfolger

Und nun der plötzliche Rücktritt. Hinrichs legt seinen Posten nieder und wechselt in den Aufsichtsrat, meldete Xing am Montagmorgen. Sein Nachfolger wird Stefan Groß-Selbeck, der bisherige Geschäftsführer von Ebay Deutschland. Im Gespräch mit manager-magazin.de versichert Hinrichs, dass er den Chefsessel freiwillig räumt: "Ich habe Xing in den vergangenen fünf Jahren erfolgreich aufgebaut. Jetzt gebe ich die Verantwortung an einen erfahrenen Internetmanager weiter."

Laut Hinrichs, der mit einem Anteil von 27,7 Prozent Großaktionär bei Xing ist, sei der Rücktritt über drei Monate hinweg vorbereitet worden. Am vergangenen Freitag kursierten erste Gerüchte, der 31-Jährige werde Xing verlassen. Flugs wurde spekuliert, er sei wegen einer Kontroverse über die Nutzung von Mitgliederdaten zum Rücktritt gezwungen worden. "Das ist frei erfunden", sagt Hinrichs dazu heute. Am Freitag ließ er via Mikro-Blogging-Dienst Twitter verkünden, dass er keinen Kommentar abgebe ("our policy to rumors is and allways will be 'no comment'") und heizte die Gerüchteküche damit nur noch mehr an.

"Es wird etwas Neues geben"

"Es wird etwas Neues geben"

Mit dem offiziellen Rücktritt erklärt Hinrichs gleichzeitig einen Neuanfang. Dass er ab Mitte Januar in den Aufsichtsrat von Xing wechselt, heiße nicht, dass er in Ruhestand geht, sagt er. "Es wird etwas Neues geben. Ich werde die nächste Firma aufbauen." Wann es soweit ist und welche Idee dahinter steckt, sagt Hinrichs nicht. "Dass ich nicht mein ganzes Leben bei Xing verbringen will, das habe ich schon immer gesagt."

Zudem freue er sich, den Ebay-Deutschland-Chef Groß-Selbeck als seinen Nachfolger gewonnen zu haben. Das dürfte ihm indes nicht allzu schwer gefallen sein: Das Internet-Auktionshaus ist ins Straucheln geraten; derzeit sollen weltweit 10 Prozent der Stellen abgebaut werden. Auch der deutsche Standort ist betroffen. 8 Prozent der 1250 Stellen sollen hierzulande wegfallen. Die US-Zentrale verlagerte die Marketing- und Technikabteilung nach Zürich und London - gegen den Willen von Groß-Selbeck, wie es heißt.

"Dass die Wahl auf Groß-Selbeck gefallen ist, macht durchaus Sinn", meint Analyst Jürgen Weiss vom IT-Marktforschungsinstitut Gartner. "Seine Ausrichtung passt zu Xing." So hat Ebay in den vergangenen Jahren Funktionen wie Referenzmarketing in den Onlinemarktplatz integriert.

Der Jurist Groß-Selbeck, der seit 2002 für Ebay tätig ist, hat diese Entwicklung über einen relativ langen Zeitraum hinweg begleitet. "Auch bei Xing versucht man, durch neue Funktionen mehr Mitglieder, vor allem zahlende Premium-Mitglieder, an sich zu binden." Groß-Selbeck wurde 2004 Deutschland-Chef bei Ebay. Auf ihn folgt Frerk-Malte Feller, der vier Jahre für den Ebay-Bezahldienst Paypal arbeitete, bevor er im März dieses Jahres die Leitung des Kerngeschäfts bei Ebay Deutschland übernahm.

Diese Entwicklungen wird Hinrichs ab Mitte Januar allerdings nur noch als Aufseher mitverfolgen. Vielleicht macht er sich bis dahin schon für eine neue Idee stark, die Risiko und den damit verbundenen Nervenkitzel verspricht. "Xing ist erwachsen und längst von einem erfolgreichen Start-up zu einem profitablen mittelständischen Unternehmen mit hervorragenden Wachstumsperspektiven geworden", sagt Hinrichs. Genau das ist wohl der Grund für seinen Rücktritt. No Risk, no Fun.

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